Das fordert der oberste Bankenaufseher bei der belgischen Notenbank, Tom Dechaene. Die Bankenbranche wurde im Frühjahr von Abflüssen in dreistelliger Milliardenhöhe bei amerikanischen Regionalbanken und der Credit Suisse erschüttert. Seitdem wird auch das in Deutschland immer häufiger anzutreffende Phänomen der vermittelten Einlagen genauer unter die Lupe genommen. Es wird befürchtet, dass Kunden ihr Geld schneller abziehen, wenn sie über Online-Plattformen jederzeit den Meistbietenden finden können.
“Wenn ich sehe, dass sich Banken auf vermittelte Einlagen verlassen, mache ich mir wirklich Sorgen”, sagte Dechaene, qua Funktion auch Mitglied des Aufsichtsgremiums der Europäischen Zentralbank, in einem Interview mit Bloomberg. “Ich kann mir keine volatileren Einlagen vorstellen als diese.”
Bislang galten Kundeneinlagen als besonders beständige Form der Finanzierung, da die Erfahrung zeigte, dass Bankkunden auch dann tendenziell treu bleiben, wenn die Bank schwächelt oder anderswo mehr Zinsen geboten werden. In einer Ära, in der Bargeld in Sekundenschnelle über eine App verschoben werden kann, wird dieses Axiom nun neu überdacht.
Dechaene führt als Beispiel das Berliner Fintech Raisin an, das seine vermittelten Gelder innerhalb eines Jahres auf 40 Milliarden Euro fast verdoppelt hat. Das zeige, dass einige Banken Einlagen zunehmend auf diese Weise beschaffen. “Wir sollten die Anforderungen an die Liquiditätsdeckungsquote für diese Banken stärker differenzieren, als wir es heute tun”, sagt er.
Vermittelte Einlagen von Natur aus flüchtiger
In den USA beziehen manche kleinere Banken zwischen 10 und 30 Prozent ihrer Finanzierung über vermittelte Einlagen. In Europa gibt es darüber wenig öffentlich zugängliche Daten. Den von Raisin vermittelten Einlagen in Höhe von 40 Milliarden Euro steht eine gesamte Einlagenbasis von mehr als 12 Billionen Euro im Euroraum gegenüber.
“Für den gesamten Bankensektor ist das immer noch nicht sehr viel”, sagt Dechaene. “Aber im gegenwärtigen Zinsumfeld, in dem viele Märkte nach einer Erhöhung der Einlagenzinsen durch die Banken rufen, ist die Versuchung größer als je zuvor. Es würde mich sehr überraschen, wenn die vermittelten Einlagen in den letzten 12 Monaten nicht stark zugenommen hätten.”
Laut Raisin gehören Deutsche Bank Und UniCredit zu den mehr als 400 Banken, mit denen sie zusammenarbeitet. Ein Sprecher nannte es ein “Missverständnis”, dass die Plattform Risiken verstärken würde. “Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall”, da die Zusammenarbeit mit Raisin es den Banken ermögliche, die Quellen ihrer Liquidität zu stärken und zu diversifizieren.
Raisin konzentriere sich auf Einlagen, die unter den gesetzlichen Einlagensicherungsgrenzen liegen, was bedeute, dass es keine Konzentration gebe und die vermittelten Einlagen in Stressszenarien sehr “sticky” seien.
Dechaene argumentiert dagegen, dass vermittelte Einlagen von Natur aus flüchtiger seien und es den Sparern ermöglichten, eine Einschätzung zu vermeiden, wie sicher das Institut ist, bei dem sie ihr Geld parken. Solche Kunden “sagen im Grunde: ‘Es ist mir egal, wie solide die Bank ist, ich lege einfach 99.999 Euro an und das nationale Einlagensicherungssystem wird sich um den Rest kümmern’”, so Dechaene. “Am Ende könnte es zu einem Wettlauf zwischen den Ländern kommen, die die stärksten Einlagensicherungssysteme haben.”
Die europäischen Länder verpflichten ihre Banken dazu, Einlagen von bis zu 100'000 Euro pro Kunde und Kreditgeber zu garantieren, wenn eine Bank kollabiert. Einige nationale Bankenverbände bieten eine zusätzliche Absicherung.
Dechaene sagte, dass einige seiner Kollegen im Aufsichtsgremium der EZB ebenfalls auf vermittelte Einlagen achten, “aber die meisten von uns konzentrieren sich immer noch mehr auf Kapital als auf Liquidität”. Der Belgier unterstützt nach eigenen Angaben höhere Anforderungen an die Liquiditätsdeckungsquoten bestimmter Banken im Rahmen der diesjährigen Überprüfung der Risiken, denen die Banken ausgesetzt sind, durch die EZB.
(Bloomberg)

1 Kommentar
«Hier ist das Einmaleins der Finanzbranche: Die Leute konzentrieren sich enorm stark auf das Kreditrisiko und andere Dinge, eines der grössten Risiken ist aber das Zinsrisiko.»
~ Michael Milken, Pionier des Marktes für Hochzinsanleihen
"Grundsätzlich sind Banken drei Hauptrisiken ausgesetzt: dem Kreditrisiko (ein Darlehen wird nicht zurückgezahlt), dem Zinsrisiko (steigende Zinsen verringern den Wert einer Anlage) und dem Finanzierungsrisiko (die Einleger ziehen ihr Geld ab).
Banken nehmen kurzfristige Kredite auf und vergeben langfristige Darlehen, was zu einer Inkongruenz bei den Fristen führt. Während der Zeitpunkt und der Betrag bei Zinszahlungen von Kreditnehmern festgelegt sind, ist der Zinssatz, den die Banken ihren Einlegern zahlen, variabel und unbekannt.
In der Zeit sinkender Zinsen zwischen 1981 und 2020 war diese Inkongruenz kaum von Belang. Langanhaltende Trends führen jedoch zu einem kurzen Gedächtnis. Auch animieren sie zu riskantem Verhalten. So vergassen die Banker letztlich, dass die Zinsen auch wieder steigen können und dass die Einleger ihnen nicht ewig kostenlos Geld zum Spielen zur Verfügung stellen würden.
Die Saat der jüngsten Bankenkrise wurde während des Konjunkturbooms von 2020/21 gelegt. In dieser Phase wurden fast 5 Bio. $ an neu geschaffenem Geld in das Finanzsystem gepumpt. Nachdem das Coronavirus im Februar 2020 in den USA eingetroffen war, stiegen die Einlagen bei den Geschäftsbanken in den folgenden zwei Jahren von 13,4 auf 18,1 Bio. $. Sie setzten dieses Geld sofort aufs Spiel und besiegelten damit ihr Schicksal."
US-Bankenkrise: gelöscht oder noch immer brandgefährlich?
Um die Probleme im amerikanischen Finanzsektor ist es ruhig geworden. Der Kollaps der Silicon Valley Bank und anderer Institute ist aber wohl erst der Anfang grösserer Erschütterungen. Sie sind das Ergebnis jahrelang künstlich tief gehaltener Zinsen.
Kevin Duffy 26.06.2023, 00.25 Uhr