Die hohen Preise für Benzin und Diesel, staatliche Kaufanreize und eine steigende Zahl preisgünstiger Modelle lassen Autokäufer in Europa immer häufiger zu Elektroautos greifen. «Die Leute suchen nach Möglichkeiten, sich vor den starken Schwankungen bei den Spritpreisen zu schützen, und Elektroautos sind dafür eine grossartige Möglichkeit», sagte Adam Wood, bei Renault zuständig für das britische Geschäft, der Nachrichtenagentur Reuters in einem Autohaus in Letchworth nördlich von London. «Wir stehen an einem Wendepunkt, an dem Elektroautos zum Mainstream werden.»
Noch vor zwei Jahren verkaufte Renault in Grossbritannien gerade einmal zehn Prozent Elektroautos. Im vergangenen Monat fuhr schon mehr als jeder zweite verkaufte Renault elektrisch. Das meistverkaufte Fahrzeug in dem Monat war der elektrische Renault 5, die Neuauflage eines Erfolgsmodells aus dem Jahr 1972. Weiteren Schub erhoffen sich die Franzosen vom noch kleineren und günstigeren elektrischen Twingo. «Die Leute sehen, dass Elektroautos schlicht Sinn ergeben», sagte Wood.
Charlotte Merrell nennt seit kurzem einen elektrischen Renault Megane ihr eigen. Es ist das erste Elektroauto der 32-Jährigen. Wenn sie zuhause lade, koste sie das einen Bruchteil dessen, was sie für ihren alten Verbrenner an der Tankstelle ausgegeben habe, sagte sie. Der Kauf des Autos «war die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe», sagte sie.
Sie ist Teil einer wachsenden Gruppe von Verbrauchern in ganz Europa. Branchendaten zufolge legte der Absatz von Elektroautos in der ersten Jahreshälfte um 40,4 Prozent zu. Insgesamt wurden 1,2 Millionen batteriebetriebene Fahrzeuge verkauft, das entspricht einem Anteil von 20,7 Prozent am gesamten Fahrzeugabsatz. Das Analysehaus New Automotive und der Branchendienst E-Mobility Europe werten die Absatzzahlen für 16 europäische Länder aus, die für 90 Prozent des Autoabsatzes in der Europäischen Union und der europäischen Freihandelsorganisation stehen. Demnach legte der Elektroautoabsatz im Juli binnen Jahresfrist um 13 Prozent zu. In diesen Märkten machen Elektroautos inzwischen mehr als ein Viertel der gesamten Neuwagenverkäufe aus.
Die von Amsterdam aus operierende Handelsplattform OLX verzeichnet bereits seit Beginn des Iran-Kriegs eine stark steigende Nachfrage nach Elektroautos. In Frankreich suchten 84 Prozent mehr Menschen nach einem Elektroauto, in Rumänien seien es 59 Prozent mehr, in Portugal 30 Prozent und in Polen 19 Prozent. «Die Menschen gewinnen an Vertrauen in die Technologie», sagte OLX-Chef Christian Gisy. «Elektroautos sind hier, um zu bleiben.»
Auch in Deutschland wächst das Interesse. Die Plattform Carwow befragte Ende Juli 1000 Nutzer. Fast zwei Drittel davon hätten angegeben, dass der Wechsel zu einem Elektroauto die beste langfristige Antwort auf die hohen Spritpreise sei. Viele Verbraucher stellten sich darauf ein, dass die Treibstoffkosten dauerhaft hoch blieben, sagte Carwow-Chef Philipp Sayler von Amende. «Das Elektroauto wird dadurch immer stärker zu einer wirtschaftlichen Entscheidung. Für viele Menschen geht es heute weniger darum, auf den nächsten Preissprung an der Zapfsäule zu reagieren, sondern ihre Mobilitätskosten langfristig besser kalkulieren zu können.» Sogar in den USA, wo die Regierung von Donald Trump eine Steuergutschrift für Elektroautos gestrichen und damit den Markt zum Einbruch gebracht hatte, legte der Absatz von Elektroautos im zweiten Quartal wieder zu.
Neben den hohen Spritpreisen spielen auch staatliche Förderprogramme eine Rolle bei dem Nachfrageboom nach Elektroautos. In Deutschland können Haushalte bis zu 6000 Euro für Kauf oder Leasing eines Elektroautos erhalten, in Frankreich ist das sogenannte «Social Leasing» bereits seit gut einem Jahr in Kraft. Seither hat sich in Frankreich der Anteil der Elektroautos an den gesamten Neuzulassungen im Juli binnen Jahresfrist auf gut ein Drittel verdoppelt, in Deutschland lag der Anteil der Elektroautos bei fast 30 Prozent und damit zwei Drittel höher als vor Jahresfrist. Europäische und vor allem chinesische Hersteller sind mit einer Vielzahl preisgünstiger Modelle vertreten, vom Kleinwagen bis zur Grossraumlimousine sind inzwischen fast alle Fahrzeugsegmente auch elektrisch verfügbar.
Was mancherorts fehlt, sind günstige öffentliche Ladestationen mit transparenten Preisen. Ian Henry, Direktor der Unternehmensberatung AutoAnalysis, sagte, dieses Thema müsse angegangen werden, damit der Elektroautoabsatz weiter steige. «Wir könnten uns einer Marktsättigung nähern, weil es Menschen gibt, die gerne elektrisch fahren würden, aber nicht können», warnte er.
(Reuters)

