Trotz der geopolitischen Unsicherheit im Zusammenhang mit der Politik von US-Präsident Donald Trump rechnen Experten mit keiner gross angelegten Flucht aus US-Anlagen. Vielmehr sei ein langfristiges Umdenken zu erwarten. «Die Entwicklung, über die wir im vergangenen Jahr gesprochen haben, setzt sich fort: Das Handelsvolumen bei Nicht-US-Anlagen nimmt immer weiter zu», sagt Jason Paltrowitz, Mitglied der Geschäftsführung der US-Handelsplattform OTC Markets. Der Trend sei aber nicht neu. «Als ich vor 25 oder 30 Jahren in den Beruf eingestiegen bin, galt die Faustregel, fünf bis zehn Prozent eines Portfolios in Nicht-US-Aktien zu investieren. Mit der Zeit ist dieser Anteil auf 25 bis 30 Prozent gestiegen, und heute empfehlen Portfolioberater möglicherweise 40 bis 45 Prozent.»
Im Januar kündigte Pimco - einer der weltweit führenden Vermögensverwalter - in einem Interview mit der «Financial Times» an, Kapital aus den USA verlagern zu wollen. Grund dafür sei die «unvorhersehbare Politik» der US-Regierung, die an den Märkten immer wieder für starke Schwankungen sorgt. Die Ankündigung folgte auf eine Eskalation in Trumps Streit mit der US-Notenbank Fed, bei der das Justizministerium Fed-Chef Jerome Powell mit einer Anklage gedroht hatte. Zugleich erneuerte Trump seine Ansprüche auf Grönland. Die Zolldrohungen, die der US-Präsident in diesem Zusammenhang wenige Tage danach ausstiess, wurden zwar wieder zurückgenommen, für Verunsicherung sorgte das Ganze aber trotzdem. Mittlerweile dominiert der US-Konflikt mit Iran die Schlagzeilen.
Chancen für Europa und Asien
Das Vorhaben von Pimco blieb bislang jedoch weitgehend ein Einzelfall. «Ob es andere machen? Wahrscheinlich ja, aber sie werden es nicht so prominent in den Medien thematisieren», sagt Jens Chrzanowski, Deutschland-Chef des Brokers XTB. Zugleich steige die Zahl der Privatanleger, die sich für börsennotierte Fonds (ETFs) mit dem Namenszusatz «ex USA» entschieden, also für Produkte ohne US-Aktien. Diese hätten seit Jahresbeginn circa 20 bis 30 Prozent zugelegt, während der breit gefasste MSCI World im selben Zeitraum um rund 2,5 Prozent gestiegen sei.
Die teilweise Umschichtung weg von US-Anlagen bietet nach Ansicht von Experten Chancen für andere Regionen. «Kanada spricht darüber, asiatische und europäische Handelspartnerschaften stärker zusammenzuführen», sagt OTC-Markets-Experte Paltrowitz. «Wenn sich mittelgrosse Länder stärker zusammenschliessen oder Europa sich stärker auf Verteidigung, Energiesicherheit und neue Handelspartnerschaften konzentriert, hat das konkrete Auswirkungen auf die Aktienmärkte.» Profitieren dürften dabei auch Sektoren wie Luftfahrt und langlebige Konsumgüter.
US-Markt bleibt stabil
Angesichts der langfristigen Aussichten für den US-Markt zeigen sich die Finanzexperten jedoch gelassen. «Es geht nicht um 'Raus aus Amerika', sondern um 'Raus aus dem falschen Amerika'», sagte RoboMarkets-Stratege Jürgen Molnar. So reduzierten Anleger ihre Positionen bei stark international verflochtenen Konzernen und bei zinsempfindlichen, hoch bewerteten Wachstumsaktien. Zugleich rückten stärker binnenorientierte Werte in den Fokus - etwa kleinere Firmen und Unternehmen aus den Bereichen Energie, Rüstung, Finanzwerte oder Infrastruktur.
Eine nachhaltige Trendwende weg von US-Anlagen würde hingegen tiefgreifendere wirtschaftliche Folgen erfordern - etwa eine dauerhafte Energiekrise, ein deutlicher Inflationsschub oder eine globale Rezession, sagte Timo Emden vom Analysehaus Emden Research. Solange wirtschaftliche Fundamentaldaten, das Finanzsystem und die Rolle der USA im globalen Kapitalmarkt stabil bleiben, dürften geopolitische Ereignisse eher vorübergehende Marktreaktionen auslösen.
Ähnlich äusserte sich Axel Angermann, Chefökonom des Vermögensverwalters Feri. «Man ist zwar öfter überrascht, mit welcher Härte und Rücksichtslosigkeit die US-Regierung unterwegs ist», sagte der Experte. Problematisch seien auch die damit verbundenen Schwankungen beim Dollar. Dass sich die Welt im Übergang von einer regelbasierten hin zu einer multipolaren Ordnung befinde, sei jedoch keine ganz neue Erkenntnis. Zugleich blieben die USA ein Wachstums- und Innovationsmotor - wegen der expansiven Fiskalpolitik, der geringeren Regulierung und der niedrigeren Steuern, aber auch weil die Revolution Künstlicher Intelligenz (KI) wesentlich von amerikanischen Unternehmen angetrieben werde. «Deswegen wäre es aus unserer Sicht nicht adäquat, den US-Markt jetzt grundsätzlich zu meiden.»
(Reuters)

