Immobilien - Furcht vor Zusammenbruch steigt - Evergrande zahlt nicht

Chinas verschuldeter Immobilienkonzern Evergrande lässt eine Frist für eine Zinszahlung verstreichen.
24.09.2021 13:31
Das China Evergrande Centre im Wan Chai Areal in Hong Kong am 23. Juli 2021
Das China Evergrande Centre im Wan Chai Areal in Hong Kong am 23. Juli 2021
Bild: Bloomberg / Lam Yik

Bei Investoren steigt die Furcht vor einem Zusammenbruch des hochverschuldeten Immobilienkonzerns China Evergrande. Das Unternehmen liess am Freitag eine viel beachtete Zahlfrist für Anleihezinsen kommentarlos verstreichen. Evergrande-Aktie brachen um zwölf Prozent ein.

Sichere Anlagehäfen wie Gold und deutsche Bundesanleihen standen dagegen hoch im Kurs. Der zweitgrösste Immobilienentwickler Chinas hat Schulden von mehr als 300 Milliarden Dollar aufgetürmt. Experten fürchten, dass ein Kollaps schwere Folgen für das chinesische Finanzsystem hat. Investoren hoffen auf ein Eingreifen der Regierung in Peking.

Die Kurse grosser Indices fallen um 13.30 Uhr mehrheitlich zurück (Chart: Bloomberg).

Evergrande hatte eigentlich angekündigt, Zinsen in Höhe von 83,5 Millionen Dollar für eine Übersee-Anleihe ausschütten zu wollen. Die Inhaber der Anleihe hätten aber weder das Geld noch eine Nachricht des Unternehmens erhalten, sagten zwei mit der Sache vertraute Personen zu Reuters. Unklarheit herrschte auch über Zinszahlungen von 47,5 Millionen Dollar, die in den kommenden Tagen fällig werden. Für Evergrande beginnt nun eine 30-tägige Nachfrist, nach der der Konzern offiziell in Verzug geraten würde. Zinsen für einen heimischen Bond hatte Evergrande zuletzt bedient. "Die Regierung in Peking denkt sich wohl, dass sie Gläubiger aus dem Ausland anders behandeln kann", sagte Karl Clowry, Partner beim Brokerhaus Addleshaw Goddard.

Die chinesische Zentralbank pumpte erneut Geld in das Bankensystem, um die Finanzmärkte zu beruhigen. Von Seiten der Regierung kam aber bislang nichts Offizielles zu möglichen Staatshilfen. Das "Wall Street Journal" hatte unter Berufung auf Insider berichtet, Behörden in Peking hätten Lokalregierungen darum gebeten, Vorbereitungen für einen möglichen Zusammenbruch Evergrandes zu treffen. "Die Regierung in Peking wird wohl versuchen, grössere Verwerfungen zu verhindern und vor allem die Verluste der chinesischen Bevölkerung in Grenzen zu halten", erklärte LBBW-Analyst Frank Klumpp. Evergrande hat Finanzberater engagiert, die eine Restrukturierung ausarbeiten sollen.

Einzelne Banken in China stoppten die Kreditvergabe für Immobilienentwickler, wie Reuters aus Finanzkreisen erfuhr. "Es wird davon ausgegangen, dass nicht nur Evergrande, sondern auch einige andere Entwickler am Rande einer Liquiditäts-Krise oder sogar einer Insolvenz stehen", sagte ein Insider bei der Bank of Shanghai. Für Bauprojekte in weniger populären Städten sei es viel schwieriger geworden, Darlehen zu bekommen, sagte eine andere Person beim Vermögensverwalter Huarong. Andere Banken verlangten inzwischen mehr Sicherheiten.

Rund 30 Prozent des gesamten Kreditvolumens chinesischer Finanzinstitute entfiel zuletzt auf den Immobilienbereich, wie Daten der Zentralbank zeigen.

Spiel auf Zeit

"Je länger die Politik wartet, bevor sie handelt, desto höher ist das Risiko einer harten Landung", warnten Analysten der Bank Societe Generale. "Wir sind besorgt über die möglichen Auswirkungen auf die Realwirtschaft." Bei Evergrande arbeiten 200.000 Menschen, mehrere Millionen Arbeiter werden jährlich für Bauprojekte angeheuert. Zudem haben viele Kleinanleger Geld in Evergrande-Finanzprodukte investiert. Manche von ihnen hatten vor ein paar Tagen die Zentrale des Unternehmens gestürmt und ihr Geld zurückverlangt. Analyst Jackson Chan vom Online-Broker Bondsupermart erwartet, dass Evergrande die 30-tägige Frist nun voll ausnutzt, um mögliche Unterstützung des Staates abzuwarten.

Die Europäische Zentralbank (EZB) schickte beruhigende Signale in die Märkte. Die Probleme von Evergrande seien auf China zentriert, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde dem TV-Sender CNBC. "Für Europa kann ich sagen, dass das direkte Engagement begrenzt ist." Die EZB schaue sich die Situation aber an. Der Chef der US-Notenbank Federal Reserve, Jerome Powell, hatte zuletzt erklärt, mögliche Folgen für US-Unternehmen durch die Schuldenprobleme von Evergrande seien begrenzt. Dagegen warnte die Schweizer Notenbank SNB davor, die Situation zu verharmlosen und es als lokales Problem in China zu betrachten.

Evergrande hat sein Wachstum in den vergangenen Jahren mit Schulden finanziert und gerät nun in Zahlungsverzug gegenüber Banken, Anleihegläubigern sowie Kunden und Mitarbeitern. Mehrere Ratingagenturen stuften die Kreditwürdigkeit herunter, Aktien und Anleihen gerieten in freien Fall. Seit Jahresanfang büssten Evergrande-Titel 85 Prozent ihres Wertes ein. Auch die Titel anderer Immobilienkonzerne stehen unter Druck.

(Reuters/cash)