Bewegte sich die US-Währung zuletzt nur in einer engen Handelsspanne, könnte der Greenback nun vor einem Ausbruch nach oben stehen. «Wenn ⁠die Ölpreise hoch bleiben und die US-Notenbank Fed signalisiert, dass sie die Geldpolitik strafft, gewinnt der Dollar wohl weiter an Stärke», sagte Thierry Wizman, globaler Devisen- und Zinsstratege ‌bei der Macquarie Group. In den vergangenen Tagen war der Dollar-Index mit 99,54 Punkten auf den höchsten ‌Stand seit Anfang April geklettert.

Setzen Anleger darauf, dass die US-Notenbank ​Fed die Zinsen anhebt, investieren sie verstärkt in US-Anleihen, um von der höheren Verzinsung zu profitieren. Dadurch steigt die Dollar-Nachfrage und der Wechselkurs klettert in die Höhe. Seit Beginn des Konflikts mit dem Iran Ende Februar ging es für die Rendite der richtungsweisenden zehnjährigen US-Staatsanleihe um rund 50 Basispunkte nach oben. Bei den zweijährigen Papieren, die besonders empfindlich auf Erwartungen bezüglich der Fed-Zinspolitik reagieren, betrug der Anstieg fast 70 Basispunkte.

Fed blickt verstärkt auf Inflation

Zuletzt mehrten sich die Signale, dass die Fed ihren Fokus verstärkt auf die durch die Ölpreisexplosion angeheizte Inflation richten wird. US-Notenbanker Christopher Waller forderte, die Bereitschaft zu Zinssenkungen aus den geldpolitischen Erklärungen der Fed zu streichen und sich damit die Option auf eine mögliche Zinserhöhung offenzuhalten. Die sogenannte ​Kerninflation, bei der die schwankungsanfälligen Energie- und Lebensmittelpreise herausgerechnet werden, zog im April in den USA auf 3,3 ​Prozent an, von 3,2 Prozent im März. Die Fed strebt eine Inflationsrate von ​zwei Prozent an. Ihr Leitzins liegt derzeit in einer Spanne von 3,50 bis 3,75 Prozent.

Vom neuen Fed-Chef Kevin Warsh war eigentlich erwartet worden, dass er den Weg für Zinssenkungen ‌ebnet - nicht zuletzt aufgrund der offenen Forderungen von US-Präsident Donald Trump. Doch das erscheint nun weniger wahrscheinlich. «Die Inflation dürfte struktureller Natur sein und nicht nur eine temporäre Erscheinung (...) bleiben», sagte Benjamin Bente von der Asset Management Boutique Vates Invest. Vieles spreche dafür, dass sich die aktuelle Dekade durch mehrere ​Inflationswellen auszeichnen werde.

Erneuter Abtaucher

Da der Fed mittlerweile eine ⁠stärkere Reaktion auf den Energiepreisschock zugetraut werde, dürfte der Dollar gegenüber dem Euro zumindest für ​die Dauer des Krieges profitieren, ⁠sagt Commerzbank-Analystin Thu Lan Nguyen. Selbst wenn die USA und der Iran zeitnah ein Rahmenabkommen verkündeten, rechnet die Expertin erst zum Schlussquartal dieses Jahres ‌mit einem nachhaltigeren Frieden.

Im kommenden Jahr könnte der Dollar ihrer Ansicht nach allerdings in schwierigeres Fahrwasser geraten, sollten die Forderungen nach einer geldpolitischen Lockerung aus dem Weissen Haus trotz erhöhter Inflationsraten wieder in den Vordergrund rücken. Dies dürfte Ängste hinsichtlich einer ‌Erosion der Fed-Unabhängigkeit schüren und die Währung entsprechend belasten, sagte die Commerzbank-Expertin. Die Angst vor dem Verlust der ​Unabhängigkeit der Fed hatte der US-Währung vor allem im letzten Jahr deutliche Verluste eingebrockt. Der Dollar-Index brach - belastet auch durch die Zollpolitik Trumps - um mehr als neun Prozent ein. Trump hatte angesichts der Diskussionen um die Nachfolge des damaligen Fed-Vorsitzenden Jerome Powell immer wieder betont, dass der neue Fed-Chef seinen Vorstellungen folgen ‌müsse.

(Reuters)