Ohne Aussichten auf neue Friedensgespräche hat der Iran seine Kontrolle über die Strasse von Hormus demonstriert. Das Staatsfernsehen veröffentlichte am Donnerstag ein Video, das die Erstürmung eines riesigen Frachtschiffs durch iranische Spezialkräfte zeigt. In den Aufnahmen ist zu sehen, wie maskierte Soldaten in einem grauen Schnellboot an die «MSC Francesca» heranfahren, über eine Strickleiter zu einer Luke im Rumpf klettern und mit gezückten Gewehren an Bord springen. Das mit dramatischer Musik unterlegte und unkommentierte Video zeigt zudem ein weiteres Schiff, die «Epaminondas». Der Iran erklärte, beide Schiffe am Mittwoch gekapert zu haben, und warf ihnen vor, die Meerenge ohne Genehmigung durchqueren zu wollen.
Der stellvertretende Parlamentspräsident Hamidresa Hadschibabaei teilte mit, die ersten Einnahmen aus einer Maut, die der Iran nun von Schiffen in der Meerenge erhebt, seien auf das Konto der Zentralbank überwiesen worden. Details zu den Zahlern, dem Zeitpunkt oder der Höhe nannte er nicht. Der Chef der iranischen Justiz, Gholamhossein Mohseni-Edschei, erklärte, die Verantwortlichen der angegriffenen Handelsschiffe seien «zur Rechenschaft gezogen» worden. Iranische Schnellboote und Marinedrohnen suchten in Meereshöhlen vor einer Insel nahe der Mündung der Meerenge Schutz und hielten die US-Marine davon ab, sich zu nähern.
Der Iran blockiert die für ein Fünftel der weltweiten Öl- und Flüssiggastransporte wichtige Wasserstrasse faktisch seit Beginn des Krieges zwischen den USA, Israel und dem Iran Ende Februar für alle Schiffe. Die Regierung in Teheran will die Route erst wieder freigeben, wenn die USA ihre Blockade der iranischen Schifffahrt aufheben. Washington hatte diese während der am Dienstag abgelaufenen zweiwöchigen Waffenruhe verhängt, was Teheran als Bruch der Feuerpause wertet. Die US-Streitkräfte haben Schifffahrts- und Sicherheitskreisen zufolge am Mittwoch mindestens drei unter iranischer Flagge fahrende Tanker in asiatischen Gewässern abgefangen und von ihren Positionen nahe Indien, Malaysia und Sri Lanka umgeleitet.
Formelle Verlängerung der Feuerpause gibt es nicht
US-Präsident Donald Trump hatte in den letzten Stunden der Waffenruhe am Dienstag zwar seine Drohungen zurückgenommen, die Angriffe auf den Iran wieder aufzunehmen, weigert sich jedoch, die US-Blockade aufzuheben. Eine formelle Verlängerung der Feuerpause gibt es nicht, und Pläne für weitere Gespräche sind bislang nicht bekannt. Die iranische Bevölkerung, die vor der Waffenruhe am 8. April sechs Wochen lang US-amerikanischen und israelischen Bombenangriffen ausgesetzt war, leidet unter der ständigen Bedrohung. «In einer Situation, die weder Frieden noch Krieg ist, ist die Lage etwas beängstigend», sagte der 35-jährige Regierungsangestellte Arasch in Teheran der Nachrichtenagentur Reuters. «Man denkt jeden Moment, dass Israel oder die USA einen Angriff starten könnten.»
Pakistan, das Anfang des Monats die bislang einzigen Friedensgespräche in dem Konflikt ausgerichtet hatte, steht nach Angaben aus Regierungskreisen weiterhin mit beiden Seiten in Kontakt. Iranische Vertreter weigerten sich jedoch unter Verweis auf die US-Blockade und andere Gründe, die Entsendung einer Delegation für eine zweite Runde zuzusagen. Der Iran hat öffentlich seine grundsätzliche Gesprächsbereitschaft signalisiert, erklärte jedoch, die US-Blockade und widersprüchliche Forderungen aus Washington machten eine feste Zusage unmöglich.
«Sie haben Ihre Ziele nicht durch militärische Aggression erreicht und werden sie auch nicht durch Einschüchterung erreichen», schrieb der Leiter des iranischen Verhandlungsteams, Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf, am Mittwoch in den sozialen Medien. «Der einzige Weg ist die Anerkennung der Rechte des iranischen Volkes.»
Neue Gespräche zwischen Israel und Libanon
Unabhängig davon wollten die USA am Donnerstag eine zweite Gesprächsrunde zwischen Israel und dem Libanon ausrichten. Dabei strebt der Libanon eine Verlängerung der in der vergangenen Woche vereinbarten Waffenruhe an. Bei israelischen Angriffen im Libanon wurden am Mittwoch fünf Menschen getötet, darunter ein Journalist. Es war der verlustreichste Tag seit Inkrafttreten der von den USA vermittelten Feuerpause. Der Iran macht die Aufrechterhaltung der Waffenruhe im Libanon zur Vorbedingung für Gespräche über den umfassenderen Krieg.
Die Pattsituation in der Strasse von Hormus sorgte an den Finanzmärkten für uneinheitliche Reaktionen. Die fehlende Perspektive zur Lösung der schwersten Unterbrechung der Energieversorgung der Geschichte liess die Ölpreise erneut steigen. Nordsee-Öl der Sorte Brent verteuerte sich um mehr als 1,5 Prozent auf 103,50 Dollar je Barrel (159 Liter). Der deutsche Aktien-Leitindex Dax lag bis zum Mittag einen halben Prozentpunkt im Minus. Auch die Börsen in Japan, Hongkong und Grossbritannien gaben nach.
(Reuters)

