Geopolitische Konflikte im Nahen Osten drücken seit Monaten aufs Schweizer Tourismusgeschäft. Aktuell sorgt jedoch hochsommerliches Ferienwetter dafür, dass Abkühlungssuchende in Scharen in die Berge fahren. Bei den Jungfraubahnen im Berner Oberland spricht man von einem «erfreulichen Zulauf».

Der Start in die Sommersaison gestaltete sich noch eher verhalten, wie die Bahngruppe im Mai bekannt gab. Die kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten und im Iran dämpften den Besucherzustrom. Doch mit den Sommerferien und den ersten Hitzewellen zeigt sich an den Schaltern und Stationen rund um Interlaken, Lauterbrunnen und Grindelwald ein differenziertes Bild.

Generell könne man sagen, dass dank dem schönen Wetter und der Hitze zahlreiche Gäste aus dem In- und Ausland die Bahnen zu den verschiedenen Ausflugszielen der Gruppe, darunter auch das Jungfraujoch, nutzten, wie Kathrin Naegeli, Medienverantwortliche der Jungfraubahnen, der Nachrichtenagentur Keystone-SDA am Freitag sagte.

Schweizer und Schweizerinnen profitierten von den nahegelegenen Bergen für Wanderungen bei kühleren Temperaturen. Wie genau sich diese Effekte auf die Besucherzahlen auswirken, ist noch offen, denn Zahlen nennt das börsenkotierte Unternehmen erst im August.

Nebst Touristen aus dem Heimmarkt Schweiz kommen laut Naegeli aktuell viele Besucher aus den USA, den europäischen Nachbarländern, aber auch aus verschiedenen asiatischen Ländern sowie Mexiko und Brasilien. Auch zu den konkreten Auswirkungen der geopolitischen Lage auf die Geschäftszahlen will sich das Unternehmen erst im August äussern.

Das Jungfraubahnen-Team sei sich gewohnt, rasch auf sich verändernde Situationen zu reagieren, sagte Naegeli mit Blick auf die aktuellen geopolitischen Verwerfungen. Die Gruppe ist weltweit breit aufgestellt und auf vielen Märkten direkt präsent, so in verschiedenen asiatischen Ländern, in Nord- und Südamerika und in Europa. «Diese Strategie verfolgen wir weiter», sagte Naegeli zur Grundausrichtung der Marktbearbeitung.

Ganzjahresstrategie

Doch die Touristenströme sorgen nicht mehr nur für Auskommen in der Bergregion, sondern auch für einen gewissen Frust. Steigende Miet- und Immobilienpreise oder die Verkehrsbelastung sind Themen dieser Debatte.

Bei den Jungfraubahnen verweist man angesichts der anhaltenden Diskussionen zum Thema Übertourismus auf bestehende Lenkungsmassnahmen und eine Ganzjahresstrategie, um die Gästeströme übers Jahr besser zu verteilen.

Dies gelinge dank der internationalen Ausrichtung und den verschiedenen Reisezeiten der Gäste. Dazu komme der Ausbau der Infrastruktur, beispielsweise, um die Gäste von der Strasse auf die Schiene zu bringen und die Lütschinentäler vom motorisierten Individualverkehr zu entlasten. Naegeli verwies etwa auf die in Matten bei Interlaken entstandene Park und Ride-Anlage.

Weitere grosse Projekte

Dennoch verstummt die Frage nicht, wie viel Tourismuswachstum die Region noch verträgt. Nach dem Grossprojekt einer V-Bahn von Grindelwald aus zum Eigergletscher und auf den Männlichen hat die Jungfraubahnen-Gruppe weitere grosse Projekte im Köcher.

Dazu gehören beispielsweise die Erneuerung der Firstbahn in Grindelwald oder Pläne, um am Eigergletscher mit Nordwand-Museum, Restaurant und Übernachtungsmöglichkeiten aktuell nicht mehr genutzte Infrastruktur neu zu beleben.

Zu den Plänen am Eigergletscher kritisch äusserte sich unter anderem die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz in einem Mitwirkungsbericht. Von einer «Salamitaktik» ist darin die Rede, wie das Schweizer Fernsehen SRF vor einigen Tagen berichtete. Mit der Inbetriebnahme der V-Bahn im Jahr 2019 sei die Kapazität bereits stark erhöht worden, von einem weiteren Ausbau sei damals keine Rede gewesen.

Die Jungfraubahnen betonen, dass im Zentrum nicht ein quantitatives, sondern ein qualitatives Wachstum stehe. Ziel sei eine höhere Wertschöpfung pro Gast durch bessere Erlebnisse.

Der anstehende Ersatz der Firstbahn wiederum biete die Chance, bestehende Verkehrsprobleme nachhaltig zu lösen: Die geplante neue Linienführung mit der Verlegung der Talstation direkt zum Bahnhof Grindelwald schaffe einen modernen öV-Knotenpunkt. Dies erleichtere das Umsteigen vom Zug auf die Bergbahn stark und entlaste die Dorfstrasse und damit das Zentrum von Grindelwald spürbar vom Verkehr.

(AWP)