Ein kubanischer Doktor mit mehr als 25 Jahren Berufserfahrung braucht wie die meisten Staatsangestellten einen Nebenjob, um über die Runden zu kommen. ⁠Um den regelmässigen Stromausfällen zuvorzukommen, steht er um fünf Uhr morgens auf und kocht Reis und Bohnen für den Verkauf. Sein Monatsgehalt von 8000 Pesos, umgerechnet etwa 14 ‌Euro, reicht nicht einmal für die Fahrtkosten. Eine marode Wirtschaft und harte US-Sanktionen, die in diesem ‌Jahr durch eine Ölblockade verschärft wurden, haben die Lage dramatisch verschlechtert.

Die ​Folgen für die Bevölkerung sind gravierend. Nach Angaben des kubanischen Gesundheitsministeriums stehen 96'000 Menschen auf der Warteliste für eine Operation, darunter 11'000 Kinder. Bis zum Jahresende könnte diese Zahl auf 160'000 wachsen. Jede Woche können mehr als 300 Operationen an Kindern nicht stattfinden, weil Medikamente, Sauerstoff oder Narkosemittel fehlen. Rund 32'000 schwangere Frauen erhalten möglicherweise nicht die empfohlenen drei Ultraschalluntersuchungen.

Diese Statistiken erfassen jedoch nicht die Belastung für Ärzte ‌und Pflegekräfte. Sie ertragen zu Hause Strom- und Wasserausfälle, nur um bei der Arbeit mit Medikamentenmangel, unhygienischen Zuständen und der Not konfrontiert zu werden, Patienten nicht mehr wie früher versorgen zu können. «Hier wurde immer eine öffentliche, kostenlose Gesundheitsversorgung von Weltklasse versprochen», sagt ein Arzt, der aus Angst ​vor Repressalien anonym bleiben will, der Nachrichtenagentur Reuters. «Ich weiss nicht, wie lange wir das noch aushalten können.»

Armee der weissen Kittel

Die als «Armee der weissen Kittel» bekannten Mediziner des Landes sind am Ende ihrer ​Kräfte. Kollegen seien ausgebrannt, verliessen das Land oder gäben ihre Gehälter von 7000 bis 8000 Pesos auf, um in kleinen Unternehmen zu arbeiten, zu kellnern oder Häuser ‌zu putzen. Das Geld reicht bei weitem nicht zum Leben: Ein Karton mit 30 Eiern kostet 3000 Pesos, ein Liter Speiseöl 1500 und ein Kilogramm Reis 700 Pesos. Ärzte berichten, dass selbst grundlegende Verbrauchsmaterialien knapp sind. Personal müsse Reinigungsmaterial von zu Hause mitbringen oder die Böden nur ​mit Wasser ​schrubben. Einweghandschuhe seien verschwunden, für Urinbeutel würden Wasser- oder Cola-Flaschen zweckentfremdet.

Kubanische Regierungsvertreter ⁠räumen ein, dass das System unter Druck steht, betonen jedoch die Widerstandsfähigkeit der Ärzte. «Die ​Armee der weissen Kittel wird das ⁠kubanische Volk nicht im Stich lassen», sagt die stellvertretende Gesundheitsministerin Tania Margarita Cruz. Gleichzeitig bestätigt sie, dass die Energiekrise zu weniger Patientenbesuchen und Engpässen ‌bei der Grundversorgung geführt habe. Besonders betroffen sei die Krebsbehandlung. Von 117'000 Krebspatienten fehlten für viele die notwendigen Medikamente für eine Strahlen- oder Chemotherapie. Dies habe zu einem «Rückgang der allgemeinen Überlebensraten kubanischer Patienten und Kinder» mit Krebs geführt.

Viele Ärzte ‌fragen sich, wie viel Not sie noch ertragen können. Eine kürzliche Gehaltserhöhung für Nachtdienste beläuft sich auf ​100 Pesos pro Stunde. Viele langjährige, regierungstreue Mediziner sagen, ihre Geduld sei am Ende. «Wir alle haben Angst, uns zu äussern», sagt eine Ärztin. Widerspruch könne die Karriere beenden. «Ich habe Ärzte weinen sehen», fügt sie hinzu. «Wegen dieser Krise weinen sie. Sie haben aufgehört zu arbeiten, sind depressiv geworden. Man kann ‌es in ihren Gesichtern sehen.»

(Reuters)