Grund für die Inflationsgefahr sind die infolge der amerikanisch-israelischen ‌Angriffe ⁠auf den Iran stark gestiegenen Energiepreise. «Wir erleben gerade einen weiteren grossen Stresstest», sagte OECD-Direktor ⁠Carmine Di Noia am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters.

Die Ölpreise sind in dieser Woche um 16 Prozent ‌gestiegen. Die Renditen von Staatsanleihen legten aus Sorge vor ‌einer anhaltend hohen Inflation zu. Sollte sich ​dieser Trend fortsetzen, würde dies angesichts des ohnehin hohen Finanzierungsbedarfs und der gestiegenen Kreditkosten die Anleihemärkte «noch stärker unter Druck setzen», betonte Di Noia.

Um die Kosten zu senken, haben viele Staaten und Unternehmen die Laufzeiten ihrer neuen Schuldtitel verkürzt. Dies erhöht jedoch das ‌Refinanzierungsrisiko, da Schulden schneller fällig werden.

Dem am Mittwoch veröffentlichten Schuldenbericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zufolge lag die Refinanzierung in den Mitgliedsländern im vergangenen Jahr auf ​dem Rekordwert von 13,5 Billionen Dollar. Das mache 80 Prozent ​der weltweiten Neuverschuldung aus. Besonders anfällig seien Schwellenländer, ​die mehr als ein Drittel ihrer Verbindlichkeiten in den nächsten drei Jahren zurückzahlen müssen. Zudem spiele ‌die veränderte Anlegerstruktur eine Rolle. Preissensible Investoren wie Hedgefonds würden an Bedeutung gewinnen, was die OECD als potenzielle Quelle für Marktunruhen ansieht.

Eine weitere Herausforderung ist dem Bericht zufolge ​der immense ​Finanzierungsbedarf von Künstlicher Intelligenz (KI), da zahlreiche Unternehmen ⁠zig Millionen in den Ausbau von Rechenzentren stecken. ​Neun grosse Technologiekonzerne müssten bis ⁠2030 Investitionen von 4,1 Billionen Dollar stemmen. Würde die Hälfte davon über Anleihen ‌finanziert, könnten diese neun Firmen 15 Prozent der weltweiten Unternehmensanleihen ausmachen. Da Techriesen wie Amazon, Google und Microsoft bereits einen grossen Teil der ‌Börsenwerte ausmachen, könnte eine stärkere Verflechtung der Aktien- und Anleihemärkte die ​Risikostreuung für Anleger erschweren, sagte Di Noia. Es sei daher fraglich, ob der Markt ein Angebot dieser Grössenordnung aufnehmen könne, warnte die OECD.

(Reuters)