Das schrieb Gita Gopinath, erste stellvertretende Direktorin des Internationalen Währungsfonds, den im portugiesischen Sintra versammelten EZB-Räten am Montagabend ins Stammbuch.

“Es dauert zu lange, bis sich die Inflation wieder dem Zielwert nähert”, sagte Gopinath auf der jährlichen EZB-Klausur in dem Bergdorf westlich von Lissabon. “Das bedeutet, dass die Zentralbanken, einschliesslich der EZB, trotz des Risikos eines schwächeren Wirtschaftswachstums bei der Inflationsbekämpfung bleiben müssen.”

Auf längere Sicht werden strukturelle Verschiebungen in der Wirtschaft mehr Aufwärtsrisiken für die Preise mit sich bringen und die Notenbanken möglicherweise dazu zwingen, ihre Strategien zu verfeinern, so die indisch-amerikanische Ökonomin. Finanzielle Spannungen könnten darüber hinaus zu Konflikten zwischen Inflations- und Finanzstabilitätszielen führen, sagte sie.

Die EZB-Ratsmitglieder diskutieren in Sintra, wie weit ihr geldpolitischer Straffungszyklus noch gehen muss, damit die Inflation wieder das 2-Prozent-Ziel erreicht. Die Gesamtinflationsrate ist nach dem Rückgang der Energiekosten wieder gesunken, doch der zugrundeliegende Preisdruck zeigt sich hartnäckiger als angenommen.

Forderung nach staatlicher Unterstützung

Ähnlich wie EZB-Präsidentin Christine Lagarde forderte Gopinath staatliche Unterstützung für den Kampf gegen die Inflation statt deren Befeuerung durch fiskalische Hilfsmassnahmen.

“Einige Nebeneffekte der Inflationsbekämpfung durch die Geldpolitik könnten verringert werden, wenn die Finanzpolitik eine grössere Rolle spielen würde”, sagte sie. Letztlich sei es aber Aufgabe der Zentralbanken, unabhängig von der Finanzpolitik für Preisstabilität zu sorgen.

Unter Hinweis auf die jüngsten finanziellen Spannungen in Korea, Grossbritannien und den USA sagte Gopinath, dass die Zentralbanken “eine etwas langsamere Rückkehr zum Inflationsziel tolerieren könnten, um systemischen Stress abzuwenden. Dennoch sollte die Messlatte dafür sehr hoch liegen.”

Strukturelle Treiber

Zu strukturellen Treibern längerfristig erhöhter Inflation zählt Gopinath die Umstrukturierung der globalen Lieferketten, die geopolitische Fragmentierung und den Klimawandel. Eine Rückkehr zu den extrem niedrigen Zinssätzen von vor der Pandemie sei daher wenig wahrscheinlich.

“Die Zentralbanken müssen möglicherweise aggressiver reagieren, wenn die Angebotsschocks breit angelegt sind und Schlüsselsektoren der Wirtschaft betreffen, oder wenn die Inflation bereits über dem Zielwert liegt, so dass es wahrscheinlicher ist, dass die Erwartungen enttäuscht werden”, sagte sie. “In einer starken Wirtschaft, in der die Hersteller Kostensteigerungen leichter weitergeben können und die Arbeitnehmer weniger bereit sind, Reallohnverluste hinzunehmen, müssen sie möglicherweise aggressiver reagieren.”

Kosten und Nutzen der quantitativen Lockerung müssen möglicherweise ebenfalls überdacht werden — auch wenn sie ein “kritisches Instrument” bleibe, wenn die Arbeitslosigkeit hoch und die Inflation niedrig ist, aber die Zinsen nahe der unteren Grenze liegen.

“Wenn sich die Beschäftigung weitgehend erholt hat und die Inflation nur geringfügig unter dem Zielwert bleibt, sollte man vorsichtiger mit dem Einsatz von QE sein — und sie mit Forward Guidance begleiten, die niedrige Leitzinsen verspricht”, sagte sie. “Die Beibehaltung von QE unter solchen Umständen erhöht das Risiko, dass die Wirtschaft überhitzt und die Politik zu einer scharfen Kehrtwende gezwungen wird.”

(Bloomberg)