cash.ch: Herr Buchmann, seit 2019 gehen in der Schweiz jedes Jahr mehr Menschen in Pension als junge Erwerbstätige nachrücken. Die Vorsorgewerke werden dadurch immer mehr belastet. Sitzen wir auf einer Zeitbombe?

Manuel Buchmann: Zeitbombe würde ich nicht sagen. Es ist eine Entwicklung, die sich langsam, aber immer stärker bewegt. Die Entwicklung erfordert ein Umdenken am Arbeitsmarkt, eine Neuorientierung von Geschäftsmodellen und eine Anpassung jedes Einzelnen.

Auch der Finanzmarkt bleibt von den Entwicklungen nicht verschont. Umlageverfahren wie die AHV, in welchem die arbeitende Bevölkerung die Renten finanziert, stehen dadurch unter wachsendem Druck. Reformen kommen gar nicht oder nur schleppend voran. Machen Sie sich Sorgen?

Ich mache mir keine Sorgen, dass das System AHV an sich kollabieren wird. Die Prognosemodelle des Bundes sind recht gut. Man kann früh genug reagieren, weil die demografischen Entwicklungen relativ langsam vor sich gehen. Was aber bei jeder Reform passiert, ist eine zusätzliche Belastung für die Bevölkerung. Schon heute wird die AHV immer mehr durch Mehrwertsteuern finanziert. Dadurch wird alles teurer. Auch höhere Lohnabzüge wegen der AHV belasten die Bevölkerung.

Irgendwann kommen wir aber nicht darum herum, Renten zu kürzen, länger zu arbeiten und mehr einzuzahlen…

Ja, das sind die drei Möglichkeiten, ein Umlageverfahren zu sanieren. Das ist eine logische Konsequenz.

Ohne die Einwanderung in die Schweiz wie in den letzten zehn bis 20 Jahren hätten wir schon lange eine schmerzhafte AHV-Reform durchziehen müssen, lautet eine These. Sind Sie gleicher Meinung?

Ja, auf jeden Fall. Die Zuwanderung stabilisiert die AHV. Einfach schon dadurch, dass Erwerbstätige in die Schweiz ziehen, in die Systeme einzahlen und erst deutlich später eine Rente beziehen. Solange wir die Zuwanderung haben, wirkt das sehr stabilisierend auf die Vorsorgesysteme. Die AHV steht heute viel besser da dank der Zuwanderung. Wir haben das auch berechnet im Zusammenhang mit der ‘Keine 10-Millionen-Schweiz’-Initiative. Das AHV-Defizit wäre in Zukunft vier bis sechs Milliarden Franken grösser, wenn die Wohnbevölkerung auf 10 Millionen Einwohner limitiert würde.

Wenn die Zuwanderer in der Schweiz bleiben, dann hebt sich der positive Effekt für die Vorsorgesysteme wieder auf.

Das ist richtig, weil die Renten bezogen werden. Aber wir haben den Effekt ebenfalls in unserer Studie berechnet. Sogar bis zum Ende des Jahrhunderts wäre das AHV-Defizit grösser mit einer begrenzten Zuwanderung als ohne. Es geht sehr lange, bis sich dies so ausbalanciert. Dazu kommt, dass Zuwanderer, die wir heute haben, für das System ‘netto positiv’ sind, auch nach dem Rentenbezug. Weil sie überdurchschnittlich häufig erwerbstätig sind und weil sie überdurchschnittliche Löhne beziehen.

Ihr Kollege Hendrik Budliger meint, dass die Grenze von 10 Millionen Einwohnern in der Schweiz wahrscheinlich gar nicht erreicht wird. Warum?

Es sind zwei Argumente. Einerseits die Geburtenrate, die heute schon so niedrig ist wie im tiefen Szenario des Bundes, also bei 1,28 Kindern pro Frau. Das Referenzszenario des Bundesamtes für Statistik, in welchem eine 10-Millionen-Schweiz in den 2040er Jahren erreicht wird, geht aber von 1,4 Geburten pro Frau aus. Und der zweite Aspekt ist die Migration. Die 10-Millionen-Grenze wird nur dann erreicht, wenn die Schweiz weiterhin eine hohe Zuwanderung erzielt. Sollte diese tiefer ausfallen als in der Vergangenheit, dann wird die Grenze nicht erreicht. Da spielt die Wirtschaftsentwicklung der Schweiz eine Rolle. Unsere Zuwanderung ist sehr stark arbeitsmarktgetrieben. Solange die Schweizer Wirtschaft floriert, werden Arbeitsplätze generiert. Die Zuwanderung stammt in erster Linie aus der EU. Bei einer weniger gut laufenden Wirtschaft wird es auch weniger Arbeitsplätze und Zuwanderung geben. Dazu kommt: Die Alterung nimmt in den Top-Zuwanderungsländern wie Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien und Portugal schneller zu als in der Schweiz. Der Pool an möglichen Zuwandernden in die Schweiz wird somit automatisch immer kleiner.

In diesem Zusammenhang spricht man vom Konkurrenzkampf der Fachkräfte in Europa. Aber solange die Schweiz immer noch massiv höhere Löhne bezahlen kann, bleibt sie nebst anderen Faktoren nach wie vor äusserst attraktiv…

Die Schweiz muss diesen Vorteil ausbauen, wenn sie weiterhin das gleiche Niveau an Zuwanderung erhalten will. Was am Ende zählt, sind nicht nur das Lohnniveau, sondern auch die Lebenshaltungskosten. Das verfügbare Einkommen muss in der Schweiz ansteigen. Für die wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz ist es wahrscheinlich nicht das richtige Mittel, die Zuwanderung zu begrenzen.

Zurück zu den Vorsorgewerken, die unter Druck stehen. Dass die private Vorsorge immer wichtiger wird, ist fast schon eine Binsenwahrheit.

Die private Vorsorge ist extrem wichtig. Mit der zunehmenden Lebenserwartung bei gleichbleibendem Rentenalter steigt die Zeit im Rentenalter. Sie wird auch immer teurer. Einerseits sind junge Rentner heute viel fitter als früher, sie reisen und unternehmen viel. Das kostet alles Geld. Gleichzeitig nimmt eben auch die Spanne am Ende des Lebens zu. Es ist die teuerste Lebensspanne von allen. In den Jahren vor dem Tod steigen die Kosten extrem an. In anderen Worten: Die gesunde Lebenserwartung nimmt zu, aber auch die kranke Lebenserwartung. Der Anstieg ist etwa proportional. Es braucht mehr Ersparnisse.

Unterschätzen die Leute diese Entwicklung?

Vielleicht. Es gibt interessante empirische Fakten: Die Jungen unterschätzen ihre Lebenserwartung, die Alten dagegen überschätzen sie. Also gerade der Teil der Bevölkerung, der sehr früh mit dem privaten Sparen beginnen sollte, sieht diese Kosten womöglich noch nicht.

Private Vorsorge erfordert ein gewisses Mass an Finanzwissen. Das ist in der Bevölkerung sehr unterschiedlich vorhanden. Leben wir in einer Zweiklassengesellschaft punkto ‘Financial Literacy’?

Ja, ich sehe das als Risiko. Wir sehen grosse Unterschiede zwischen Einkommensklassen, wir sehen auch Unterschiede zwischen Geschlechtern. Männer haben im Schnitt ein besseres Finanzwissen als Frauen. Interessanterweise erzielen die Frauen dann aber oft bessere Ergebnisse als die Männer. Also es ist nicht so, dass die Frauen das nicht könnten, bloss erlernen sie es aus verschiedenen Gründen nie. Das ist das grosse Problem. In meinen Augen wäre es sehr wichtig, die Financial Literacy schon in der Schule zu fördern. Wer erst mit 60 anfängt, sich für die Finanzmärkte zu interessieren, ist viel zu spät dran.

Was sind die Auswirkungen des demografischen Wandels auf die Finanzmärkte?

Einer der wichtigsten Effekte ist der sogenannte ‘Asset Market Meltdown’. Die Hypothese besagt, dass die Finanzmärkte mit der Pensionierung der Babyboomer zusammenbrechen. Die ursprüngliche These war, dass ein sofortiger Crash eintritt. Nämlich dass alle Alten, sobald sie in Rente gehen, ihre Aktien verkaufen und ‘entsparen’, indem sie ihre Renten oder Vorsorgegelder konsumieren.

Wieso ein Crash?

Die These besagt: Der rationale Finanzmarkt sieht diese Entwicklung kommen, Aktien werden daher schon vorher verkauft. Ich sehe das ein wenig anders. Denn es gibt auch das ‘Wealth Decumulation Puzzle’: Pensionierte Menschen sparen immer länger und sie investieren weiter. Auch in einem Alter, in dem früher bereits entspart wurde. Das heisst, wir sehen diesen Verkaufsdruck an den Finanzmärkten gar nicht. Das ist eine interessante empirische Beobachtung, die wohl dazu führt, dass der Crash so nicht eintreten wird.

Die Aktienmärkte werden von der demografischen Entwicklung also unberührt bleiben?

Insgesamt sehe ich schon einen Gegenwind auf die Aktienmärkte zukommen, weil immer mehr ältere Leute Aktien verkaufen, aber auch deshalb, weil sich das Wirtschaftswachstum bei weniger stark wachsender Bevölkerung verlangsamt. Ich erwarte langfristig tiefere Renditen an den Aktienmärkten als im letzten Jahrhundert, aber keinen plötzlichen Crash oder ein Zusammenbrechen des gesamten Marktes.

Im Gegensatz zur AHV funktioniert die zweite Säule mit dem Kapitaldeckungsverfahren. Welche langfristigen Effekte hat die demografische Entwicklung auf die Kapitalmärkte?

Ich sehe das grösste Risiko für die Pensionskassen am Anlagenmarkt. Die Pensionskassen müssen sich immer mehr über gute Renditen an den Märkten finanzieren. Am Ende dreht sich alles um die Kapitalmarktrenditen. Ich sehe wegen des demografischen Wandels eher negative als positive Effekte. Für mich ist dies eines der grössten Risiken für unsere Vorsorge. Es ist ein selbstverstärkender Prozess: Immer mehr Pensionskassen müssen wegen der Alterung immer mehr Renten auszahlen, beziehungsweise sie haben mehr Auszahlung als Einzahlung. Das heisst: Auch die Pensionskassen müssen mit der Zeit ihre Anlagen verkaufen, was sich eher negativ auf den Markt auswirkt. Und sollte das Rentenalter gleich hoch bleiben, muss entweder der Umwandlungssatz sinken oder die Zinsen steigen.

Welche Auswirkungen hat die Demografie auf den Schweizer Immobilienmarkt?

Ich sehe da ebenfalls grosse Risiken auf uns zukommen. Wir beobachten am Immobilienmarkt derzeit eine grössere Nachfrage nach kleineren Objekten. Dahinter stecken ältere Leute, die in kleinere Wohnungen ziehen wollen. Immer kleinere Familien oder immer mehr kinderlose Paare verstärken diesen Trend. Einfamilienhäuser auf dem Land werden weniger nachgefragt. Hier besteht das Risiko sinkender Preise. Es gibt zudem grosse regionale Unterschiede. In urbanen Zentren sehen wir kaum einen Rückgang der Nachfrage. In ländlichen Gebieten dagegen, wo sehr viele Ältere auf wenig Junge treffen und die nicht attraktiv sind für die Jungen heute, sehe ich grosse Risiken eines Preisrückganges. Was sich wiederum abfärbt auf gewisse Regionalbanken, die dort sehr stark exponiert sind im Hypothekengeschäft, oder auf regional ausgerichtete Pensionskassen, die wegen der Immobilienpreise mit Risiken rechnen müssen. Am Ende ist nahezu jeder Schweizer direkt über Wohneigentum oder indirekt über die Pensionskassen am Immobilienmarkt investiert.

Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler Manuel Buchmann ist Projektleiter bei Demografik in Basel. Das Kompetenzzentrum untersucht die Auswirkungen des demografischen Wandels auf Wirtschaft und Gesellschaft. Buchmann ist auch Lehrbeauftragter an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Basel und engagiert sich im wissenschaftlichen Think Tank des focus50plus.

 

Daniel Hügli
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