Der Nahost-Krieg bremst die Weltwirtschaft in diesem Jahr, bislang aber noch vergleichsweise moderat. Die USA, China und Indien sind insgesamt weniger betroffen, Deutschland und Europa dagegen wegen der grösseren Abhängigkeit von Energie-Importen stärker, wie aus neuen Prognosen des Internationalen Währungsfonds hervorgeht, ‌die der ⁠IWF am Dienstag in Washington veröffentlichte. Russland profitiert, die Golf-Staaten geraten dagegen unter Druck. «Die Weltwirtschaft steht vor einem weiteren schwierigen Test», sagte IWF-Chefökonom Pierre-Olivier Gourinchas. ⁠Die Weltwirtschaft dürfte dieses Jahr um 3,1 Prozent wachsen, das sind 0,2 Punkte weniger als im Januar vorausgesagt. 2027 dürften es unverändert 3,2 Prozent sein. Die Inflation ‌wird rund um den Globus deutlich anziehen. Die Politik sollte darauf mit gezielten Hilfsmassnahmen reagieren. Vor ‌Kriegsausbruch habe es eher nach höheren Wachstumsraten ausgesehen, unter anderem dank vieler ​Investitionen in Künstliche Intelligenz.

«Der globale Ausblick hat sich abrupt verdüstert», so Gourinchas. Ende Februar hatten die USA und Israel zusammen den Iran angegriffen, der im Gegenzug mehrere Golf-Staaten attackierte. Energieanlagen wurden beschädigt, Transporte durch die wichtige Meerenge zwischen dem Iran und dem Oman massiv eingeschränkt. Ärmere Schwellen- und Entwicklungsländer spürten die Folgen deutlicher als Industrienationen, unter anderem mit einer höheren Inflation. Weltweit dürfte die Teuerungsrate 2026 bei 4,4 Prozent liegen, ‌2027 dann bei 3,7 Prozent. Das sind 0,6 beziehungsweise 0,3 Punkte mehr als noch im Januar gedacht. 2025 waren es 4,1 Prozent. Neben Energie - für Öl wird dieses Jahr ein Anstieg von über 21 Prozent erwartet - wird auch bei Lebensmitteln mit grösseren Preissprüngen gerechnet. Hier wirken sich höhere ​Kosten für Düngemittel und den Transport aus.

Sollte der Krieg länger dauern, könnten die Folgen noch wesentlich ​gravierender ausfallen. Der IWF spielte dazu mehrere Szenarien durch. Bei besonders negativen Annahmen dürfte ​die Weltwirtschaft dieses Jahr nur noch um rund zwei Prozent wachsen, die Inflation nächstes Jahr dann auf über sechs Prozent nach oben schiessen. Im langfristigen Durchschnitt hat die Weltwirtschaft ‌um 3,7 Prozent pro Jahr zugelegt. Bei Werten von unter zwei Prozent wird von einer globalen Rezession gesprochen. Dies gab es seit 1980 nur vier Mal.

Deutschland wird ausgebremst

Für Deutschland rechnet der IWF mit Wachstumsraten von 0,8 und 1,2 Prozent. Das sind jeweils 0,3 Punkte weniger für ​2026 und 2027. ​Für die Euro-Zone werden 1,1 und 1,2 Prozent Wachstum prognostiziert, jeweils ⁠0,2 Punkte weniger als bisher vorausgesagt. Die USA als Netto-Exporteur von Energie spüren ​die Folgen weniger. Hier wird mit Wachstumsraten ⁠von 2,3 und 2,1 Prozent gerechnet, in etwa wie bisher. Gleiches gilt für China und Indien. Ein Profiteur des Nahost-Krieges ist Russland. ‌Die dortige Wirtschaft dürfte nun 2026 und 2027 um jeweils 1,1 Prozent zulegen. Das sind 0,3 beziehungsweise 0,1 Punkte mehr als bisher geschätzt. Einbrüche gibt es bei mehreren Golf-Staaten.

Gourinchas betonte, Regierungen sollten als Reaktion auf die höheren Spritpreise breite Massnahmen vermeiden, ‌auch wenn diese populär seien. Als Beispiele nannte er Preisdeckel oder neue Subventionen. Sie seien oft nicht ​zielgenau und daher teuer. Dies gehe am Ende zulasten finanzieller Puffer und einer noch höheren Verschuldung. In Deutschland hat die schwarz-rote Koalition gerade angekündigt, befristet auf zwei Monate die Energiesteuer auf Kraftstoffe senken zu wollen. Ausserdem ist eine steuerfreie 1000-Euro-Entlastungsprämie geplant, die Unternehmen ihren Beschäftigten zahlen können. Experten kritisierten dies als nicht ‌treffsicher genug. 

(Reutes)