Die meisten Menschen nutzen Dating-Apps, um die Liebe zu finden. Tiffany Chau nutzte eine, um ein Sommerpraktikum zu ergattern. Im Herbst passte die 20-jährige Studentin des California College of the Arts ihr Profil auf der App Hinge an, um Kontakte zu Personen zu knüpfen, die Jobempfehlungen oder Vorstellungsgespräche anbieten könnten. Ein «Match» führte sie zu einer Halloween-Party, auf der sie netzwerkte, in der Hoffnung, ein Produktdesign-Praktikum für den Sommer zu bekommen. Vor Ort erhielt sie Tipps von jemandem, der kürzlich ein Vorstellungsgespräch bei Accenture hatte. Und wie lief es mit ihrem Date? Eher weniger erfolgreich.

«Ich sehe Dating-Apps als eine weitere Netzwerkplattform wie alles andere, zum Beispiel Instagram oder LinkedIn», sagte Chau.

Online-Jobsuche stockt

Chau gehört zu einer Gruppe, die Dating-Apps nutzen, um ihre Jobsuche voranzutreiben. Sie erkennen, dass die Online-Jobsuche nicht mehr funktioniert, da Arbeitslose das System mit Bewerbungen überfluten, Künstliche Intelligenz Lebensläufe aussortiert und viele Programme zur Jobvermittlung überlastet sind. Die Automatisierung hat den menschlichen Kontakt aus dem Einstellungsprozess verdrängt, was Bewerber dazu treibt, jeden Weg zu einem echten Personalverantwortlichen zu suchen, egal mit welchen Mitteln.

Die allgemeine Arbeitslosenquote in den USA stieg im Laufe des Jahres 2025 weiter an und erreichte laut dem Bureau of Labor Statistics 4,6 Prozent. Und während die Zahl der arbeitslosen High-School-Absolventen im November stabil bei etwa 4,4 Prozent lag, stieg die Quote für Arbeitnehmer mit einem Bachelor-Abschluss auf 2,9 Prozent gegenüber 2,5 Prozent vor einem Jahr.

Laut einer Umfrage von ResumeBuilder.com unter etwa 2200 US-Kunden von Dating-Seiten im Oktober gab rund ein Drittel der Nutzer an, Matches für berufliche Anbahnungen gesucht zu haben. Zwei Drittel zielten auf potenzielle Partner ab, die bei einem begehrten Arbeitgeber tätig waren. Drei Viertel gaben an, sie hätten Matches mit Personen gehabt, die in Positionen arbeiteten, die sie selbst anstrebten.

«Horrorszenario Jobsuche»

Die Idee beschränkt sich nicht nur auf die Generation Z, die mit digitalen Medien aufgewachsen ist. Fast die Hälfte der Job- und Liebesuchenden meldete ein Einkommen von mehr als 200'000 Dollar, was darauf hindeutet, dass es sich um erfahrenere, leitende Angestellte handelt, sagte Stacie Haller, Chef-Karriereberaterin bei ResumeBuilder.com.

«Die Leute machen das, um ihre Netzwerke zu erweitern und Kontakte zu knüpfen, denn heutzutage ist der beste Weg zu einem Job, die richtigen Leute zu kennen», sagte sie. «Netzwerken ist die einzige Möglichkeit für die Menschen, dem Horrorszenario der heutigen Jobsuche zu entkommen.»

Alex Xiao ist ein 18-jähriger Erstsemester an der University of California in Berkeley mit Hauptfach Analytics und Direktor bei Ditto AI, einem Dating-App-Startup exklusiv für Studenten. Er sagte, er habe mehrere Matches gehabt, bei denen die Nutzer eher an Jobhilfe als an einem Date interessiert waren.

«Viele Kontakte lassen sich im Grunde auf die Frage reduzieren: ‘Wie kannst du mir beruflich weiterhelfen?’», sagte Xiao und fügte hinzu, dass ihn Leute, sobald sie seine Berufsbezeichnung sahen, direkt nach einem Job fragten. «Und ich denke mir dann nur: ‘Alter!’»

Anbieter von Dating-Apps sind skeptisch

Dating-Unternehmen haben dies zur Kenntnis genommen, sagte A.J. Balance, Chief Product Officer bei Grindr, der auf LGBTQ fokussierten Dating-App. Die Plattform war ursprünglich für zwangloses Dating konzipiert, zieht nun aber etwa 15 Millionen monatlich aktive Nutzer an, die auch ernsthafte Beziehungen, Freundschaften, Reisebegleiter und - bei etwa einem Viertel der Nutzer - Networking suchen.

Einige Unternehmen wollen jedoch, dass die Nutzer fokussiert bleiben. Ein Sprecher von Bumble teilte Bloomberg News mit, dass die Nutzung von Bumble Date oder BFF primär zur Suche nach Jobmöglichkeiten «nicht mit unserer Mission vereinbar ist und unserer Community kein authentisches Erlebnis bietet».

Ein Vertreter von Match Group, die die Dating-Apps Match, Tinder, Hinge und OKCupid betreibt, gab keinen Kommentar ab, aber die Richtlinien auf ihren Seiten raten davon ab, vom Dating-Gedanken abzuweichen. OKCupid ermahnt Nutzer, dass die App für die «ernsthafte Suche nach einer Beziehung» gedacht sei, und Hinge erklärt in seiner App, dass es um «bewusstes Dating» und nicht um «Kommerz» gehe. Tinder betont, dass die Nutzer «persönliche und keine geschäftlichen Kontakte knüpfen» sollten.

Grindr sei wahrscheinlich offener für Nutzer, die neben dem Flirten auch den Wert des Netzwerkens erkennen, so Balance. Dies sei auf die einzigartige Natur der LGBTQ-Community zurückzuführen, in der Menschen oft Diskriminierung oder sogar rechtlichen Konsequenzen ausgesetzt sind, wenn sie sich in der nicht-digitalen Welt outen.

Die Jobsuche über Dating-Apps werde wohl nicht zum Standard, meint Jeffrey Hall, Professor für Kommunikationswissenschaft an der University of Kansas und Leiter des Labors für Beziehungen und Technologie. Wahrscheinlich bliebe es ein Beispiel dafür, wie «eine clevere Untergruppe von Nutzern durchdacht und kreativ mit der Anpassungsfähigkeit verschiedener Websites für unterschiedliche Ziele umgeht».

Die Zweckentfremdung einer Dating-App sei nur eine Erweiterung der Art und Weise, wie KI Arbeitnehmer lehrt, Technologie im Allgemeinen neu zu überdenken, sagte Constance Hadley, Forschungsprofessorin an der Boston University Questrom School of Business und Gründerin des Institute for Life at Work. Arbeitnehmer würden alle verfügbaren Werkzeuge nutzen und verstärken, sagte sie.

«In Zeiten grosser Unsicherheit, wenn Arbeitsplätze bedroht sind, tun die Menschen alles, um zu überleben», sagte Hadley. «Sie sind klug genug, um zu ahnen, dass ihnen viele Umbrüche und grosse Unsicherheiten in Bezug auf ihre Zukunft bevorstehen.»

Job- vs. Partnersuche

Die Make-up-Artistin Alaina Davenport, 26, aus dem Raum Los Angeles, probierte im Frühsommer einige Dating-Seiten aus und stiess dabei auf einige Job-Möglichkeiten. Auf Hinge bat ein Match um ihr Portfolio, und der Kontakt führte zu einem eintägigen Job bei einem Social-Media-Videodreh. Sie freute sich über den Auftrag, hätte sich in diesem Fall aber ein Date gewünscht. Die beiden kamen zwar zusammen, doch die Beziehung hielt nicht lange. Das deckt sich mit einer Studie von ResumeBuilder.com, der zufolge 38 Prozent der Nutzer, die die Seiten zweckentfremdeten, auch eine physische Beziehung mit der Person hatten, mit der sie aus beruflichen Gründen in Kontakt getreten waren.

«Ich brauchte diesen Job damals wirklich, deshalb bin ich dankbar dafür», sagte Davenport.

Kait O’Neill wandte sich im Juni für Jobtipps an Hinge, als sie ihren Job als Lehrerin unbedingt aufgeben wollte. Die 28-Jährige wollte ihre früheren Erfahrungen in der Sport-PR mit ihren Fähigkeiten in der Arbeit mit Kindern verbinden. Sie bewarb sich monatelang auf Stellen und hatte Schwierigkeiten, ein Vorstellungsgespräch zu bekommen. Da entschied sie, dass der traditionelle Ansatz nicht funktionierte, und gab auf ihrem Dating-App-Profil ausdrücklich an, dass sie auf Jobsuche war.

Während ihres dreimonatigen Experiments hätten einige Männer tatsächlich gefragt, welche Art von Job sie suche, oder sie mit Jobmöglichkeiten gelockt, sagte O’Neill. Doch dann begann sie, ihr Vorgehen zu bereuen, weil sie die Männer ausschliesslich aufgrund ihres Berufs ausgewählt hatte.

«Es hat den Stress bei der Jobsuche nur noch verstärkt, weil es eine weitere Methode war, die nicht funktionierte», sagte sie. Nun ist sie wieder auf LinkedIn.

(Bloomberg/cash)