Trotz weiter kräftig steigender Verbraucherpreise in Grossbritannien hält die Notenbank ‌weiter still. Die ⁠Währungshüter in London entschieden am Donnerstag, den geldpolitischen Schlüsselsatz bei 3,75 Prozent zu belassen. Die Entscheidung war jedoch intern umstritten: ⁠Sie fiel mit sieben zu zwei Stimmen.

Die Währungshüterin Megan Greene und auch Chefvolkswirt Huw Pill votierten für eine Leitzinserhöhung um einen Viertelpunkt. Ein Zinsschritt nach ‌oben scheine damit ein kleines Stück näher gerückt, meint LBBW-Experte Elmar Völker. Er verweist ‌darauf, dass Pill auf der vorigen Sitzung mit seiner abweichenden ​Meinung noch allein auf weiter Flur stand.

Die vorläufige Einigung zwischen den USA und dem Iran zur Beendigung ihres Konflikts habe den Handlungsdruck auf die Geldpolitik zwar erst einmal verringert, sagt Völker. Die Bank of England (BoE) dürfte mit Blick auf drohende Zweitrundeneffekte, mit denen sich die Inflation immer weiter in der Wirtschaft festsetzt, dennoch sehr wachsam bleiben: «Eine Zinserhöhung im Sommer ist längst nicht vom ‌Tisch.» Die BoE sieht sich mit einer Teuerungsrate von 2,8 Prozent konfrontiert, die vor allem auf die durch den Iran-Konflikt gestiegenen Energiepreise zurückzuführen ist.

Grossbritannien ist aufgrund seiner Abhängigkeit von Erdgasimporten stärker vom Iran-Krieg betroffen als die meisten anderen westlichen Länder. Die USA und ​der Iran steuern jedoch auf ein Abkommen zu, das die Wiederöffnung der Strasse von Hormus – ​einer wichtigen Ölexportroute – vorsieht. Nach der Unterzeichnung des Rahmenabkommens sollen Vertreter der ​USA und des Iran am Freitag in der Schweiz zu ersten Gesprächen über noch offene Fragen zusammenkommen.

Inflationsgefahr nicht gebannt

Die BoE erklärte nun, es sei noch ‌zu früh, um Entwarnung hinsichtlich der Inflationsgefahr zu geben. «Was auch immer geschehen mag: Die höheren Energiepreise der vergangenen vier Monate bedeuten, dass bereits ein gewisser Inflationsdruck im Anmarsch ist», erklärte Bailey. Die BoE rechnet damit, dass die Teuerungsrate im letzten Quartal dieses Jahres ​auf ​über 3,25 Prozent steigen wird.

Noch bevor sich Ende vergangener Woche die ⁠Umrisse einer Einigung zwischen dem Iran und den USA abzeichneten, erklärte Bailey, die Notenbank könne sich ​Zeit lassen. Sie befinde sich ⁠in einer anderen Lage als die Europäische Zentralbank, die in der vergangenen Woche erstmals seit 2023 die Zinsen angehoben hatte. Grossbritannien ‌hat bereits das höchste Leitzinsniveau in der Gruppe der sieben grössten westlichen Industrieländer (G7). Dabei hat die Notenbank die Zinsschraube seit Mitte 2024 bereits sechsmal gelockert - zuletzt im Dezember.

Eine Reuters-Umfrage aus der vergangenen Woche ergab, dass die ‌meisten Volkswirte in diesem Jahr keine Zinserhöhung erwarten. Die Finanzmärkte rechnen hingegen mit einer ​Anhebung um einen Viertelprozentpunkt – womöglich bereits im September. «Vorerst spielt die Zentralbank auf Zeit, anstatt in die Offensive zu gehen», sagt George Brown, Senior Economist beim Vermögensverwalter Schroders: «Wir gehen davon aus, dass die Latte für Zinserhöhungen weiterhin hoch hängt.»

(Reuters)