Mit 46 aufeinanderfolgenden Hitzetagen von 38°C und mehr, und einem Atlantik, der sich Whirlpool-Temperaturen nähert, könnte Miami als anschauliches Beispiel für die Kosten einer sich erwärmenden Welt erscheinen. Doch den Analysten von S&P Global Inc. treibt das keine Schweißperlen auf die Stirn.

Sie stuften Miamis Kreditwürdigkeit kürzlich mit Verweis auf die robuste Steuerbasis und den Arbeitsmarkt herauf. Die “erhöhten” Umweltrisiken der Stadt, so S&P, würden durch Projekte zur Eindämmung des steigenden Meeresspiegels ausgeglichen.

Während die Welt unter den zunehmenden Auswirkungen von Hitzewellen, Dürren und heftigeren Stürmen leidet, wächst mancherorts die Sorge, dass Rating-Analysten die Klimarisiken auf dem 133 Billionen Dollar (121 Billionen Euro) schweren globalen Anleihemarkt falsch einschätzen - zum Nachteil von Gläubigern und Schuldnern gleichermaßen.

Untersuchungen der Europäischen Zentralbank zeigen, dass Klimavariablen, selbst wenn sie statistisch signifikant sind, nur eine marginale Rolle bei der Festlegung der Länderratings spielen. Und eine von einem Ökonomen der Federal Reserve durchgeführte Studie deutet darauf hin, dass extreme Wetterereignisse die Fähigkeit einiger Staaten einschränken könnten, Schulden aufzunehmen.

Moritz Kraemer, der bis 2018 für die Länderratings von S&P Global verantwortlich war und jetzt Chefvolkswirt bei der Stuttgarter LBBW ist, sieht den Klimawandel “noch nicht fest in der Methodik verankert”, die von den größten Ratingagenturen verwendet wird.

Es ist erst 15 Jahre her, dass S&P, Moody’s Investors Service und Fitch Ratings den Subprime-Hypothekenmarkt, der 2008 die Finanzkrise auslöste, falsch eingeschätzt haben. Jetzt stehen sie unter Beschuss, weil sie potenzielle Klimaverluste in einem Ratingsystem, das eher auf die nahe Zukunft ausgerichtet ist, möglicherweise unterschätzen.

S&P, Moody’s und Fitch geben an, dass sie Klimarisiken berücksichtigen, auch wenn die Berechnung nicht einfach ist. Seit Anfang 2022 hat S&P fünf klimabezogene Ratingmaßnahmen für Nicht-Finanzunternehmen veröffentlicht. S&P zufolge greifen die Klimavorschriften noch nicht und sind die Investitionen in die Netto-Null nicht groß genug, um sich auf Finanzkennzahlen oder Ratings auszuwirken.

S&P evaluiert die Auswirkungen von ESG-Kreditfaktoren auf seine Ratings. Zu diesen Faktoren gehören der Klimawandel und physische Risiken, Gesundheit und Sicherheit sowie das Risikomanagement. Diese können Auswirkungen auf ein Rating haben, wenn sie als wesentlich für die Kreditwürdigkeit angesehen werden und S&P ihre Auswirkungen mit ausreichender Sicherheit messen kann.

Bei Fitch haben der Klimawandel und andere Umweltrisiken etwa 6 Prozent der Ratings beeinflusst, doch wird erwartet, dass sich dies bis Ende des Jahrzehnts ändern wird. Schätzungen von Fitch zufolge könnten bis 2035 etwa 20 Prozent der weltweiten Unternehmen aufgrund von Klimaanfälligkeiten mit Herabstufungen ihrer Ratings konfrontiert sein.

Moody’s schätzt, dass Sektoren mit hohem oder sehr hohem Umwelt-Kreditrisiko inzwischen 4,3 Billionen Dollar an bewerteten Schulden ausmachen — eine Zahl, die sich seit Ende 2015 verdoppelt hat. Doch eine Studie des Institute for Energy Economics and Financial Analysis zu den ESG-Kreditbewertungen von Moody’s für 721 Unternehmen in Branchen mit hohen Emissionen stellte fest, dass etwa 60 Prozent jener Emittenten mit hoher Bonität in hohem Maße Umweltrisiken wie dem Klimawandel ausgesetzt waren.

“Eine schwächere ESG-Kreditbewertung sollte konzeptionell zu einem schwächeren Kreditrating führen, was jedoch nicht immer der Fall ist”, sagt Hazel Ilango, Analystin bei IEEFA.

Ein Sprecher von Moody’s erklärte, das Unternehmen beziehe kreditrelevante ESG-Faktoren, einschließlich Klimarisiken, “systematisch, konsequent und transparent” in seine Ratings ein.

Nach Ansicht von Matthew Agarwala, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Cambridge, müssen sich die Ratingagenturen schneller bewegen. “Sie bewegen sich langsam vorwärts, aber die Eiskappen schmelzen schneller”, sagte er.

Agarwala, sein Cambridge-Kollege Kamiar Mohaddes und Patrycja Klusak von der University of East Anglia haben die Auswirkungen des Klimawandels auf das Wirtschaftswachstum und die Staatsanleihemärkte untersucht. In einer Arbeit, die in der Zeitschrift Management Science veröffentlicht werden soll, stellen sie und andere Wissenschaftler einige der Verlustszenarien dar.

Würden beispielsweise die Klimarisiken auf der Grundlage selbst eines konservativen Pfads mit niedrigen Emissionen korrekt berechnet, würden 58 Staaten bis 2030 unter “Abwärtsdruck” auf ihre Ratings geraten. Chile und Indien wären mit am stärksten betroffen. Die jährlichen Zinszahlungen der betroffenen Länder würden im moderaten Szenario um bis zu 67 Milliarden Dollar steigen, im extremeren Szenario sogar um bis zu 203 Milliarden Dollar.

Marc Painter, Assistenzprofessor für Finanzen an der Saint Louis University in Missouri, untersuchte fast 20.000 langlaufende Anleihen. Er fand heraus, dass ein US-Bezirk, der mit einem um 1 Prozent erhöhten Klimarisiko konfrontiert ist, im Vergleich zu Bezirken, die wahrscheinlich nicht vom Klimawandel betroffen sind, durchschnittlich 1,7 Millionen Dollar mehr an Emissionsgebühren und Anfangsrenditen pro Jahr zahlt. Diese zusätzlichen 1,7 Millionen Dollar “bedeuten, dass ein County mit einem höheren Risiko des Meeresspiegelanstiegs 5 Prozent mehr für die Ausgabe seiner Anleihen ausgeben muss”, so Painter.

In einem im September letzten Jahres veröffentlichten Bericht stellte die EZB fest, dass die meisten Ratingagenturen zwar Fortschritte gemacht haben, aber ihre Klimakalkulationen, einschließlich Übergangs- und physischer Risiken, immer noch schlecht erläutern. “Das Ausmaß der Auswirkungen des materiellen Klimarisikos auf die Kreditwürdigkeit wird selten offengelegt”, so die EZB.

BlackRock, Schroders und andere Fondsmanager warten nicht darauf, dass die Ratingbranche aufholt. Sie entwerfen bereits Produkte oder wählen Anleihen auf der Grundlage von Klimarisiken aus, die nicht immer in den Kreditratings erfasst werden.

Im Jahr 2020 führte BlackRock erstmals einen börsengehandelten Fonds ein, der Schuldtitel von Staaten der Eurozone nach ihrem Klimarisiko gewichtet. Belgien und die Niederlande gehören zu den Ländern mit der niedrigsten Gewichtung, da sie als stärker klimagefährdet gelten. Es handelt sich um einen von mehreren ähnlichen ETFs, die BlackRock derzeit entwickelt.

Solche Produkte „entsprechen dem wachsenden Interesse der Kunden, Risiken zu mindern und Chancen im Zusammenhang mit dem Klima und dem Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft zu nutzen“, sagte Manuela Sperandeo, Global Head of Sustainable Indexing bei BlackRock.

(Bloomberg)