cash.ch: Implenia wird in diesem Jahr weiter wachsen. Können Sie diese 'Pace' in den nächsten Jahren aufrecht erhalten?

Jens Vollmar: Wir hatten in den vergangenen Jahren eine relativ konstante Umsatzentwicklung. Im letzten Jahr stieg der Auftragsbestand um 25 Prozent, was bei Implenia ab 2027 zu einem höheren Umsatzwachstum führen wird. Gleichzeitig konnten wir die vorkalkulierte Projektmarge des Auftragsbestands erhöhen. Das ist für unsere zukünftigen Gewinne entscheidend. Wir sind für die nächsten Jahre zuversichtlich, weil unsere Kompetenzen nachgefragt werden. Da helfen der Fokus und die Spezialisierung auf Bereiche, in denen ein hohes Wachstum erwartet wird. 

Ihre Marge von vier Prozent scheint relativ tief...

Unser Geschäft ist tatsächlich nicht hochmargig. Im Vergleich zur Expertise und Erfahrung, die wir einbringen, ist die Marge zu tief. Andere Industrien erzielen mit weniger Know-how-Einsatz deutlich höhere Margen. Deshalb liegt unser Mittelfristziel für die EBIT-Marge bei 4,5 Prozent mit weiterem Raum nach oben.

Öffentliche Ausschreibungen sind hart umkämpft, oft geht es über den Preis. Wieso haben Sie den Auftrag im Umfang von 830 Millionen Franken für den Brüttenertunnel der SBB erhalten?

Wir können uns von Mitbewerbern differenzieren, weil wir ausgezeichnete Ingenieur- und Projektkompetenzen sowie Erfahrung und entsprechende Referenzen haben. Zudem bringen wir die richtigen Partner, Ressourcen, Subunternehmer und Lieferanten mit. Unterschätzt werden darf auch nicht unsere geografische Präsenz hier in der Schweiz. Deshalb sind wir für einen solchen Auftrag ausgezeichnet positioniert. Ich glaube, das ist auch etwas, was unser Land auszeichnet. Viele dieser Projekte werden in der Schweiz vergeben und nicht ins Ausland, weil wir eine ausgesprochen hohe regionale Expertise für anspruchsvolle Infrastrukturprojekte haben.

In Deutschland waren die Infrastrukturinvestitionen in den vergangenen Jahren im Keller. 

Die Schweiz investiert traditionell viel in Infrastruktur, deutlich mehr als Deutschland, wenn man das vergleichbar macht. Als führender Schweizer Baudienstleister sind wir dazu prädestiniert, weiter von diesen Investitionen zu profitieren. Der Marktausblick für Deutschland ist inzwischen ebenfalls positiv.

Wie viel Umsatz erzielen Sie in der Schweiz respektive im Ausland?

Der Anteil beträgt je 50 Prozent, wobei von 50 Prozent im Ausland rund die Hälfte auf Deutschland entfällt.

Deutsche Kunden gelten als sehr preissensitiv. Das ist nicht gerade ein Heimvorteil für eine Schweizer Firma.

Nun, unser Geschäft in Deutschland ist sehr profitabel - und unsere Leistungen erbringen wir vor Ort. Der Umsatzanteil beträgt knapp eine Milliarde Franken. Damit sind wir in einem Gesamtmarkt von etwa 550 Milliarden Franken ein kleiner Player. Das erlaubt es uns, die Kunden und Projekte sehr selektiv auszuwählen. Die Aufträge werden nicht nach dem Umsatzpotenzial, sondern nach der Profitabilität akquiriert. Bei Projekten mit einer zu hohen Preissensibilität im Hoch- wie im Tiefbau wollen wir uns nicht die Finger verbrennen.

Welches sind die weniger preissensitiven Bereiche?

Das ist vorwiegend der Hochbau mit Immobilien in Bereichen mit hoher Nachfrage wie Gesundheitswesen, Datacenter oder Labors. Da ist deutlich weniger Preissensitivität vorhanden als bei einer Renditenliegenschaft für Investoren. Für einen Kunden, der ein neues Hauptquartier, Betriebsgebäude oder eine Immobilie für eine besondere Nutzung  benötigt, können wir Mehrwert schaffen. Da entsteht eine Win-Win-Situation. Aber auch in der öffentlichen Beschaffung im Tiefbau sind Ausschreibungsmodelle auf dem Vormarsch, die das Zuschlagskriterium 'Preis' deutlich weniger stark gewichten. 

Aber einen Auftrag gewinnen Sie nicht zwingend, wenn Sie zu teuer sind. 

Je früher wir in die Planung involviert sind, desto grösser sind unsere Chancen. Am besten mit sogenannten 'Pre-Construction-Verträgen', wo das gesamte Projekt erstmal optimiert wird. Das kommt auch im öffentlichen Bereich immer mehr. Es ist nicht mehr nur das Preiskriterium, das zählt. Wichtig ist auch, dass wir in der Schweiz zwar führend sind, aber unser Anteil am Gesamtmarkt relativ klein ist. Wir haben einen Umsatz von etwa zwei Milliarden Franken bei einem Gesamtvolumen von 60 Milliarden Franken. Wir sehen darum ein enormes Potenzial in der Schweiz und in Deutschland, wo wir Projekte angehen, in denen wir unsere Fähigkeiten und Kompetenz ausspielen können.

Was sind die Herausforderungen, um dieses Wachstumspotenzial abzuschöpfen?

Die grösste Herausforderung ist, die richtigen und kompetenten Mitarbeitenden zu finden und sie zu halten. Mit unseren attraktiven Projekten, der Digitalisierung und guten Anstellungsbedingungen in einem diversen Arbeitsumfeld schaffen wir es, zum Beispiel junge Ingenieurinnen oder Architekten, aber auch erfahrene Projektleiter anzuziehen. Solche Fachkräfte sind zentral für den Erfolg und zum Glück finden wir diese.

Der Iran-Krieg schürt Inflationsängste. Sind Sie gegen eine steigende Inflation abgesichert?

Wir sind von den geopolitischen Entwicklungen nicht direkt betroffen. Für daraus entstehende Inflationsrisiken haben wir vorgesorgt und entsprechende Massnahmen getroffen. Im Tiefbau war das dank der Branchenstandards bereits vor Corona und vor dem Ukraine-Krieg der Fall, sodass wir von diesen Preissteigerungen wenig betroffen waren. Im Hochbau war es teilweise anders. Da waren in der Vergangenheit gerade im Schlüsselfertigbau Pauschalverträge häufig. Heute ist Standard, Globalverträge oder andere Vertragsformen abzuschliessen, die uns vor Teuerung schützen.

Wie stark leidet Implenia, falls es wegen einer weiteren Eskalation im Nahen Osten zu einer Rezession kommt?

Die Diversifikation zwischen Hochbau, Tiefbau und Dienstleistungen wie Wincasa ist enorm wichtig. Eine Rezession würde sich vor allem im Hochbau spürbar machen, weil sich in einer solchen Situation die privaten Kunden eher zurückhalten. Dieser Bereich ist anfälliger für konjunkturelle Schwankungen. Im Tiefbau haben wir mehrheitlich öffentliche Kunden, die auch in schwierigen Zeiten weiter investieren. Das geschieht gerade in Deutschland. Mit der Fokussierung auf profitable Geschäftsfelder haben wir deshalb auch in der Vergangenheit in einem schlechten Marktumfeld gute Geschäfte gemacht. Vermeiden wollen wir, dass wir in einem guten Marktumfeld schlechte Projekte umsetzen. Eigentlich ist das Geschäft stabil und es gibt kaum eine Baufirma, die unter einem schlechten Markt leidet. Das sind häufig hausgemachte Herausforderungen. Es gibt kaum Baufirmen, die an mangelnden Aufträgen gescheitert sind.

Wie weit sind Sie mit der Digitalisierung?

Das muss man differenziert anschauen. Wincasa ist mit Abstand am meisten digitalisierte Bewirtschafterin in der Schweiz. Die hohen Investitionen zahlen sich aus und wir werden weiter investieren. Im Tief- und im Hochbau sind wir in der Planung relativ weit. Wir modellieren heute standardmässig mit BIM, dem Building Information Modelling, und die Mengenermittlung basiert auf 3D-Modellen, wie zum Beispiel beim Neubau des Kantonsspitals Aarau. Das ist mit Abstand das am meisten digitalisierte Projekt, welches wir realisieren. Wir sind innerhalb der Branche sicher führend in der Digitalisierung, die Branche hinkt anderen Industrien insgesamt jedoch hinterher.

Haben Sie schon Roboter im Einsatz?

Nein, aber wir haben etwa Drohnen mit Kameras im Einsatz, um Erd- und Massenbewegungen zu messen. Zudem nutzen wir visuelle KI zur Baufortschrittskontrolle. Das ermöglicht auch eine effiziente Qualitätskontrolle. Roboterhunde hatten wir versuchsweise auch schon im Einsatz für Laservermessungen. 

Wann haben Sie den ersten «humanoiden» Roboter auf der Baustelle?

Im Bereich der Robotik liegt der Fokus auf der Software, weil diese zentraler ist für den Erfolg als die Hardware. Automatisierte Signaletik setzen wir teilweise bereits ein, damit wir wissen, wo Trockenwände eingebaut werden sollen. Aber die grosse Entwicklung wird bei Softwareanwendungen sein, die den Bau im Bereich Planung oder bei der Baulogistik produktiver und effizienter machen.

Die Payout-Ratio bei der Dividende liegt bei 30 Prozent. Da haben Sie wie beim Umsatz weiteres Potenzial?

Wir haben keine Dividendenpolitik, obwohl wir dank des guten Geschäftsgangs die Dividenden kontinuierlich steigern konnten. Mit einer Erhöhung der Ausschüttungsquote auf 30 Prozent haben wir einen deutlichen Schritt vorwärts gemacht. Wir gehen davon aus, dass wir die Dividenden auch in Zukunft steigern können. Eine Pay-out-Ratio legen wir im Moment nicht fest. Das entscheiden letztlich die Aktionäre. Wichtig ist für uns, dass der 'Total Shareholder Return' stimmt.

Redaktionelle Mitarbeit: Aisha Gutknecht

Jens Vollmar ist seit April 2025 CEO des Schweizer Bau- und Immobiliendienstleisters Implenia. Vor seiner Ernennung zum CEO war er über ein Jahrzehnt im Unternehmen tätig, und leitete zuletzt die als Head Division Buildings und Country President Schweiz. Jens Vollmar promovierte an der Universität St. Gallen (HSG) und hat dort einen Lehrauftrag für Bau- und Immobilienmanagement und ist im Vorstand von Entwicklung Schweiz sowie Bauenschweiz.

Thomas Daniel Marti
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