Experten erwarten, dass der EZB-Rat den Leitzins am Donnerstag bei 2,0 Prozent halten wird. Wie zementiert liegt er bereits seit Mitte vorigen Jahres auf diesem Niveau und könnte nach Einschätzung vieler Experten auch noch länger dort verharren. Angesichts des nachlassenden Inflationsdrucks hatten die Währungshüter den Leitzins bis Mitte vorigen Jahres in mehreren Schritten gesenkt. Die EZB steht mit Blick auf die Inflation nun längst nicht mehr unter Handlungsdruck, denn die Teuerungsrate liegt mit 1,9 Prozent nur knapp unter der EZB-Zielmarke von 2,0 Prozent. Doch die Stärke des Euro gegenüber dem Dollar sorgt für Störfeuer.
Jüngst dachte das österreichische Ratsmitglied Martin Kocher laut über die Möglichkeit einer künftigen Zinssenkung nach, falls die Gemeinschaftswährung weiter Auftrieb erhalten sollte. Eine starke Währung verteuert Exporte und verbilligt zugleich Importe, was tendenziell das Wachstum dämpft und die Inflation drückt. Laut EZB-Ratsmitglied Francois Villeroy de Galhau beobachtet die Notenbank die Aufwertung der Gemeinschaftswährung und ihre möglichen Auswirkungen auf die Inflation genau.
Der Dollar-Verfall hievte den Euro am Mittwoch im Handelsverlauf erstmals seit 2021 über die Marke von 1,20 Dollar. Später fiel er wieder unter diese magische Marke. Aus Sicht Villeroys spiegelt der schwächere Dollar das geringere Vertrauen angesichts einer unvorhersehbaren US-Wirtschaftspolitik wider. «Mit den jüngsten Rundumschlägen des US-Präsidenten hat der Euro gegenüber dem Dollar zu einem neuen Höhenflug angesetzt», konstatiert Commerzbank-Ökonom Marco Wagner. Die EZB unterstelle in ihren Projektionen für das laufende Jahr einen durchschnittlichen EUR/USD-Wechselkurs von 1,16: «Sofern der Euro stark und der Dollar schwach bleibt, könnte dies allmählich Auswirkungen auf die Konjunktur- und Inflationsprojektion der EZB haben», erklärte Wagner. EZB-Vizepräsident Luis de Guindos sagte im vergangenen Sommer, über einen Anstieg des Euro gegenüber der US-Währung bis auf 1,20 Dollar könne man weitgehend hinwegsehen. Darüber hinaus werde es «viel komplizierter».
Damit dürfte auch klar sein, welches Thema die Notenbanker bei ihrer Zinssitzung im EZB-Tower im Ostend von Frankfurt besonders umtreibt. Denn eine weitere Aufwertung des Euro könnte die Importpreise unter Druck setzen. Die EZB erwartet bereits, dass sie ihr Inflationsziel von 2,0 Prozent in diesem und im nächsten Jahr mit prognostizierten Werten von 1,9 Prozent für 2026 und 1,8 Prozent für 2027 verfehlen wird. Erst 2028 soll sie vor allem aufgrund des Preisauftriebs bei Energie auf 2,0 Prozent steigen.
«Es wird keine Veränderungen geben»
Trotz erhöhter Alarmbereitschaft dürften die Währungshüter zunächst in puncto Zinsen weiter den Ball flachhalten: «Das Ergebnis des nächsten Treffens ist mir ziemlich klar - es wird keine Änderungen geben», sagte der litauische Notenbankchef Gediminas Simkus jüngst.
Der Einlagensatz liege mit 2,00 Prozent in der Mitte des von der EZB als neutral erachteten Intervalls von 1,75 bis 2,25 Prozent, schreiben die Volkswirte der Deutschen Bank. Mit neutral ist ein Niveau gemeint, das die Wirtschaft weder hemmt noch anschiebt. Die Experten verweisen darauf, dass die Geldpolitik laut EZB-Präsidentin Christine Lagarde immer noch «an einem guten Punkt» sei und im Dezember weder Zinssenkungen noch -erhöhungen diskutiert worden seien: «Auch wir erwarten auf absehbare Zeit keine weiteren Zinssenkungen», so das Team von Deutsche Bank Research um Robin Winkler, Chefvolkswirt Deutschland. Unter anderem aufgrund des drohenden Inflationsdrucks, ausgehend von der expansiven deutschen Finanzpolitik und struktureller Arbeitsmarktengpässe, sei erst Mitte 2027 mit einer ersten Zinsanhebung um einen Viertelprozentpunkt zu rechnen.
(Reuters)

