Die europäische Chemieindustrie steckt seit Jahren in der Krise. Hohe Energiekosten, eine schwache Nachfrage und billige Konkurrenz aus Asien setzen der Branche zu. Doch ausgerechnet die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten verschaffen Europas Herstellern nun etwas Luft. «Der Konflikt im Nahen Osten führt aus unserer Sicht ‌für die europäische ⁠chemische Industrie zu temporär günstigeren Marktbedingungen», sagte Lanxess-Chef Matthias Zachert vor wenigen Tagen. Asiatische Anbieter kämpfen mit höheren Rohstoff- und Logistikkosten, Kunden achten wieder stärker auf Versorgungssicherheit, der Preisdruck aus Fernost lässt nach. Für Europas Chemiekonzerne ist ⁠das eine unerwartete Atempause, aber noch keine Trendwende.

Der Grund für die Entlastung liegt vor allem in den Lieferketten. Wegen des Iran-Krieges ist die Strasse von Hormus blockiert, durch die normalerweise ein Fünftel der weltweiten Öl- und Gaslieferungen fliesst. Asiatische Wettbewerber sind stark ‌von Vorprodukten und Rohstoffen aus dem Nahen Osten abhängig, während europäische Konzerne häufig regional für ihre Absatzmärkte produzierten und Rohstoffe vor Ort bezögen, erklärte ‌Evonik-Interims-Finanzchef Claus Rettig. Dadurch schmilzt der Kostenvorteil der Konkurrenz aus Fernost, die Zachert zufolge lange von billigem ​russischen Öl profitiert und mit aggressiven Preisen Druck auf den europäischen Markt ausgeübt hat. Zugleich steigen die Frachtkosten für Lieferungen aus Asien nach Europa, Transportkapazitäten werden knapper. Bei vielen Kunden rückt deshalb die Liefersicherheit wieder stärker in den Fokus als der reine Preis.

Noch im März hatte der Branchenverband VCI angesichts der blockierten Seewege vor extremen Engpässen gewarnt und einen «absoluten Krisenmodus» ausgerufen. Auch Evonik-Chef Christian Kullmann fürchtete damals eine beschleunigte Abwanderung der Produktion. Nun verzeichnet der Spezialchemiekonzern jedoch eine überraschende Belebung im Frühjahr. Kullmann fasste die gute Auftragslage ungewöhnlich salopp zusammen: «Der April war ziemlich sexy.» Rettig warnte jedoch vor voreiligen Schlüssen: «Wir glauben nicht an eine ‌fundamentale Erholung der Wirtschaft.» Kunden sicherten sich lediglich frühzeitig Ware, um Lieferengpässe und mögliche Preissteigerungen zu vermeiden. Lanxess verzeichnet Zachert zufolge seit März einen kontinuierlichen Anstieg der Verkaufsmengen. Dabei handele es sich aber nicht um «Angstkäufe» oder «Vorsichtsaufbaumassnahmen im Lagerbestand», betonte der Konzernchef. Vielmehr sei ein schrittweiser Anstieg zu beobachten bei gleichzeitig nachlassendem Preisdruck aus Asien.

Der belgische Konkurrent Solvay sieht bislang ebenfalls keine ausgeprägten Vorzieheffekte. «Wir sehen keine Vorabkäufe, es handelt sich eher um normale zeitliche Verschiebungen», sagte ​Finanzchef Alexandre Blum. Einig sind sich die Manager der Branche jedoch, dass der Wettbewerbsdruck aus Asien vorübergehend nachgelassen hat. Solvay verzeichnet in einigen Geschäftsbereichen einen spürbar ​geringeren Druck aus China - eine direkte Folge der gestörten Lieferketten. Konzernchef Philippe Kehren betonte den strukturellen Vorteil der Europäer in der aktuellen ​Krise: «Unser Modell, regional zu produzieren und lokale Rohstoffe zu nutzen, erweist sich als äusserst widerstandsfähig.»

Doch der Schutz durch die regionale Produktion hat Grenzen. Solvay rechnet unter dem Strich sogar mit einer leichten Belastung, da die eigene Peroxid-Produktion in Saudi-Arabien seit Mitte März stillsteht. ‌Branchenprimus BASF bleibt vorsichtig. Die aktuellen Verwerfungen führten in einzelnen Bereichen zu Verschiebungen globaler Handelsströme. In bestimmten Produktgruppen könne dies regional zwar zu besseren Marktbedingungen in Europa führen. Gleichzeitig belasteten jedoch höhere Energie-, Rohstoff- und Logistikkosten. «Die aktuelle Situation ist zu volatil, um weitergehende Aussagen zu treffen», erklärte ein Sprecher.

Strukturkrise bleibt ungelöst

Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) sieht die Entwicklung daher nicht als Trendwende. «Ein paar gute Zahlen machen keinen Frühling», sagte VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Grosse Entrup der ​Nachrichtenagentur Reuters. ​Kurzfristig profitierten zwar einige Unternehmen von Lageraufstockungen und ausbleibenden Importen aus Asien. Andere beobachteten jedoch Zurückhaltung bei Bestellungen, weil ⁠Kunden angesichts der unsicheren Lage abwarteten. Die Stimmung in den Unternehmen sei nach wie vor schlecht. Daran ändere auch die aktuelle ​Atempause nichts, da die strukturellen Standortprobleme ungelöst blieben.

Diese ⁠Einschätzung teilt auch Branchenberater Stephan Struwe von der Managementberatung Oliver Wyman, der die jüngste Belebung als reinen Sondereffekt wertet. Die europäische Chemie profitiere derzeit lediglich von den geopolitischen Verwerfungen. «Vor allem im Bereich der Basischemikalien kann sich ‌das schnell wieder umkehren, sobald die Lieferwege wieder sicher passierbar sind.» Die strukturellen Probleme der europäischen Chemieindustrie und auch die schwache Nachfrage blieben bestehen. Auch die Überkapazitäten in Asien würden nicht verschwinden. «Wenn sich also die geopolitische Lage normalisiert hat, wird dementsprechend auch der Preisdruck zurückkehren.»

Clariant-Chef Conrad Keijzer teilt diese ernüchternde Einschätzung. Sobald die Lieferketten wieder funktionierten und asiatische Konkurrenten wieder mit ‌Rohstoffen versorgt würden, kehre die Branche zur alten Normalität zurück. «Es gibt hier keine strukturelle Veränderung», betonte der Manager. Europa werde aufgrund der hohen Energiekosten weiter ​im Nachteil sein.

Entsprechend vorsichtig bleiben Investoren. Die Lanxess-Aktie brach nach Vorlage der Quartalszahlen zeitweise um neun Prozent ein. Zwar stellte der Konzern für das zweite Quartal ein deutlich höheres operatives Ergebnis in Aussicht. Analysten hatten jedoch mehr erwartet. Der Nahost-Krieg offenbart einmal wieder die Verwundbarkeit globaler Lieferketten und spielt Europas Chemiekonzernen kurzfristig in die Karten. Ob daraus jedoch eine nachhaltige Erholung wird, hängt massgeblich davon ab, ob Europas Standortnachteile beseitigt werden, bevor die asiatische Konkurrenz wieder mit voller ‌Wucht auf den Markt drängt. Lanxess-Chef Zachert bremste die ​Erwartungen entsprechend: «Es gibt keinen Grund, in Euphorie zu verfallen.»

(Reuters)