Es ist bereits die achte Anhebung in Folge, seit die Notenbank im vergangenen Sommer nach Jahren der ultralockeren Geldpolitik auf einen Straffungskurs umgeschwenkt war. Der an den Finanzmärkten richtungsweisende Einlagensatz, den Geldhäuser für das Parken überschüssiger Gelder von der Notenbank erhalten, liegt damit künftig bei 3,50 Prozent - das höchste Niveau seit 22 Jahren. Analysten und Finanzexperten sagten dazu in ersten Reaktionen:

ALEXANDER KRÜGER, CHEFÖKONOM HAUCK AUFHÄUSER LAMPE:

"Die EZB hat klar signalisiert, mit Zinserhöhungen weiterzumachen. Statt müde zu werden, ist sie bezüglich der Inflationsaussichten weiter hellwach. Unverändert wird ein ausreichend restriktives Zinsniveau angestrebt. Ein Zinsschritt im Juli scheint damit schon gesetzt zu sein. Zinserhöhungspotenzial besteht beim Einlagesatz bis auf 4,00 Prozent. Stand jetzt dürften die besonders hoch verschuldeten Länder das aber eher verhindern. Stoppt die EZB vorher, wäre die Inflationsbekämpfung weniger entschlossen erfolgt."

JENS-OLIVER NIKLASCH, LBBW:

"Das war für heute das erwartbare Ergebnis. Eine weitere Zinserhöhung um 25 Basispunkte dürfte schon ausgemacht sein. Aber was die Märkte eigentlich interessiert: Wie geht es danach weiter? Die beste Information zu dieser Frage sind wohl die neuen Projektionen. Demnach bleiben Inflation und Kerninflation noch zu lange zu hoch. Hingegen ist die Projektion für das BIP-

Wachstum recht optimistisch. Die geringfügige Kürzung der neuen BIP-Projektionen deckt sich eigentlich nicht mit den jüngsten, eher enttäuschenden Zahlen zur Konjunktur. So langsam kommen wir in Bereiche, in denen die Geldpolitik aufpassen muss, dass sie nicht zu restriktiv wird. Was die EZB aber bestätigen dürfte, ist der robuste Arbeitsmarkt. Selbst eine länger anhaltend restriktive Geldpolitik führt nicht zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit. Das gibt den Falken Rückenwind."

MICHAEL HEISE, CHEFÖKONOM HQ TRUST:

"Den Worten folgen Taten. Nach wiederholten Hinweisen, dass die Straffung der Geldpolitik noch fortgesetzt werden müsse, um die Inflationsrate in absehbarer Zeit wieder auf den Zielpfad von zwei Prozent zu reduzieren, hat die EZB nun geliefert."

ULRICH KATER, DEKABANK CHEFÖKONOM:

"Bislang hat die EZB einen guten Kompromiss gefunden zwischen einer entschlossenen Inflationsbekämpfung bei nur moderater Beeinträchtigung der Konjunktur. Aber noch sind wir nicht am Ende dieses Weges: Der Drahtseilakt geht weiter."

HEINER HERKENHOFF, HAUPTGESCHÄFTSFÜHRER BANKENVERBAND BDB:

"Es ist eine überzeugende Entscheidung der Europäischen Zentralbank, die Zinserhöhungen nicht vorzeitig zu beenden. Die Notenbanker hatten vor sechs Wochen gute Gründe, den Umfang der Zinsschritte zu 'normalisieren'. Doch die Zinserhöhungen nun ganz zu stoppen, hätte vor allem die jüngeren Erfolge bei den Inflationserwartungen sofort wieder gefährdet. So werden sowohl private Haushalte als auch die Investoren am Kapitalmarkt in ihren Erwartungen bestärkt, dass die Inflation weiter sinkt.

FRIEDRICH HEINEMANN, ZEW-INSTITUT:

"Die EZB macht derzeit einen überzeugenden Job, um verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Trotz eines ungünstigen Konjunkturausblicks hebt sie die Zinsen weiter an und demonstriert, dass die Rückkehr zur Preisstabilität Priorität hat. Allerdings haben einige günstige Entwicklungen der letzten Monate diese Konsequenz erst möglich gemacht. Die aktuelle italienische Regierung verfolgt eine vergleichsweise vorsichtige Fiskalpolitik.

Das sorgt dafür, dass die Renditen italienischer Staatsanleihen auch bei steigenden EZB-Zinsen nicht außer Kontrolle geraten. Ausserdem ist das Credit-Suisse-Debakel in Europa ein Einzelfall geblieben. All das hält der EZB vorerst den Rücken frei. Wenn die Kerninflation nicht deutlicher fällt, ist daher mindestens noch ein weiterer Zinsschritt realistisch – auch wenn der Widerstand im EZB-Rat jetzt steigen dürfte."

JÖRG KRÄMER, CHEFÖKONOM COMMERZBANK:

"Der Zinserhöhungsprozess nähert sich dem Ende. Aber es ist fraglich, ob ein EZB-Einlagensatz von 3,5 Prozent ausreicht, die Inflation nachhaltig auf zwei Prozent zu senken. Denn die hohe Inflation hat sich bereits in der Volkswirtschaft festgesetzt. So hat sich der Anstieg der Löhne massiv beschleunigt, was die Preise für Dienstleistungen rasch steigen lässt. Die EZB hat das Inflationsproblem noch lange nicht gelöst."

JÖRG ASMUSSEN, HAUPTGESCHÄFTSFÜHRER GESAMTVERBAND DER DEUTSCHEN VERSICHERUNGSWIRTSCHAFT (GDV):

"Die heutige Zinserhöhung um 25 Basispunkte ist erwartet worden. Die grosse Frage ist, wie es von hier aus weitergeht. Die Zinserhöhungen kommen langsam in der Realwirtschaft an. Gemeinsam mit den schwachen Wachstumsdaten für Deutschland und Europa deutet dies auf weiter fallende Inflationszahlen hin.

Die Märkte erwarten vor diesem Hintergrund ein baldiges Ende der Zinserhöhungen. Aber die Inflation ist noch immer deutlich vom Zielwert der EZB entfernt, auch die Kerninflation ist weiterhin zu hoch. Solange die Teuerungsraten ihren Zielwert noch um mehr als das Doppelte übersteigen, wird die EZB richtigerweise an ihrem Weg festhalten. Ich wäre nicht überrascht, wenn die Märkte ihre Zinserwartungen korrigieren müssten, vor allem was die Zeitdauer bis zur ersten Zinssenkung betrifft."

(Reuters)