Die Kriege im Iran und in der Ukraine haben in den vergangenen Monaten fast neun Prozent der weltweiten Öl-Raffineriekapazitäten lahmgelegt. Dies verschärft einen ohnehin bestehenden Engpass bei der Kraftstoffversorgung. Die Folgen sind an den Zapfsäulen und Märkten deutlich spürbar: Der Preis für die Nordseesorte Brent erreichte im April mit 126 Dollar pro Barrel ein Vierjahreshoch. In der EU kletterte der Dieselpreis im selben Monat auf einen Rekordwert von 2,11 Euro pro Liter.
Um die Nachfrage zu decken, mussten Gross- und Einzelhändler massiv auf bestehende Reserven zurückgreifen. Bislang seien rund 500 Millionen Barrel Öl aus den Beständen entnommen worden, teilte der Chef des französischen Energiekonzerns TotalEnergies, Patrick Pouyanne, Ende April mit. Diese Zahl könne auf bis zu eine Milliarde Barrel steigen, da das Hochfahren der Anlagen und die Lieferungen nach Asien dauerten. Am Mittwoch meldete die US-Energiebehörde EIA eine Rekordentnahme aus der strategischen Ölreserve (SPR) des Landes.
Experte: Keine Entspannung in Sicht
Besonders gravierend sind die Auswirkungen des Konflikts mit dem Iran. Neben der Störung des Tankerverkehrs im Golf kam es zu direkten Schäden an Anlagen. Nach Angaben des Branchendienstes IIR fielen bis Anfang Mai Raffineriekapazitäten von bis zu 3,5 Millionen Barrel pro Tag (bpd) aus. Betroffen waren unter anderem die grösste saudische Anlage Ras Tanura sowie zwei der drei Raffinerien in Kuwait, die von Drohnen angegriffen wurden. Selbst bei einem baldigen Ende der Kämpfe sei keine rasche Entspannung in Sicht. «Auch wenn der Krieg schnell enden sollte, werden die Preise voraussichtlich auf einem hohen Niveau bleiben», sagte TotalEnergies-Chef Pouyanne.
Parallel dazu setzt der Krieg in der Ukraine der globalen Versorgung zu. Gezielte ukrainische Drohnenangriffe auf die russische Infrastruktur haben Berechnungen der Nachrichtenagentur Reuters zufolge zwischen Januar und Mai an 16 Standorten rund 700.000 bpd an russischer Verarbeitungskapazität ausser Betrieb gesetzt. Insgesamt fielen durch diesen Konflikt laut IIR weitere 1,4 Millionen bpd weg.
Internationale Energieagentur warnt vor Kerosin-Engpässen in Europa
Diese Ausfälle in Russland und Asien wirken sich überproportional stark auf die Produktion von Diesel und Kerosin aus. Die Internationale Energieagentur (IEA) warnte, dass Europa ab Juni Kerosin-Engpässe drohen könnten, falls die ausbleibenden Lieferungen aus der Golfregion nicht vollständig ersetzt werden. Als Reaktion darauf hat die Dangote-Raffinerie in Nigeria im April ihre Kerosin-Exporte nach Europa fast verdoppelt.
Bereits vor den jüngsten Eskalationen wurden nach IIR-Daten seit 2019 weltweit Anlagen mit einer Kapazität von etwa 9,7 Millionen bpd geschlossen - das entspricht etwa zehn Prozent der derzeitigen Arbeitskapazität. Gründe dafür waren die Corona-Pandemie, betriebliche Probleme, mangelnde Rentabilität und der allmähliche Vormarsch von E-Autos. Eine Rückkehr zur Normalität dürfte daher Monate dauern. Die IEA hat ihre Prognosen bereits nach unten korrigiert: Sie erwartet, dass die Verarbeitung in den Golf-Raffinerien in diesem Jahr auf 8,7 Millionen bpd sinken wird. Auch die Schätzung für die russische Rohölverarbeitung im zweiten Quartal wurde wegen der ukrainischen Angriffe deutlich auf bis zu 4,8 Millionen bpd gesenkt.
(Reuters)

