Das Ölförderland Guyana im Norden Südamerikas war bereits vor dem Krieg der USA und Israels gegen den Iran die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der Welt. Nun profitiert der kleine Karibikstaat mit knapp einer Million Einwohner massiv vom kriegsbedingten Anstieg der Ölpreise. Die Republik am Atlantik, die an Venezuela, Brasilien und Suriname grenzt, verfügt über geschätzte Reserven von elf Milliarden Barrel Öl. Während Ölexporte aus dem Nahen Osten durch die Blockade der Strasse von Hormus beeinträchtigt werden, gewinnen stabile Staaten mit freiem Seezugang wie Guyana an Bedeutung. Doch der unerwartete Geldsegen verursacht auch Probleme: Die Regierung steht unter Druck, die Milliarden nachhaltig zugunsten anderer Wirtschaftszweige und der Bevölkerung einzusetzen.
Die junge guyanische Ölförderung wird von einem Konsortium unter Führung des US-Konzerns Exxon Mobil kontrolliert. Seit dem Förderbeginn 2019 wurde die Produktion vor der Küste auf über 900.000 Barrel pro Tag gesteigert. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) hat sich Weltbank-Daten zufolge von 2019 bis 2024 auf 27,5 Milliarden Dollar vervierfacht. Da die Rohölpreise seit Beginn des Iran-Krieges Ende Februar um 30 Prozent gestiegen sind, dürften die Einnahmen weiter sprudeln. Bei einem Preis von 100 Dollar pro Barrel könnte Guyanas staatlicher Anteil an den Erlösen in diesem Jahr auf rund 4,3 Milliarden Dollar steigen, 67 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Hinzu kommt: Sobald die Förderkonzerne ihre Erschliessungskosten gedeckt haben - Exxon zufolge möglicherweise noch im laufenden Jahr - steigt Guyanas Gewinnanteil von 12,5 auf 50 Prozent.
Kampf gegen Ölfluch
Selbst wenn der Schiffsverkehr durch die Strasse von Hormus wieder aufgenommen wird und die Ölpreise auf das Vorkriegsniveau fallen, wird sich Guyana nach Ansicht von Experten als stabile Grösse unter den Ölexporteuren etabliert haben. «Der Krieg mag nächsten Monat enden, aber die Welt wird eine andere sein», sagte Tarron Khemraj, Professor für Wirtschaftswissenschaften am New College of Florida.
Die langfristige Herausforderung für die Regierung in Georgetown besteht darin, das Land gegen den Zyklus von steigenden und fallenden Ölpreisen abzusichern. Ein warnendes Beispiel für den drohenden Fluch des Öls ist das Nachbarland Venezuela, wo politische Misswirtschaft das Land trotz riesiger Ölreserven wirtschaftlich gelähmt hat.
Guyanas Öleinnahmen fliessen in einen 2019 eingerichteten Staatsfonds. Präsident Irfaan Ali warnte davor, dass der Geldsegen allerdings durch höhere Importkosten für fast alle Güter aufgezehrt werden könnte. So muss Guyana selbst Benzin und Diesel importieren, da es im Land keine Raffinerie gibt. «Die Welt hat zu viele Energiebooms erlebt, die Geisterstädte, abgeholzte Wälder und verbitterte Bevölkerungen hinterlassen haben. In Guyana wird das nicht der Fall sein», sagte Ali kürzlich am Baker Institute der Rice University in Texas. Wichtig sei das Erwartungsmanagement: «Wenn die Menschen jeden Morgen die Schlagzeilen sehen, dass man im Geld schwimmt, weckt das eine bestimmte Erwartungshaltung.»
Warten auf Wohlstand
Tatsächlich hält die örtliche Infrastruktur oft nicht mit der Entwicklung der Ölindustrie Schritt. Offene Abwasserkanäle säumen die Strassen der Hauptstadt Georgetown, und Stromausfälle sind an der Tagesordnung. Um sicherzustellen, dass mehr vom Ölreichtum bei der Bevölkerung ankommt, will die Regierung ein Gesetz aus dem Jahr 2021 ausweiten, das Öl- und Gasunternehmen verpflichtet, Aufträge an einheimische Firmen zu vergeben.
«Wir sind in der Lage, dieselben medizinischen Dienstleistungen wie ein internationales Unternehmen anzubieten», sagte Ayesha Wilburg, Gründerin einer Klinik in Georgetown. Vanita Ally, Gründerin eines anderen medizinischen Zentrums, beklagt hingegen, ein Zertifikat zur Versorgung von Ölfirmen habe kaum zusätzliche Einnahmen gebracht, während die Inflation die Betriebskosten in die Höhe treibe. «Internationale Unternehmen profitieren viel mehr als die Einheimischen», sagte Ally.
Der Ölboom hat in Georgetown zu einem massiven Anstieg der Nachfrage nach privaten Fahrdiensten geführt. Sein Unternehmen habe die Zahl der Mitarbeiter von sieben auf etwa 20 aufgestockt, sagte Nazim Baksh, Geschäftsführer des Anbieters Sean's Transportation Services. Zudem sei die Flotte um SUVs erweitert worden. Es gibt jedoch weiterhin Herausforderungen. So klagen einheimische Unternehmer darüber, dass ausländische Unternehmen über lokale Strohfirmen ins Geschäft drängten.
Auch an den Zapfsäulen zahlen die Autofahrer nun mehr, was die Sorgen um die Lebenshaltungskosten verstärkt. «Für Guyana als Land, das nun ein Nettoproduzent und Nettoexporteur von Energie ist, können höhere Ölpreise positiv sein. Das ist aber nicht unbedingt das, was die Menschen jeden Tag sehen und spüren. Denn es bedeutet, dass die Energiepreise steigen», sagte Alistair Routledge, Präsident der Exxon-Aktivitäten in Guyana. «Wir erkennen an, dass dies für die Menschen in Guyana ein zweischneidiges Schwert ist.» (Reuters)

