Grossbestellungen auch aus dem Rüstungsbereich bescherten der deutschen Industrie im November überraschend das höchste Auftragsplus seit fast einem Jahr. Das Neugeschäft wuchs um 5,6 Prozent im Vergleich zum Vormonat, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag mitteilte. Der dritte Zuwachs in Folge ist zugleich der grösste seit Dezember 2024. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten dagegen mit einem Rückgang von 1,0 Prozent gerechnet. Auch im Oktober (+1,6 Prozent) und im September (+2,1 Prozent) war die Nachfrage gestiegen.
«Endlich mal eine Zahl von der deutschen Konjunktur, an der es nichts zu meckern gibt», sagte Ökonom Jens-Oliver Niklasch von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Dies sei «ein echtes Zeichen für eine mögliche Trendwende der Konjunktur». «Die Talsohle dürfte durchschritten sein», betonte auch Ökonom Marc Schattenberg von Deutsche Bank Research. «Das sind endlich einmal wieder gute Nachrichten für die Industrie.»
«Talsohle scheint erreicht zu sein»
Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) spricht ebenfalls von einem guten Zeichen. «Ohne die Berücksichtigung der insbesondere rüstungsgetriebenen Grossaufträge fallen die Zuwächse allerdings deutlich bescheidener aus», sagte DIHK-Konjunkturexperte Jupp Zenzen. «Ein Aufschwung in der Industrie ist bei weitem kein Selbstläufer.» Die strukturellen Probleme am Standort Deutschland wie hohe Kosten und Steuern sowie überbordende Bürokratie blieben ungelöst. «Sie belasten die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen weiterhin stark», sagte Zenzen.
Dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) zufolge ist die Produktion 2025 das vierte Jahr in Folge geschrumpft. Hohe US-Zölle und wachsende Konkurrenz aus China machen den deutschen Herstellern zu schaffen. Die Krise spiegelt sich auch in steigenden Insolvenzen wider: Dem Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) zufolge fielen dadurch im vergangenen Jahr 62.000 Industriejobs weg. Die Unternehmensberatung Falkensteg erwartet auch 2026 viele Grosspleiten im Verarbeitenden Gewerbe, wo Überkapazitäten und sinkende Margen das Geschäftsmodell angriffen.
Für die unerwartet vielen Aufträge im November sorgten vor allem die deutlichen Anstiege bei den Metallerzeugern (+25,3 Prozent) und im Sonstigen Fahrzeugbau (Flugzeuge, Schiffe, Züge, Militärfahrzeuge; +12,3 Prozent). «In diesen Bereichen wurde ein hohes Volumen an Grossaufträgen verzeichnet», betonten die Statistiker. Ohne Grossaufträge hätte das Plus insgesamt nur 0,7 Prozent betragen. Moderate Zuwächse gab es zudem in mehreren weiteren Bereichen - darunter bei den Herstellern von elektrischen Ausrüstungen, im Maschinenbau und bei den Produzenten von Datenverarbeitungsgeräten, elektronischen und optischen Erzeugnissen.
Rüstungssektor bleibt Treiber
Experten gehen davon aus, dass auch in den kommenden Monaten grosse Bestellungen für die Verteidigung kommen dürften. «Die deutsche Rüstungsindustrie wird deshalb zu einem der wichtigsten industriellen Treiber gehören», sagte der Chefvolkswirt der VP Bank, Thomas Gitzel. «Der US-Angriff auf Venezuela führt eindrücklich vor Augen, dass es der derzeitigen Weltordnung auf militärische Stärke ankommt.» Entscheidend werde aber sein, wie schnell die Mittel aus dem Infrastruktur-Sondervermögen in konkreten Projekten münden.
Während die Nachfrage aus dem Inland im November um 6,5 Prozent zum Vormonat zulegte, wuchs die aus dem Ausland um 4,9 Prozent. Dabei nahm die Nachfrage aus der Euro-Zone um 8,2 Prozent zu, die aus dem Rest der Welt um 2,9 Prozent. Im weniger schwankenden Dreimonatsvergleich lag der Auftragseingang von September bis November um 4,0 Prozent höher als in den drei Monaten zuvor. «Lässt man die stark schwankenden Grossaufträge aussen vor, sind die Orders zum dritten Mal in Folge gestiegen. Das ist positiv», sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer und fügte hinzu: «Aber die Kerngrösse der Auftragseingänge hat den seit 2024 etablierten Seitwärtskanal noch nicht nach oben durchstossen.»
Ob es in dem Tempo weitergeht, ist ungewiss. Die Stimmung im Verarbeitenden Gewerbe hatte sich vor dem Jahreswechsel eingetrübt. «Kaum eine Branche bleibt davon ausgenommen», wie das Münchner Ifo-Institut zu seiner Unternehmensumfrage mitteilte. Auch das Bundeswirtschaftsministerium bleibt deshalb vorsichtig und verweist auf handels- und geopolitische Unwägbarkeiten. «Somit ist weiter mit einer gedämpften Exportentwicklung zu rechnen», so das Ministerium.
Der inflationsbereinigte Umsatz im Verarbeitenden Gewerbe ist im November um 2,7 Prozent zum Vormonat gestiegen. Im Oktober hatte es hier ein Plus von 0,4 Prozent gegeben.

