Es sollte eine Ladung Bananen aus Lateinamerika sein. Was die spanische Polizei stattdessen an Bord des Schiffes im Mittelmeerhafen Algeciras fand, waren 13 Tonnen Kokain. Der Fall hat alle Zutaten eines Films: einen Drogenboss, einen korrupten ranghohen Polizeibeamten, der Medienberichten zufolge Millionenbeträge in bar in den Wänden seines Hauses versteckt hatte, sowie Verbindungen zum spanischen Königshaus.
Zugleich fallen die Vorwürfe dadurch auf, dass sie Finanzakteure mit Verbindungen zur Wall Street, ein irisches Fintech-Unternehmen für den Handel mit Krypto-Assets, Luxusimmobilien in Dubai und mehrere Offshore-Kreditgeber miteinander verknüpfen.
Die Einzelheiten werden in Unterlagen bekannt, die Ermittler in Madrid zur Vorbereitung des Gerichtsverfahrens erstellt haben und die Bloomberg einsehen konnte. Die mutmasslichen Beteiligten wurden formell als Verdächtige (spanisch: investigado) geführt. Gegen keinen von ihnen wurde Anklage erhoben.
Geldwäsche und Drogenschmuggel
Im Zentrum des Netzwerks steht nach Angaben der Ermittler der mutmassliche Drogenboss Ignacio Torán. Er wird als Fan von Real Madrid mit einer Vorliebe für Luxusuhren beschrieben. Zeitweise plante er, sein Vermögen in Fussballspieler aus Argentinien zu investieren.
Torán soll unter anderem Óscar Sánchez für sich arbeiten lassen haben. Sánchez leitete zum Zeitpunkt des Kokainfunds im Jahr 2024 die Geldwäscheeinheit der spanischen Nationalpolizei. Er steht im Verdacht, seine Position genutzt zu haben, um Drogenschmugglern zu helfen. Als die Polizei sein Haus durchsuchte, fanden die Beamten nach Berichten spanischer Medien 20 Millionen Euro, die in den Wänden des Hauses versteckt waren.
Torán und Sánchez befinden sich in Spanien und wurden in Untersuchungshaft genommen. Ein Anwalt von Torán lehnte eine Stellungnahme ab. Der Anwalt von Sánchez bestritt nicht, dass Geld im Haus seines Mandanten gefunden wurde. Er stellte jedoch die Rechtmässigkeit der gegen seinen Mandanten erhobenen Vorwürfe sowie des Verfahrens infrage. So seien beispielsweise als Beweismittel verwendete Nachrichten ohne die erforderlichen richterlichen Anordnungen erlangt worden, sagte der Anwalt gegenüber Bloomberg.
Nach Angaben der Ermittler beschäftigte Torán ausserdem Francisco de Borbón, den Sohn eines Herzogs und entfernten Cousin von Spaniens König Felipe, sowie den US-Investor Ketan Seth, der in einem Anwesen im gehobenen Newport-Beach-Viertel Dover Shores lebt.
Die Ermittler erklären, Seth und De Borbón seien geschäftsführende Partner von Alpha Trading gewesen. Das kalifornische Unternehmen habe Drogengelder von Torán über Offshore-Konten bei einer Bank in Panama geschleust. Es ist unklar, wie sich Seth und De Borbón kennengerlernt haben. Im Jahr 2012 gründeten sie Alpha Trading. Sie beschrieben das Unternehmen als «führendes integriertes Unternehmen für Rohstoffversorgung und -vermarktung» mit Büros in New York, Madrid und Miami.
Seth verfolgte auch andere Geschäftsinteressen. In den 2010er Jahren betrieb er mehrere UPS-Versandfilialen in New York, geriet jedoch in Streitigkeiten mit Vermietern. Diese führten laut Gerichtsunterlagen zu Urteilen wegen unbezahlter Rechnungen von mehr als 300'000 Dollar.
Im Jahr 2025 gründeten Seth und De Borbón Blue Acquisition als Special Purpose Acquisition Company (SPAC) mit Schwerpunkt auf Rechenzentren und künstlicher Intelligenz. Wesley Clark, der ehemalige Vier-Sterne-General der US-Armee, wurde Chairman des Unternehmens. Das Unternehmen, das Seths Wohnhaus in Newport Beach als Firmensitz angibt, nahm im vergangenen Juni bei einem Börsengang rund 200 Millionen Dollar ein und trieb anschliessend die Übernahme eines Rechenzentrums in Niagara Falls voran.
Die Investmentbank BTIG, die von US Bancorp übernommen wird, half bei der Organisation des Börsengangs. Zu den heute grössten Anteilseignern gehören laut Bloomberg-Daten einige der grössten Hedgefonds der Wall Street, darunter Sona Asset Management und LMR Partners. Vertreter von BTIG, Sona und LMR lehnten eine Stellungnahme zu diesem Bericht ab.
Blue wird von den Ermittlern weder genannt noch eines Fehlverhaltens beschuldigt. Seth trat am 9. Juni aus dem Unternehmen aus. Als Grund nannte das Unternehmen in einer Pflichtmitteilung «familiäre Gründe». Der heutige Vorstandsvorsitzende von Blue, David Bauer, sagte Bloomberg, Seth sei «in keiner Weise mehr mit dem Unternehmen verbunden». De Borbón war als Sonderberater für Blue tätig. Diese Funktion endete im Februar, teilte Bauer per E-Mail mit.
«Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem man nur KI und Rechenzentren erwähnen muss und jeder dabei sein will», sagte Matt Tuttle. Er verwaltet als CEO von Tuttle Capital Management mit Sitz in Riverside im US-Bundesstaat Connecticut 5,3 Milliarden Dollar. «Ich habe in der SPAC-Welt schon einige merkwürdige Dinge gesehen, aber das ist eine Premiere für mich.»
«Grauzone»
Seth wurde als Zeuge vorgeladen. Über seine Anwälte beantragte er jedoch eine Verschiebung des Termins und soll nun im September vor Gericht erscheinen. Vor Kurzem beantragte er ausserdem die Aufhebung eines gegen ihn erlassenen internationalen Haftbefehls. Seth reagierte weder auf mehrere E-Mails und Telefonanrufe mit der Bitte um eine Stellungnahme noch auf einen Brief, der an seiner Adresse in Newport Beach hinterlassen wurde. Sein Anwalt lehnte eine Stellungnahme ab. De Borbón befand sich in Spanien in Haft und wurde inzwischen freigelassen. Auch sein Anwalt lehnte eine Stellungnahme ab.
Der Fall ist nach Einschätzung von Annette Idler, Professorin für globale Sicherheit an der Universität Oxford, die illegale Lieferketten erforscht, nicht nur wegen der Grösse des Kokainfunds von besonderer Bedeutung. Ausschlaggebend seien auch die hohe Position von Sánchez sowie die mutmassliche Rolle von Investmentstrukturen, Fintech-Unternehmen, Kryptowährungen und internationalen Firmen.
«Erfolgreiche Akteure der illegalen Wirtschaft sind auf legale Märkte, Finanzfachleute, Logistikunternehmen und Unternehmensstrukturen angewiesen, um illegale Erträge zu verschleiern», sagte sie. «Die Grauzone zwischen legaler und illegaler Wirtschaftstätigkeit ist genau der Bereich, in dem viele hochentwickelte kriminelle Organisationen florieren.»
Dem Kokainfund im spanischen Hafen Algeciras war im Mai 2021 ein weiterer Fund von 1,6 Tonnen Kokain vorausgegangen. Nach Angaben der Behörden wurden beide Lieferungen aus Südamerika nach Spanien geschmuggelt, zwischen Fruchtimporten versteckt, und hatten zusammen einen Marktwert von mehr als 350 Millionen Euro.
Als Ermittler später die persönlichen Telefondaten von Sánchez auswerteten, kamen sie zu dem Schluss, dass zwischen 2020 und 2024 weitere 58 Tonnen Kokain nach Spanien geschmuggelt worden waren. Das entspräche einem Einzelhandelswert von 3,5 Milliarden Dollar auf Basis eines durchschnittlichen Preises von 60 Dollar pro Gramm, sagte Gabriel Feltran, Professor an der Sciences Po in Paris, der kriminelle Netzwerke erforscht.
Solche Vorfälle seien inzwischen keine Seltenheit mehr, da ein zunehmend ausgefeiltes Netzwerk von Vermittlern die Droge leichter und günstiger verfügbar mache und ihre Erlöse einfacher gewaschen werden könnten, sagte Feltran. «Die Vermittlung treibt sowohl den Anstieg der Produktion als auch des Konsums voran.»
Die Ermittler gehen davon aus, dass Torán der Kopf der Bande ist. Er soll ein Geflecht aus Holdinggesellschaften in Spanien und im Ausland aufgebaut haben, die überwiegend formal auf Strohmänner eingetragen waren. Zum Zeitpunkt seiner Festnahme besass er zwei spanische Holdinggruppen und stand kurz davor, eine dritte in Betrieb zu nehmen. Nach Einschätzung der Polizei hielt Torán über diese Holdinggesellschaften Immobilien, überwiegend in Dubai. Dazu gehörten eine Villa im Wert von 10 Millionen Euro in der Wohnanlage W auf Palm Jumeirah sowie weitere Immobilien in der Stadt im Wert von 11 Millionen Euro. In Nachrichten habe er diese als «meine Häuser» bezeichnet, teilten die Ermittler mit.
Darüber hinaus verfügte Toráns Bande über zwei Offshore-Gesellschaften, darunter eine in Panama, die ein Treuhandkonto bei der Atlas Bank unterhielt. Zwar konnten die Ermittler weder Bargeld noch Krypto-Assets sicherstellen, sie schätzen jedoch, dass Torán zum Zeitpunkt seiner Festnahme mindestens Bitcoin im Wert von 10 Millionen Euro besass.
Die Bande nutzte sowohl staatliche Währungen als auch Kryptowährungen, um Geld weltweit zu transferieren. Sie setzte auf Bitcoin, Tether und VXL Dollar. Für die Geldwäsche benötigte die Gruppe ausserdem Banken. Dabei spielten Irland, Panama sowie São Tomé und Príncipe eine Rolle.
Irisches Fintech
Nach Angaben der Ermittler gab es ausserdem das irische Unternehmen ET Fintech Europe Ltd., das De Borbón und mehreren weiteren Verdächtigen gehörte. ET Fintech sei «direkt von der kriminellen Organisation kontrolliert» worden, erklärten die Ermittler. Alina Burnard, Anteilseignerin und Direktorin von ET Fintech, bestritt, dass das Unternehmen an Geldwäsche beteiligt gewesen sei. Die spanischen Vorwürfe «stellen den Zweck und die Aktivitäten» des Unternehmens «in wesentlichen Punkten falsch dar», erklärte sie in einer per E-Mail übermittelten Stellungnahme. Das Unternehmen sei gegründet worden, um eine digitale Banking-Plattform zu entwickeln. Burnard erklärte ausserdem, sie habe uneingeschränkt mit den Ermittlungen kooperiert.
Darüber hinaus gab es zwei Gesellschaften in São Tomé, die nach Angaben der Ermittler im Internet als Banken auftraten, jedoch nicht bei der dortigen Finanzaufsichtsbehörde registriert sind. Im Geldwäschegeschäft werden solche Institute als «Nested Banking» bezeichnet. Sie führen Transaktionen für Kunden über Konten bei grösseren Banken durch. Ziel ist es, die Identität des tatsächlichen Kunden zu verschleiern.
Alle diese Kreditinstitute spielten nach Einschätzung der Ermittler eine zentrale Rolle in Toráns Organisation. In einer Sofortnachricht aus dem Jahr 2023 erklärte ein enger Vertrauter Toráns und dessen wichtigster Finanzmanager: «Es kommt alles von diesen Banken» und «von dort geht es weiter» an andere Orte.
Ein weiterer Schritt des Finanzkonstrukts war die Eröffnung eines Treuhandkontos bei einem weiteren panamaischen Kreditinstitut, der Atlas Bank. In den spanischen Gerichtsunterlagen werden mindestens acht Personen genannt, die an der panamaischen Struktur beteiligt gewesen sein sollen. Als Treuhänder des Kontos fungierte Alpha Trading, das von Seth und De Borbón geführte Unternehmen.
Nach Angaben der Ermittler war Alpha Trading über ein «komplexes Finanzinstrument» an den Geldtransfers beteiligt. Um welches Instrument es sich handelte, wird nicht angegeben. «Die von den panamaischen Behörden übermittelten Informationen bestätigen die Geldwäscheoperationen», erklärten die Ermittler. Die gesamte Struktur habe darauf abgezielt, «die Herkunft der Gelder ebenso wie die Identität des tatsächlichen wirtschaftlichen Begünstigten zu verschleiern» und der Transaktion «den Anschein der Legalität zu verleihen».
(Bloomberg/cash)

