Experten gehen davon aus, dass es zu einem Personalabbau kommen und sich die Rolle der verbleibenden Mitarbeiter radikal ändern wird. Nicht alle Institute dürften es schaffen, sich schnell genug neu aufzustellen. «Ich kann mir gut vorstellen, dass es in der Bankindustrie nochmals eine Konsolidierungswelle geben wird», sagt Stephan Zwahlen, Chef der Zürcher Privatbank Maerki Baumann.
In wenigen Branchen ist das Potenzial für eine Automatisierung durch KI so gross wie bei Banken. Denn ein grosser Teil des Geschäfts ist datenabhängig und personalintensiv. Einer Umfrage des Beraters EY zufolge ist der Anteil der Schweizer Banken, die KI-Projekte umsetzen, innerhalb eines Jahres auf 78 Prozent hochgeschnellt. Die meisten beschäftigen sich dabei mit der Automatisierung von bankinternen Prozessen.
Viele administrativen Arbeiten dürften über die Zeit wegfallen. Während ein Berater vor einem ausführlichen Kundengespräch heute oft eine Stunde benötigt, um Unterlagen aus verschiedenen Systemen zusammenzusuchen, stehen diese Informationen dank KI künftig innerhalb von zehn Sekunden bereit, erklärt Philipp Rickenbacher, Präsident des Risikokapitalgebers CV VC. «Einschliesslich einer Handlungsempfehlung.»
KI dürfte auch wesentliche Teile des eigentlichen Anlagegeschäfts übernehmen. Marc Pictet, geschäftsführender Teilhaber des Vermögensverwalters Pictet, lieferte dazu ein Beispiel: Pictet habe vor rund zweieinhalb Jahren ein Team zusammengestellt, das Geld ausschliesslich mit KI verwalte und eine hervorragende Rendite erziele, sagte er bei einer Veranstaltung. «Ich glaube, keiner unserer Kollegen hat zuvor Finanzwissenschaften studiert. Sie sind alle Physiker und Mathematiker.»
«Verschärfter Wettbewerb»
Experten zufolge könnte KI den Banken erlauben, ihre Vermögensverwaltung auch auf Kundengruppen mit einem kleineren Geldbeutel auszuweiten, was sich bisher nicht rechnete. Auf der anderen Seite dürften KI auch neuen Anbietern ermöglichen, in das Vermögensverwaltungsgeschäft zu drängen. «Ich gehe davon aus, dass Big Tech und Fin Tech den Wettbewerb in der Bankbranche verschärfen werden», erklärte Maerki-Baumann-Chef Zwahlen, dessen Bank in der Schweiz als Vorreiter im Kryptogeschäft gilt.
Lange Zeit schützte die hohe Regulierungsdichte die Platzhirsche vor neuen Wettbewerbern. Doch dieser Schutzwall dürfte zu bröckeln beginnen. Ein Sprecher der Schweizer Finanzmarktaufsicht Finma erklärte: «Innovation ist wichtig für den Finanzplatz. Dazu gehört auch der Einsatz von KI im Privatkundengeschäft.»
Institute, die nicht bereit sind, ihr Geschäftsmodell zu digitalisieren und denen die Kompetenz oder die Mittel für den breiten Einsatz von KI fehlen, sind gefährdet. «KI wird den Konsolidierungsdruck in der Branche weiter erhöhen», erklärte Rickenbacher, der bis 2024 Chef der Privatbank Julius Bär war. «Eine ganze Reihe von Vermögensverwaltern wird das nicht stemmen können, weil sie zu klein sind.» Zwischen 2010 und Mitte 2025 hat sich die Zahl der Privatbanken in der Schweiz Angaben von KPMG zufolge bereits auf 83 halbiert.
Christian Edelmann vom Strategieberater Oliver Wyman geht davon aus, dass Banken bei Übernahmen in Zukunft eher in Spitzentechnologie investieren als wie bisher andere Vermögensverwalter aufzukaufen, um ihren Kundenstamm zu vergrössern. Eine Kostprobe lieferte im vergangenen Jahr J. Safra Sarasin. Das Geldhaus kündigte an, die Mehrheit der für ihre moderne Informatik bekannten Saxo Bank zu schlucken.
Soziale Härten
Die Experten sind sich einig, dass Menschen in der Vermögensverwaltung auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen werden. Dies gilt insbesondere für das Segment der Hochvermögenden, wo Technik an Grenzen stösst. Die meisten Kunden wollten ihre Finanzangelegenheiten nicht mit einem KI-Chatbot besprechen, erklärt Rickenbacher. «Sie wollen einen vertrauenswürdigen Menschen auf der anderen Seite haben.» Zudem hätten Kunden mit Vermögen von zehn oder 100 Millionen Franken komplexe Fragen im Erbschafts- oder Steuerbereich, die eine Maschine nicht beantworten könne.
Dennoch, auch in der Vermögensverwaltungsbranche dürfte der Personalbedarf sinken. Weil KI einen Teil der Arbeit übernehme, könnten die Bankberater in Zukunft mehr Kunden betreuen, erklärt Edelmann. Schätzungen über das Ausmass des Abbaus in der Vermögensverwaltungsbranche wagen die Experten nicht. Für die gesamte europäische Bankbranche rechnen die Analysten von Morgan Stanley aber damit, dass in den nächsten Jahren ein Abbau von rund 20 Prozent der Mitarbeiter möglich ist. Der Chef eines Schweizer Vermögensverwalters geht zwar nicht davon aus, dass er wegen KI Mitarbeiter entlassen muss, aber dass er bei Abgängen in Zukunft nur noch jeden zweiten Mitarbeiter ersetzt. Das werde, so der Manager, mit sozialen Härten verbunden sein.
(Reuters)

