Seit die USA und Israel den Iran-Krieg begonnen haben, diskutiert die Welt über die Motive und Ziele beider Regierungen. Aber ein Land hat sich weitgehend zurückgehalten, obwohl es der mit Abstand grösste Einkäufer iranischen Öls und damit erheblich betroffen ist: China.
Dabei könnte gerade die aufstrebende Supermacht am Ende zu den geopolitischen Profiteuren des völkerrechtswidrigen Vorgehens von US-Präsident Donald Trump gehören. «China wirkt besser, verlässlicher, vernünftiger und stabiler», sagt Mikko Huotari, Direktor des China-Thinktanks Merics, zu Reuters.
Die USA werden im Nahen Osten nicht mehr als positive Ordnungsmacht wahrgenommen, ihr Agieren wirkt unkalkulierbar. Die prowestlichen Golfstaaten sehen sich durch Trump in einen unabgesprochenen Krieg hineingezogen, der ihr eigenes Geschäftsmodell gefährdet.
Das bietet Raum für eine tektonische Machtverschiebung: «Jetzt gewinnt China als Faktor im Nahen Osten und bei globalen Krisenlagen erneut an Gewicht», analysiert Huotari. «Man kann sich im Nahen Osten keine Entwicklung mehr vorstellen, in der China keine wichtige Rolle spielt.» Das könnte auch die Gewichte zwischen beiden Supermächten beim geplanten Besuch Trumps in Peking Mitte Mai verschieben. «Präsident Xi Jinping wird gestärkt in dieses Treffen gehen.»
China hält sich dennoch im Hintergrund
Es ist unklar, ob China bei der Aushandlung der zweiwöchigen Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran eine entscheidende Rolle spielte. Trump räumte zumindest einen Einfluss ein: «Soweit ich höre, ja», sagte der US-Präsident auf die Frage, ob Peking daran beteiligt gewesen sei, seinen engen Verbündete Teherans zu Verhandlungen über eine Waffenruhe zu bewegen. Dass jetzt ausgerechnet Pakistan als China-Verbündeter als Vermittler bei der Aushandlung eines Waffenstillstands zwischen den USA und Iran auftritt, deutet ebenfalls auf den Einfluss Pekings hin.
China hält sich dennoch im Hintergrund. Der Einfluss im konkreten Konflikt dürfe nicht überschätzt werden, warnt Huotari. «China ist ein Faktor, aber kein Hebel.» Das sieht auch die Sinologin Marina Rudyak so: «Wenn China die einzige Lifeline für die iranische Regierung ist, weil es den allergrössten Teil des iranischen Öls kauft, gibt dies Peking natürlich Einfluss.
Aber das bedeutet noch nicht, dass sich Peking in einer diplomatischen Offensive befindet.» Das ist aber auch gar nicht nötig, betont Rudyak. «China muss gar nichts tun, um als berechenbarer Akteur wahrgenommen zu werden.»
«Man soll seinen Gegner nie unterbrechen, wenn er Fehler macht»
Die Zurückhaltung könnte auch damit zusammenhängen, dass sich Xi Jinping an einem Napoleon zugeschriebenen Bonmot orientiert: «Man soll seinen Gegner nie unterbrechen, wenn er Fehler macht.» Denn auch in den USA überwiegt die Meinung, dass sich Trump im Iran-Krieg ohne Strategie verheddert habe.
In den letzten Jahren ist Chinas Aussenpolitik gerade im Nahen Osten immer aktiver geworden. Erhebliche Verblüffung gab es im Westen schon im März 2023, als das seit Jahrzehnten mit den USA verbündete Saudi-Arabien in Peking die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zu Iran vereinbarte.
Im Juli 2024 vermittelte Peking eine Verständigung zwischen der militant-islamistischen Hamas und der moderateren Fatah, die die Palästinensische Autonomiebehörde im Westjordanland anführt. Chinas Führung sprach damals von einer Politik der «positiven Neutralität».
Die Motive Chinas sind dabei offensichtlich: Das Land bezieht wie andere asiatischen Volkswirtschaften einen erheblichen Teil seiner Öl- und Gaslieferungen aus der Golfregion, braucht Versorgungssicherheit. Deshalb sieht Rudyak das alles überragende Interesse darin, dass dieser Krieg endet.
«China will vor allem Stabilität auf den internationalen Märkten. Denn die innere Stabilität hängt davon ab, dass es Wirtschaftswachstum und Stabilität gibt», sagt sie. Sonst seien die Ziele des neuen Fünf-Jahres-Plans der chinesischen Führung bis 2035 und 2049 nicht erreichbar. «Kriege sind schlecht für die wirtschaftliche Stabilität und Wachstum.»
USA sind der weltweit grösste Ölproduzent und bei Gas unabhängig
Weitet man den Blick, dann spielt sich die Konkurrenz zwischen den USA und China auch auf der grossen geopolitischen Ebene ab: Denn die USA haben schon mit der Militärintervention in Venezuela versucht, einen wichtigen Öllieferanten Chinas unter Kontrolle zu bringen. Dann folgte der amerikanisch-israelische Angriff auf den Iran und dessen Öl-Anlagen.
US-Verbraucher leiden zwar auch unter den gestiegenen Preisen. Aber die USA sind mittlerweile der weltweit grösste Ölproduzent und auch bei Gas unabhängig - was ein entscheidender Vorteil in der Auseinandersetzung mit China sein könnte und auch die Entscheidung für den Angriff auf Iran erleichtert haben dürfte.
Umgekehrt zeigt dieser Krieg Chinas Führung, dass sie diesen strategischen Nachteil der Abhängigkeit von Energielieferungen auch aus der Golfregion durch den beschleunigten Ausbau der atomaren als auch der erneuerbaren Energien beseitigt. Dies ist auch ein Element der verstärkten Zusammenarbeit mit den Golfstaaten geworden.
«Man darf nicht vergessen, dass China für die Golfstaaten ein wichtiger Wirtschaftspartner wegen deren Transformation ist», sagte Rudyak. So seien die Golfstaaten ein wichtiger Absatzmarkt für chinesische E-Autos und Solarpanelen geworden. Die USA haben unter Trump auf diesem Gebiet immer weniger anzubieten.
(Reuters)

