Sie verweisen vor allem ‌darauf, dass es ⁠in Teheran nun wieder eine fest etablierte, radikale Regierung gibt, die die Strasse von Hormus kontrolliert und über ein mächtiges Druckmittel auf die globalen Energiemärkte und ihre ⁠Rivalen am Persischen Golf verfügt. Dagegen haben sich Schockwellen des amerikanisch-israelischen Angriffs ausgebreitet und zu globalen wirtschaftlichen Spannungen beigetragen sowie Konflikte zwischen den Nachbarländern am Golf ausgelöst.

«Dieser Krieg wird als Trumps schwerwiegender strategischer ‌Fehler in Erinnerung bleiben. Ein Fehler, dessen Folgen die Region auf unbeabsichtigte Weise verändern», sagt etwa der Nahostexperte Fawaz Gerges ‌gegenüber Reuters.

Iran habe die Schläge verkraftet und dabei seine wichtigsten Machtinstrumente beibehalten, sagen ​auch andere Analysten und drei Quellen aus Regierungen der Golf-Staaten gegenüber Reuters.

Die Strasse von Hormus

Vor dem Krieg wurde die Strasse von Hormus – eine schmale Passage, durch die etwa ein Fünftel der weltweiten Öl- und Gasvorkommen transportiert werden – offiziell als internationale Wasserstrasse behandelt. Der Iran überwachte sie, behinderte die Schifffahrt und fing gelegentlich Schiffe ab, verzichtete aber darauf, die vollständige Kontrolle darüber zu erlangen. Heute fungiert Teheran de facto als Torwächter der internationalen Schifffahrtsroute, entscheidet selektiv über die Durchfahrt und verlangt Gebühren ‌für die sichere Passage.

Für die Golfstaaten, die auf die Öl- und Gasexporte angewiesen sind, bleibt die Strasse von Hormus eine unverhandelbare rote Linie, betont der saudiarabische Analyst Ali Schihabi. «Jedes Ergebnis, das die Wasserstrasse faktisch in iranischer Hand belässt, wäre eine Niederlage für Präsident Trump», sagt er. Die potenziellen Auswirkungen hoher Energiepreise könnten sich bis in die ​US-Kongresswahlen im Herbst hineinziehen.

«Wenn der Iran Millionen pro Schiff erpressen kann, sind die Auswirkungen enorm – nicht nur für den Golf, sondern ​für die gesamte Weltwirtschaft», sagt auch Ebtesam Al-Ketbi, Präsidentin des Emirates Policy Center. «In diesem Sinne wäre ​das Ergebnis des Krieges nicht nur ein regionaler Rückschlag, sondern ein systemischer Wandel mit weltweiten Konsequenzen.»

Schlimmer noch: Es könnte ein amerikanisch-iranisches Zusammenspiel zum Schaden aller anderen geben. Denn die Sprecherin des Weissen Hauses, Karoline ‌Leavitt, schloss nicht aus, dass der Iran und die USA sich künftig neue Mauteinnahmen teilen könnten.

Iran hat Widerstandsfähigkeit bewiesen

Zudem haben die amerikanisch-israelischen Angriffe zwar militärische und zivile Ziele in dem Land mit fast 90 Millionen Einwohnern getroffen. Aber der Iran hat Widerstandsfähigkeit bewiesen und die Fähigkeit zur weiteren Eskalation bewahrt, weil er seinen Einfluss schon ​in den ​Jahren zuvor an mehreren Fronten ausgedehnt hatte. Dies reicht über den Irak und ⁠Libanon bis zu den Huthi-Rebellen im Jemen.

Im Inland wiederum behält die iranische Führung trotz der israelischen Wünsche ​nach einem «Regime Change» die Kontrolle fest in ⁠der Hand – obwohl die Wirtschaft des Landes am Boden liegt und grosse Teile der Infrastruktur durch amerikanische und israelische Bomben zerstört wurden.

Das Urteil von Gerges ist ‌deshalb vernichtend: «Was hat der Krieg zwischen den USA und Israel tatsächlich gebracht?», fragte er. «Einen Regimewechsel in Teheran? Nein. Die Kapitulation der Islamischen Republik? Nein. Die Eindämmung des iranischen Vorrats an hochangereichertem Uran? Nein. Ein Ende der Unterstützung Teherans für seine regionalen Verbündeten? Nein.»

Deshalb hängt viel davon ‌ab, was nun innerhalb der Waffenruhe ausgehandelt wird. Jede Vereinbarung, die nicht die grundlegenden Konflikte um das Atom- und Raketenprogramm anspricht, ​birgt das Risiko, den Einfluss des Irans eher zu festigen als einzuschränken, warnen Vertreter der Golf-Staaten.

«Diese Waffenruhe ist keine Lösung, sondern ein Test der Absichten», sagt Ebtesam Al-Ketbi. «Wenn sie sich nicht zu einem umfassenderen Abkommen entwickelt, das die Einsatzregeln – in Hormus und in den Stellvertreter-Kriegsgebieten – neu definiert, wird sie kaum mehr als eine taktische Pause vor einer gefährlicheren und ‌komplexeren Eskalation sein», warnt sie.

(Reuters)