Frustriert von stagnierendem Lohn und aus Sorge vor dem Arbeitsplatzverlust hat die 25-Jährige aus der Stadt Wuhan ‌eine andere Frau ⁠in ihr Schlafzimmer einziehen lassen. So spart sie umgerechnet etwa 62 Euro Miete im Monat. Was einst undenkbar schien, wird in China zum ⁠Symbol für den finanziellen Druck, unter dem viele junge Menschen stehen. «Es ist eine Frage des Überlebens», erklärt Zeng. «Wenn man kein Geld hat, ist man bei Jobverlust finanziellen Risiken fast ‌schutzlos ausgesetzt.»

Zengs Geschichte ist kein Einzelfall. In den sozialen Medien sorgt das Thema für viele ‌Reaktionen. Ende Juni wurde der Hashtag «Ein Bett zu teilen ist eine ​Strapaze, die ich mir nicht vorstellen kann» mehr als 14 Millionen Mal im Kurznachrichtendienst Weibo aufgerufen. Auf Douyin, der chinesischen Schwester-App von Tiktok, erzielten verwandte Inhalte fast 40 Millionen Aufrufe. Auf der Instagram-ähnlichen Plattform Xiaohongshu finden sich unter dem Suchbegriff «Bett-Teilen» mehr als 37.000 Beiträge von Menschen, die Mitbewohner für das eigene Schlafzimmer oder sogar das eigene Bett suchen.

Obwohl es sich unter den etwa 260 Millionen Mietern in China noch um ein Nischenphänomen ‌handelt, wirft der Trend ein bezeichnendes Licht auf die ökonomische Lage. Die nach den USA zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt kämpft mit den Folgen einer schweren Immobilienkrise und einer schwächelnden Konjunktur. Gleichzeitig hat die Jugendarbeitslosigkeit ein Rekordniveau erreicht, was die Zukunftsaussichten trübt. Die Verbraucher sparen, viele junge Arbeitnehmer empfinden ihre Jobs ​als zunehmend unsicher. «Es spiegelt eine Entwicklung wider, bei der einem Teil der jungen Leute das Gefühl der Zugehörigkeit ​zur Stadt, eine stabile langfristige Beschäftigung und klare Einkommensaussichten fehlen», erklärt Mingwei Liu, Direktor ​am Zentrum für globale Arbeit und Beschäftigung an der Rutgers University. Sollte sich diese Haltung ausbreiten, könnte dies den privaten Konsum und die Immobiliennachfrage dämpfen - und so die Probleme für ‌die chinesische Wirtschaft verschärfen.

«Druck des Lebens»

Für viele geht es weniger um Gemeinschaft als um schiere finanzielle Not. Der 39-jährige Morgan Pan aus Peking verdient heute weniger als die Hälfte seines früheren Einkommens. Er begann vor Kurzem, sein Schlafzimmer zu teilen, um die Miet- und Nebenkosten auf umgerechnet etwa ​165 Euro ​pro Monat zu senken. An seiner misslichen Lage sei «nichts Herzerwärmendes», sagt Pan, ⁠nur der «Druck des Lebens». Auch ein anderer Pekinger, der nur seinen Nachnamen Wang angibt, ​sucht nach jemandem, der sich mit ⁠ihm das Zimmer und die Monatsmiete von umgerechnet 240 Euro teilt. Er hat seinen Job bei einer Baufirma verloren: Sie ging im Dezember pleite. «Ich ‌konnte bisher keine passende Stelle finden», klagt er. «Ich kann nur versuchen, meine finanzielle Belastung zu verringern.»

In Wuhan kommt Winnie Zeng mit ihrer neuen Zimmergenossin, ebenfalls 25 Jahre alt, gut aus. «Es ist ein schönes Gefühl, nach Hause zu kommen und zu ‌wissen, dass dort jemand auf einen wartet», sagt sie. Die junge Frau hat sich auch sonst ​einen sparsamen Lebensstil angewöhnt. Sie kocht zu Hause und verzichtet auf teure Kleidung, um sich ein Finanzpolster aufzubauen. Der Wirbel um das Bett-Teilen im Internet stört sie nicht. Sie sagt, sie würde vielleicht sogar dann weitermachen, wenn sie mehr verdienen würde. «Die Einstiegsgehälter sind ziemlich niedrig, die Lebenshaltungskosten ziemlich hoch – da muss man eben ‌einen kleinen Kompromiss eingehen», sagt Zeng.

(Reuters)