Damit droht die bislang grösste Eskalation des Krieges mit der Zerstörung ziviler Infrastruktur. Trump untermauerte seine Drohung am Dienstag: Sollte ‌in den kommenden ⁠Stunden kein Abkommen zur Beendigung des Konflikts erzielt werden, werde «heute Nacht eine ganze Zivilisation sterben», sagte er in Washington. Zugleich zeigte sich US-Vizepräsident JD Vance in Budapest zuversichtlich, dass die USA noch vor Ablauf des Ultimatums eine ⁠Antwort des Irans erhielten. Bereits im Tagesverlauf kam es zu neuen Angriffen auf den Iran. Dabei wurden iranischen Medien zufolge Eisenbahn- und Strassenbrücken, ein Flughafen sowie eine petrochemische Anlage getroffen und Stromleitungen unterbrochen. Die Führung in Teheran erklärte, sie werde vor Angriffen auf die Infrastruktur ihrer Golfnachbarn ‌nicht länger zurückschrecken.

Trump hatte dem Iran eine Frist bis 20.00 Uhr Ortszeit in Washington (Mittwoch, 02.00 Uhr MESZ) gesetzt, um die Blockade der Öllieferungen am Golf ‌zu beenden. Andernfalls werde er innerhalb von vier Stunden jede Brücke und jedes Kraftwerk im Iran zerstören. Der Iran ​drohte im Gegenzug mit Vergeltungsschlägen gegen die Infrastruktur der US-Verbündeten am Golf. Deren Wüstenstädte wären ohne Strom und Wasser unbewohnbar. Die iranischen Revolutionsgarden teilten mit, die Antwort Teherans werde die USA und ihren Verbündeten in der Region auf Jahre hinaus Öl und Gas entziehen. «Amerikas regionale Partner sollten wissen, dass wir bis heute um der guten Nachbarschaft willen grosse Zurückhaltung geübt und bei der Auswahl der Vergeltungsziele gewisse Rücksichten genommen haben», hiess es in der Erklärung. «All diese Rücksichten sind nun jedoch hinfällig.»

Vance sagte in Budapest, die Iraner seien nicht die schnellsten Verhandler. Er sei zuversichtlich, dass die USA eine Antwort aus Teheran bis 20.00 Uhr (Ortszeit Washington) erhalten könnten. Ihre militärischen Ziele im Iran hätten die USA weitgehend ‌erreicht, fügte Vance hinzu.

Im Laufe des Dienstags gab es zahlreiche Berichte über Angriffe im Iran. In Teilen von Karadsch westlich von Teheran fiel der Strom aus, nachdem Übertragungsleitungen und ein Umspannwerk getroffen worden waren. Auf der Insel Charg, dem wichtigsten iranischen Ölexportterminal, wurden Explosionen gemeldet. Trump hatte zuvor öffentlich über die Zerstörung oder Einnahme der Insel nachgedacht. Israel warnte die Iraner in einem persischsprachigen Beitrag in den sozialen Medien, sich von Zügen fernzuhalten. Jeder in der Nähe von ​Eisenbahnen sei in Gefahr.

In Teheran wurde in der Nacht eine Synagoge durch mutmasslich israelische Luftangriffe zerstört. Fernsehbilder zeigten hebräische Texte in den Trümmern. «Das Synagogengebäude wurde vollständig zerstört, und unsere ​Thora-Rollen liegen unter den Trümmern», sagte Homayoun Sameh, ein Abgeordneter der jüdischen Gemeinde im Iran. Das israelische Militär äusserte sich nicht.

Pakistan sieht diplomatische Fortschritte

Ein hochrangiger iranischer Insider sagte der Nachrichtenagentur Reuters, Teheran habe einen von Vermittlern überbrachten Vorschlag für eine vorübergehende Waffenruhe abgelehnt. Gespräche über einen dauerhaften Frieden könnten erst beginnen, wenn die USA und Israel ihre Angriffe einstellten, Garantien gegen eine Wiederaufnahme gäben und Entschädigungen anböten. Eine künftige Regelung ‌müsse dem Iran die Kontrolle über die Meerenge von Hormus überlassen, sagte der Insider. Zudem müssten Gebühren für Schiffe erhoben werden.

Pakistan fungiert bei den Kontakten bislang als wichtigster Vermittler. Der iranische Botschafter in Pakistan sagte, die Bemühungen Islamabads näherten sich einer kritischen und sensiblen Phase. Ein von Pakistan vermittelter Vorschlag sah einem Insider zufolge eine vorübergehende Waffenruhe und die Aufhebung der iranischen Blockade vor. Eine umfassende Friedensregelung sollte auf spätere Gespräche verschoben werden.

Die iranische Nachrichtenagentur Irna hatte am Montag ​jedoch über eine ​Zehn-Punkte-Antwort des Irans berichtet. Darin werde ein dauerhaftes Ende des Krieges gefordert, die Aufhebung der Sanktionen und der Wiederaufbau der ⁠beschädigten Anlagen. Zudem soll ein neuer Mechanismus für die Durchfahrt durch die Strasse von Hormus geschaffen werden. Seit Beginn der Angriffe der ​USA und Israels auf den Iran am 28. ⁠Februar hat Teheran die Wasserstrasse für fast alle fremden Schiffe faktisch gesperrt. Zuvor passierte ein Fünftel des weltweiten Öls und Flüssiggases diese Route.

Hoffnung auf «weiteren Bluff»

Trump hatte seine jüngste Frist am Sonntag in den sozialen Medien mit drastischen Worten verkündet. «Öffnet ‌die verdammte Meerenge, ihr verrückten Bastarde, oder ihr werdet in der Hölle leben – PASST NUR AUF!» Iranische Regierungsvertreter bezeichneten die Wortwahl als verzweifelt oder gar verrückt. Auf einer Pressekonferenz am Montag legte Trump nach. «Jede Brücke im Iran wird vernichtet werden», drohte er. «Jedes Kraftwerk im Iran wird ausser Betrieb gesetzt, brennen, explodieren und nie wieder zu gebrauchen sein.»

Der iranische UN-Gesandte nannte Trumps Drohungen eine direkte Anstiftung zum ‌Terrorismus und einen klaren Beweis für die Absicht, Kriegsverbrechen zu begehen. Die militärische Führung des Landes bezeichnete Trump als wahnhaft. Im Iran hofften die Einwohner derweil, dass ​die Eskalation abgewendet werden kann. «Ich hoffe, es ist ein weiterer Bluff von Trump», sagte die 37-jährige Shima aus der zentraliranischen Stadt Isfahan der Nachrichtenagentur Reuters am Telefon. Wie viele Iraner wünsche sie sich die Absetzung der klerikalen Hardliner-Regierung. «Dass jedoch die Infrastruktur zerstört wird und die Menschen nicht in der Lage sind, die Zukunft des Landes aufzubauen, ist eine andere Sache», erklärte sie.

Trump hatte in den vergangenen Wochen ähnliche Drohungen abrupt zurückgenommen und auf angebliche Verhandlungen verwiesen. Teheran bestritt dies. Die globalen Finanzmärkte reagierten trotz der ‌verschärften Rhetorik und der Angriffe verhalten. Anleger zögerten, darauf zu ​wetten, ob Trump seine Drohungen wahr machen oder wie in der Vergangenheit einen Rückzieher machen würde. 

(Reuters)