Der Iran-Krieg hat in Deutschland einen Teuerungsschub ausgelöst, der sich noch zu verstärken droht. Im März kletterte die Teuerungsrate auf 2,7 Prozent, nach 1,9 Prozent im Februar, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) am Freitag mitteilte. Es ist der höchste Wert seit Januar 2024. «Insbesondere Kraftstoffe und Heizöl haben sich für die Verbraucherinnen und Verbraucher seit Beginn des Iran-Kriegs sprunghaft verteuert», sagte Destatis-Präsidentin Ruth Brand zur Preisentwicklung im März. Der bisher beobachtete Inflationsanstieg sei nur der Anfang, warnen Experten. Auch, wenn der Waffenstillstand im Mittleren Osten halte, dürfte die Inflation im April weiter steigen, sagte Sebastian Dullien, wissenschaftlicher Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK).
«Ein Anstieg der Inflation in den kommenden Monaten über die Drei-Prozent-Marke ist nicht unwahrscheinlich», fügte der Experte hinzu. Er verweist darauf, dass die Kraftstoffpreise im ersten April-Drittel deutlich über den Preisen im März lagen. Auch wirkten Kostensteigerungen im Grosshandel für Erdgas und Elektrizität mit Verzögerung auf die Verbraucherpreise, weil die meisten von ihnen länger laufende Verträge mit den Versorgern hätten. Als weitere Inflationstreiber dürften in den nächsten Wochen indirekte Preiserhöhungen aufgrund der gestiegenen Energiekosten kommen - etwa, wenn Lieferdienste ihre Preise wegen des teureren Dieselkraftstoffs anheben.
Auch der Chefvolkswirt der DekaBank, Ulrich Kater, geht vor diesem Hintergrund davon aus, dass die Teuerungsrate vorübergehend über drei Prozent liegen wird. Fürs Tanken mussten die Autofahrer hierzulande im März bereits tief in die Tasche greifen: Kraftstoffe verteuerten sich gegenüber dem Vorjahresmonat um satte 20,0 Prozent. Die Preise für leichtes Heizöl erhöhten sich sogar um 44,4 Prozent: «Diese deutlichen Preissprünge resultierten massgeblich aus den Kriegshandlungen im Iran und im Nahen Osten und der dadurch ausgelösten Preisentwicklung auf dem Rohölmarkt», so die Statistiker.
Der Chef der Internationalen Energieagentur, Fatih Birol, befürchtet Engpässe in Europa. «Wenn sich die Lage nicht verbessert, könnten Diesel und Kerosin in Europa bald knapp werden. Nicht sofort, aber in den kommenden Wochen», sagte er dem «Spiegel». Europa habe vor dem Iran-Krieg einen grossen Teil seines Diesels und Kerosins aus Raffinerien des Nahen Ostens bezogen: «Viele Treibstofflager haben sich in den vergangenen Wochen geleert.» Wenn sich die globale Produktion nicht bald erhole, könne es im Mai für einige europäische Staaten brenzlig werden. Welche Staaten das sind, wollte Birol nicht sagen.
Mir der faktischen Kontrolle der Strasse von Hormus habe der Iran ein Druckmittel gegenüber der gesamten Weltwirtschaft, gibt Commerzbank-Ökonom Vincent Stamer zu bedenken. Auch wenn Europa - und gerade Deutschland - einen Grossteil seines Erdöls und Erdgases aus anderen Ländern und nicht aus dem Mittleren Osten beziehe, könnten Lieferketten gefährdet werden. «Denn Deutschland und die anderen europäischen Länder importieren diverse Waren wie Chemikalien, Edelgase und Aluminium aus den Anrainerstaaten des Persischen Golfs», erläuterte der Experte. Seit Mittwoch gilt eine zweiwöchige Waffenruhe im Iran-Krieg. «Allerdings bleibt diese brüchig, und die Verhandlungen für einen langfristigen Frieden dürften angesichts der sehr weit auseinanderliegenden Positionen sehr schwierig werden», sagte Stamer.
DekaBank-Chefvolkswirt Kater betont, dass sechs Wochen Krieg an einer der wichtigsten Handelsrouten der Weltwirtschaft beträchtliche gesamtwirtschaftliche Schäden verursacht haben. Selbst im besten Fall einer schnellen, tragfähigen Einigung aller Konfliktparteien dürfte es bis weit in die zweite Jahreshälfte dauern, bis sich das Angebot am globalen Ölmarkt normalisiere. «Bei Erdgas wird die Rückkehr zur Normalität wegen der teilweisen Zerstörung von Produktionsinfrastruktur sogar noch längere Zeit brauchen.»
Trotz des Preisanstiegs beim Heizöl infolge des Iran-Krieges war Haushaltsenergie hierzulande im März um 1,2 Prozent günstiger als ein Jahr zuvor. So waren beispielsweise Erdgas einschliesslich Betriebskosten (-2,9 Prozent) und Fernwärme (-1,2 Prozent) binnen Jahresfrist günstiger, was laut Destatis unter anderem auf die seit Jahresbeginn umgesetzten Massnahmen der Bundesregierung zurückzuführen ist. Dazu zählen zum Beispiel reduzierte Übertragungsnetzentgelte und die Abschaffung der Gasspeicherumlage.
(Reuters)

