Krypto - Auch wegen Jerome Powell: Warum Ether Bitcoin noch stärker überflügeln wird

Ether holt in Sachen Marktkapitalisierung in grossen Schritten auf Bitcoin auf. Dass sich dieser Trend verschärfen dürfte, hat auch mit dem sich wandelnden geldpolitischen Umfeld zu tun.
02.12.2021 11:06
Von Henning Hölder
Fed-Präsident Jerome Powell.
Fed-Präsident Jerome Powell.
Bild: imago images / MediaPunch

Was seit vielen Monaten zu beobachten ist, tritt seit einigen Tagen noch deutlicher zutage: Ether stellt in Sachen Kursperformance seinen (noch) grossen Bruder Bitcoin klar in den Schatten. Während die Nummer Eins der weltweiten Kryptowährungen seit Anfang der Woche in etwa unverändert notiert, konnte Ether knapp 10 Prozent zulegen. Noch deutlicher ist die Kurs-Diskrepanz seit Jahresbeginn: +550 Prozent bei Ether gegenüber +95 Prozent bei Bitcoin. "Ether bereitet sich auf den Abflug vor", lässt sich der vielzitierte Krypto-Analyst Adrian Zduńczyk dieser Tage zitieren. 

Vergleich Kursentwicklung von Ether (gelb) und Bitcoin (blau) seit Anfang Jahr, Quelle: Google Finance

Ein einfacher Grund für die massive Outperformance von Ether gegenüber Bitcoin in 2021 liegt sicherlich in der Grösse und dem Alter der jeweiligen Kryptowährungen begründet. Trotz seiner massiven Rally im letzten Jahr ist Ether (0,55 Billionen Dollar) gemessen an der Marktkapitalisierung noch immer nur halb so gross wie Bitcoin (1,1 Billionen Dollar). Je grösser ein Asset, desto mehr braucht es für Kurssteigerungen. Ether wurde 2015, also rund sechs Jahre später als Bitcoin ins Leben gerufen. Zudem wurde der Token erst in den letzten 12 Monaten auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. 

Zum Vergleich: Der junge Überflieger-Token Solana ging erst 2019 an den Start und konnte 2021 im Zuge des allgemeinen Krypto-Hypes irrwitzig anmutende 11'000 Prozent zulegen. Seine Marktkapitalisierung beträgt aber im Vergleich noch immer nur läppische 68 Milliarden Dollar. 

Ether – grosser Gewinner von DeFi und NFT-Trend

Doch die Gründe, warum Ether Bitcoin zunehmend überflügelt – und dies mit hoher Wahrscheinlichkeit weiterhin tun wird – sind vielfältiger. Die Outperformance in 2021 ist in grossen Teilen auch dem Aufkommen von Hype-Themen wie Decentralized Finance (DeFI) oder Non-Fungible-Token (NFT) zurückzuführen. "Der grösste Unterschied zwischen Ether und Bitcoin besteht darin, dass Ether viel stärker mit den Wachstumssektoren der Kryptowährungen in Verbindung gebracht wird, darunter DeFi, NFT und das sogenannte Metaverse", sagt Stephane Ouellette, CEO der Krypto-Plattform FRNT Financial gegenüber Bloomberg. 

Hintergrund: Das hinter dem Ether-Token stehende Netzwerk Ethereum ist die dominierende Blockchain für tausende von dezentralen Anwendungen. Die wachsende Beliebtheit von dezentralen Finanzdienstleistungen und Krypto-Sammlerstücken – ein anderes Wort für NFT – befeuert damit die Ether-Rally. Konkret handelt es sich bei NFT um eindeutige, also nicht ersetzbare digitale Unikate. Beispiele wären Memes oder auch der allererste Tweet von Twitter-CEO Jack Dorsey, der im vergangenen März über die Ethereum-Plattform für exakt 1630,58 Ether verkauft wurde. Das entsprach zum damaligen Zeitpunkt etwa 2,9 Millionen Dollar.

Bei all diesen Themen, die mit einer entsprechenden Kursfantasie einhergehen, steht Bitcoin komplett aussen vor. Grund: Der Anwendungsfall der Kryptowährung Nummer Eins ist ein komplett anderer. Im Gegensatz zu Ether wird Bitcoin in erster Linie als Wertspeicher gesehen – auch "Store of Value" genannt. Dass der älteste Token der Welt immer wieder als "digitales Gold" bezeichnet wird, kommt also nicht von ungefähr. 

Höhere Zinsen lasten auf Bitcoin

Warum Ether insbesondere in diesen Tagen deutlich besser performt als Bitcoin, hat aber auch mit dem geldpolitischen Umfeld zu tun. "Zwar liegt Bitcoin nach Marktkapitalisierung noch klar vorn. Doch steigen die Zinsen, könnte sich das Blatt zugunsten von Ether wenden", schreiben Analysten der US-Grossbank JP Morgan in einer aktuellen Marktanalyse. Bitcoin könnte demnach der Ruf als "digitales Gold" bald auf die Füsse fallen. 

JP Morgan warnt: "Der Anstieg der Anleiherenditen und eine mögliche Normalisierung der Geldpolitik üben Druck auf Bitcoin als eine Form von digitalem Gold aus, genauso wie höhere reale Renditen Druck auf traditionelles Gold ausgeübt haben." Wenn Zinsen steigen, solle man lieber in Anlagen investieren, die einen stabilen Wert besitzen, so JP Morgan. Fed-Chef Jerome Powell hatte am Dienstag die Inflation als ein nicht mehr vorübergehendes Phänomen bezeichnet. Die US-Notenbank erwäge daher, das Tapering ein paar Monate früher zu Ende zu bringen. Dies wurde als Zeichen gewertet, dass eine Normalisierung der Geldpolitik schneller kommen könnte als bisher angenommen. 

Bitcoin mit langer Tradition

Das Ethereum-Netzwerk mit seinen Anwendungsfällen für die neuen Themen wie NFT, Gaming- und Stable Coins auf dem Kryptomarkt hingegen sei für ein diversifiziertes Portfolio attraktiver als Bitcoin, so die Analysten von JP Morgan. Die Grossbank glaubt, dass die Marktkapitalisierung von Ether jene von Bitcoin in den nächsten fünf Jahren übertreffen könne. 

Allerdings bleibt festzuhalten: Auch wenn Ethereum mit seinen dezentralen Anwendungsfällen für durchaus berechtigte Kursphantasien sorgt, und auch weiter sorgen dürfte, sollten Krypto-interessierte Anlegerinnen und Anleger Bitcoin nicht den Rücken kehren. Kein anderer Token hat eine – für Krypto-Verhältnisse – derart lange Tradition und Geschichte, die Bitcoin zu einem vergleichsweise stabilen Krypto-Investment gemacht hat. Auch wenn Bitcoin sowohl kurz- als auch langfristig aller Voraussicht nach weniger Kurspotenzial hat als Ether, dürften Anleger mit dem Krypto-Oldie zumindest ein bisschen ruhiger schlafen können. 

 
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