Investoren an den Anleihe- und Devisenmärkten haben die Regionalwahlen in Grossbritannien am Donnerstag besonders im Blick. Denn ein den Umfragen zufolge wahrscheinliches schlechtes Abschneiden ‌der regierenden Labour-Partei ⁠zugunsten der rechtspopulistischen Reformpartei und der linksgerichteten Grünen Partei könnte die Fiskalsorgen noch verstärken. Das könnte das britische Pfund belasten und die ⁠Renditen der Staatsanleihen weiter nach oben treiben.

Die Kreditkosten des Landes sind bereits die höchsten unter den reichen Volkswirtschaften, zudem sind sie durch den Iran-Krieg und die hohen Energiepreise ‌bereits befeuert worden. Die Renditen 30-jähriger britischer Anleihen erreichten Anfang der Woche den höchsten Stand ‌seit 1998. Die der zehnjährigen Titel haben seit Kriegsausbruch rund 70 Basispunkte ​auf 4,94 Prozent zugelegt. Ein weiterer Anstieg würde Experten zufolge den Druck auf die öffentlichen Finanzen erhöhen.

Starmer gilt als angezählt

Sollte es bei den Regional- und Kommunalwahlen in England, Schottland und Wales zu deutlichen Verlusten der Labour-Partei kommen, könnte zudem auch die Zukunft von Premierminister Keir Starmer ins Wanken geraten. Er kämpft mit schlechten Umfragewerten und steht politisch seit längerem unter Druck, weil er Peter Mandelson ‌trotz dessen bekannter Verbindungen zu dem verurteilten und inzwischen gestorbenen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein zum britischen Botschafter in den USA ernannt hatte.

Mandelson war von dem prestigeträchtigen Posten in Washington entlassen worden, als das Ausmass seiner Beziehungen zu Epstein bekannt wurde. Im Zentrum der Vorwürfe steht der Verdacht, ​Mandelson habe während seiner Zeit als Minister in der Regierung von Gordon Brown im Jahr 2009 ​vertrauliche Informationen an Epstein weitergegeben. Die Quoten auf der Wettplattform Polymarket zeigen zwar eine ​Wahrscheinlichkeit von weniger als zehn Prozent für einen sofortigen Abgang von Starmer. Bis zum Jahresende steigt diese jedoch auf fast 70 Prozent.

Nach Ansicht von Fondsmanager Colin ‌Finlayson von Aegon Asset Management ist «fast jeder, der Starmer ersetzen würde, für die Märkte weniger günstig». Beispielsweise gelten die ehemalige stellvertretende Premierministerin Angela Rayner sowie der Bürgermeister von Manchester, Andy Burnham, als mögliche Nachfolger von Starmer. Auf beide würden die Märkte Investoren zufolge negativ reagieren, während Gesundheitsminister Wes Streeting ​als weniger ​bedrohlich eingestuft würde.

Linksdruck nicht erhofft

Sollte Starmer im Amt bleiben, ⁠aber sich wegen des Drucks stärker an einer linken Politik orientieren, würde auch ​das die Investoren verunsichern. Sie fürchten ⁠eine geringere fiskalische Disziplin. Für diese stehe wiederum Finanzministerin Rachel Reeves, weswegen jedes Anzeichen einer Personaländerung vom Markt negativ aufgefasst würde, sagt Finlayson.

Die ‌finanziellen Möglichkeiten der britischen Regierung sind nach Einschätzung der Deutschen Bank deutlich geschrumpft. Der Spielraum von Reeves zur Einhaltung ihrer Fiskalregeln sei von 24 Milliarden Pfund im März auf nun rund zehn Milliarden Pfund (umgerechnet 11,8 Milliarden Euro) gesunken. Grund ‌seien die wirtschaftlichen Auswirkungen des Iran-Krieges. Dies deute auf einen schwierigen Haushalt im Herbst hin.

«Die schwierigen ​öffentlichen Finanzen haben aber schon in den vergangenen Jahren immer wieder auf dem Pfund gelastet, da es der Regierung nur unter grössten Bemühungen gelingen wollte, das nötige Geld aufzutreiben», sagt Commerzbank-Währungsanalyst Michael Pfister. «Wird diese Haushaltsdisziplin nun generell in Zweifel gezogen, dürfte das Pfund daher wieder erheblich unter Druck geraten.»

(Reuters)