Der Preis der Rohölsorte Brent stieg am Montagmorgen zwischenzeitlich bis auf 120 US-Dollar pro Barrel, ehe sich die Notierungen um 10.30 Uhr bei 107 US-Dollar pro Barrel einpendelten. Das entspricht gegenüber dem Freitag einem Preisplus von knapp 20 Prozent.

Die Angebotsengpässe für Rohöl und Erdgas im Nahen Osten verschärfen sich weiter. Zwar bestünden Unsicherheiten bezüglich der Dauer der Lieferunterbrechungen, kurzfristig dürften diese aber andauern, meinen die Experten von Société Générale (SG) in einer Kundennotiz am Montag. 

Auf iranischer Seite sei die Ernennung Mudschtaba Khameneis als neuer iranischer Führer von Bedeutung, da dies auf eine Fortsetzung der harten Linie und nicht auf eine Kapitulation hindeute. Laut Reuters verfestigt seine Ernennung die Konfrontation und stärkt die Rolle der Revolutionsgarden, anstatt einen Weg zu einem Kompromiss zu eröffnen. 

Vor allem das Risiko von längeren Produktionsausfällen macht den Strategen von Société Générale Sorgen. Denn je länger die Blockierung der Strasse von Hormus dauere, desto erheblicher würden die Risiken einer Wiederinbetriebnahme der Erdöl- und Erdgasproduktion in der Golfregion.

«Aufgrund der physikalischen Gegebenheiten der Reservoirs, des Bohrlochverhaltens, der Kapazität der Produktionsanlagen und logistischer Herausforderungen, treten nach etwa zwei Wochen teilweise oder dauerhafte Produktionsausfälle auf. Nach einem Monat beschleunigt sich die Korrosion und die Bildung von Ablagerungen, sodass nach mehrmonatigen Ausfällen typischerweise nur noch 80 bis 95 Prozent der vorherigen Kapazität zur Verfügung stehen», erläutert SG-Analyst Michael Haigh.

Nach Irak und Kuwait in der vergangenen Woche dürften die Vereinigten Arabischen Emirate als Nächstes von Produktions-Shutdowns betroffen sein. Katar sei ebenfalls gefährdet, und Produktionsausfälle in Saudi-Arabien dürften nach zwei bis drei weiteren Wochen der Schliessung der Meerenge von Hormus wahrscheinlicher werden.

Der Grossteil der Reservekapazität der OPEC+ von etwa 4 Millionen Barrel pro Tag sei durch die Exportengpässe am Golf blockiert, wodurch kurzfristige politische Interventionen wirkungslos blieben, sagten die Experten von Société Générale. Selbst die Produktionssteigerung Saudi-Arabiens vor dem Konflikt auf 10,9 Millionen Barrel pro Tag trage kaum zur Entspannung des globalen Angebots bei, solange die Exportrouten nicht wieder geöffnet seien. 

Lagerbestände reichen für den Moment

Die globalen Rohöl- und Produktbestände von rund 10,7 Milliarden Barrel seien auf dem Papier ausreichend. Doch ein Defizit von 17 Millionen Barrel pro Tag würde die Lagerbestände innerhalb von vier bis sechs Wochen auf das Niveau des Vorjahres reduzieren, so die SG-Experten weiter. «Dies ist ein Zeitraum, der mit einer Handelsspanne von 75 bis 90 US-Dollar pro Barrel einhergeht. Ohne wiederhergestellte Liefermengen müssen die Lagerbestände das Defizit ausgleichen, was die Bilanzen rasch verknappen wird.»

Ohne auf jede Krise und ihre spezifischen Merkmale einzugehen, sei die heutige Risikoprämie, gemessen als Anteil des aktuellen Ölpreises, ausserordentlich hoch, so Haigh von Société Générale. Sie übersteige die Werte des libyschen Bürgerkriegs und nähere sich dem Höchststand der Prämie während des russisch-ukrainischen Krieges.

In früheren Krisen dauerte es zwischen sechs und 149 Tagen, bis sich die Risikoprämie normalisierte. Im Kontext der aktuellen Krise würde eine rasche Deeskalation und eine Öffnung der Strasse von Hormus innerhalb von ein bis zwei Wochen die rund 17 Millionen Barrel pro Tag an Fördermengen schnell zurückbringen.

Die Risikoprämie würde sich wahrscheinlich rasch reduzieren. «Je länger sich die Deeskalation jedoch verzögert, desto grösser ist das Risiko, dass die derzeit hohen Preise zunehmend von fundamentalen Faktoren und nicht mehr allein von der Marktstimmung getragen werden», so das Fazit der SG-Experten. 

Thomas Daniel Marti
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