cash.ch: Der Bitcoin hat sich deutlich erholt. Ist das nur ein Zwischenhoch und wieder auf 60’000 Dollar zurück?
Dominic Weibel: Es gibt mehrere Anzeichen dafür, dass wir uns in einer Bodenbildung befinden. Erstens mussten mit der Kurserholung im August Leerpositionen eingedeckt werden. Zweitens waren die realisierte und die implizierte Volatilität vor der Kurserholung sehr tief. Insofern ist es wie ein umgekehrtes Ereignis im Oktober 2025, als der Bärenmarkt eingeleitet wurde. Verschiedene Preisindikatoren, wie der Realized Price, deuten nun darauf hin, dass der Tiefpunkt hinter uns liegt. Gleichzeitig deutet ein nachlassender Verkaufsdruck darauf hin, dass viele verkaufswillige Anleger ihre Positionen bereits abgebaut haben. Diese Kombination stärkt die These einer nachhaltigen Bodenbildung. Ein bestätigter Aufwärtstrend erfordert allerdings auch, dass die darüberliegenden Widerstände überwunden werden. Selbst wenn der Boden bereits hinter uns liegt, kann der Weg nach oben holprig bleiben.
Bleibt die Volatilität des Bitcoins tief, könnte dies das Aufwärtspotenzial begrenzen.
Nicht zwangsläufig, denn ein Kurs kann auch mit geringeren Schwankungen deutlich steigen. Vor der Erholung im August lag die kurzfristige realisierte Volatilität auf einem sehr niedrigen Niveau. Auch bei den längerfristigen Messgrössen haben wir innerhalb der vergangenen zwölf Monate neue Tiefststände gesehen. Das passt zum Bild einer reiferen Anlageklasse. Die breitere Investorenbasis und langfristig orientierte Halter können dazu beitragen. Für Investoren mit engen Risikobudgets kann eine geringere Volatilität den Zugang zu Bitcoin sogar erst erleichtern. Anlegerinnen und Anleger sollten sich darüber nicht allzu grosse Sorgen machen.
Wieso?
Gold zeigt, dass eine Anlage keine extremen täglichen Ausschläge benötigt, um über längere Zeiträume deutlich an Wert zu gewinnen. Bei Bitcoin trifft eine wachsende Zugänglichkeit auf ein aussergewöhnlich starres Angebotsprofil. Unser Finanzsystem ist gleichzeitig sehr gut darin, mehr Geld, mehr Schulden und mehr finanzielle Ansprüche zu schaffen. Hohe Staatsdefizite und eine wachsende Zinslast erhöhen zugleich den politischen Druck, die Schuldenlast durch niedrige reale Zinsen und Inflation tragbar zu halten. Das stärkt aus unserer Sicht langfristig das Interesse an knappen, nicht staatlichen Vermögenswerten. Selbst Gold kann auf höhere Preise mit zusätzlicher Förderung reagieren, wenn auch mit Verzögerung. Bei Bitcoin ist die Ausgabe neuer Einheiten durch das Protokoll vorgegeben und die Gesamtmenge auf 21 Millionen begrenzt. Steigende Nachfrage kann diese Produktion nicht dauerhaft beschleunigen. In einer Welt, die laufend mehr schafft, ist diese Grenze eine bemerkenswerte Ausnahme.
Gold wird in Krisensituationen rasch abverkauft, der Preis kann wie beim Ausbruch des Iran-Kriegs rapide sinken. Droht das nun auch beim Bitcoin, weil die Cyberdevise zunehmend den Charakter einer neuen Art Reservewährung hat?
Wenn Anleger in einer akuten Marktkrise Liquidität benötigen, verkaufen sie natürlich auch Gold oder Bitcoin. Bitcoin kann dann gemeinsam mit Aktien deutlich fallen. Auch bei Staatsanleihen hängt die Schutzwirkung jedoch von der Marktumwelt ab. Bei einem Inflations- oder Zinsschock können Aktien und Anleihen gleichzeitig unter Druck geraten. Das klassische, diversifizierte Portfolio mit 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Obligationen ist unserer Meinung nach deshalb veraltet. Dies, weil sich Staatsanleihen wie risikoreiche Positionen wie Aktien im Gleichschritt hoch und runter bewegen. Denn eigentlich sollte es genau umgekehrt sein.
Also mehr «harte» Vermögenswerte wie Bitcoin oder Gold ins Depot?
Gold und Bitcoin erschliessen andere Werttreiber und können die Abhängigkeit eines Portfolios von staatlichen Schuldnern und der Kaufkraft ihrer Währungen verringern. Ihre Risiken und ihr Verhalten in einer Krise unterscheiden sich allerdings. Wir konnten auf Basis von historischen Daten gut belegen, dass eine dosierte Bitcoin-Allokation eines diversifizierten Portfolios stärker verbessert, wenn man aus Obligationen umschichtet. Das wird in den nächsten Jahren womöglich zunehmend Anklang finden, weil grosse Player am Markt ganz klar signalisieren, dass sie ihr Risiko mitigieren wollen, indem sie etwa amerikanische Staatsanleihen reduzieren und in Gold hinein rotieren. Daraus folgt keine pauschale Empfehlung, sichere Anleihen durch Bitcoin zu ersetzen. Entscheidend ist, welche Aufgabe jeder Baustein erfüllt und wie viel Risiko das Gesamtportfolio tragen soll.
Wie hoch soll die Bitcoin-Allokation sein?
Das hängt vom Anlagehorizont, der Risikotragfähigkeit und der übrigen Vermögensstruktur ab. Für langfristig orientierte Anleger mit entsprechender Risikobereitschaft kann eine Beimischung im niedrigen einstelligen Prozentbereich sinnvoll sein. In unseren historischen Untersuchungen konnten auch Gewichtungen bis zu 10 Prozent die risikoadjustierte Rendite verbessern, gemessen an der Sharpe Ratio. Das bedeutet allerdings nicht, dass 10 Prozent für jedes Portfolio angemessen sind. Die Ergebnisse hängen vom Betrachtungszeitraum und der Umsetzung ab. Eine Quote von 10 Prozent ist nicht riesig, kann aufgrund der höheren Schwankungen von Bitcoin aber bereits einen erheblichen Anteil am Gesamtrisiko ausmachen. Die Position sollte deshalb zum Risikobudget passen und regelmässig auf die angestrebte Gewichtung zurückgeführt werden.
Der US-Broker Robinhood erzielt immer mehr Erträge über seine eigene Blockchain mit dem Namen «Hood-Chain». Insofern könnte man auch einfach Robinhood-Aktien kaufen.
Es gibt sehr interessante börsenkotierte Unternehmen, die Blockchaintechnologie nutzen, um ihr Geschäft effizienter zu machen, den Zugang zu Finanzdienstleistungen zu erleichtern oder Angebote zu schaffen, die technisch und wirtschaftlich zuvor kaum möglich waren. Daraus entstehen neue Ertragsquellen, an denen Anleger auch über Aktien teilhaben können. Robinhood ist mit dem Erfolg seiner Robinhood Chain ein anschauliches Beispiel für ein solches Unternehmen. Auch das stark wachsende Geschäft mit Prognosemärkten zeigt, wie konsequent Robinhood neue Märkte erschliesst. Weitere Beispiele sind Coinbase oder Circle, deren Geschäftsmodelle wesentlich auf der Nutzung von Kryptotechnologie beruhen. Gerade in einem reiferen Kryptomarkt wird dieser Zugang interessanter. Das breite Altcoin-Beta, also das Mitlaufen vieler Token mit dem Gesamtmarkt, dürfte als Renditetreiber weniger verlässlich werden. Die Auswahl attraktiver Token wird anspruchsvoller. Tatsächliche Nutzung, nachhaltige Erträge und die Frage, wie diese dem Token zugutekommen, rücken stärker in den Vordergrund. Damit bieten ‹Kryptoaktien› eine interessante zusätzliche Möglichkeit, an der Entwicklung der Branche teilzuhaben.
Sie trauen dem Bitcoin in den nächsten zwei Jahren ein Plus von 20 bis 30 Prozent zu. Damit ginge es wieder Richtung Allzeithoch von 125’000 Dollar?
Ja, das halte ich für realistisch. Der Zugang zu Bitcoin wird breiter, und die Suche nach knappen, nicht staatlichen Vermögenswerten dürfte angesichts der hohen Verschuldung relevant bleiben oder sogar an Fahrt gewinnen. Eine wachsende Nachfrage trifft dabei auf einen vorgegebenen Ausgabepfad. Bei höheren Preisen können zwar bestehende Halter mehr Bitcoin zum Verkauf anbieten. Die Produktion neuer Bitcoin lässt sich dadurch jedoch nicht dauerhaft ausweiten. Wenn die zusätzliche Nachfrage das verfügbare Verkaufsangebot übersteigt, muss sich der Markt entsprechend über den Preis anpassen, was kräftige Bewegungen auslösen kann. Zusammen mit den Anzeichen einer Bodenbildung ergibt sich für uns ein konstruktiver Ausblick auf die kommenden Jahre. Wie schnell sich dieser in höheren Kursen niederschlägt, hängt auch von Liquidität, Zinsen und der tatsächlichen Nachfrage ab.
Dominic Weibel leitet die Research-Abteilung von Bitcoin Suisse. Er hat diese Position Anfang 2024 übernommen, nachdem er 2022 in das Unternehmen eingetreten ist. Mit fast einem Jahrzehnt Erfahrung in den Kryptomärkten bringt er fundierte analytische und strategische Expertise mit. Vor seinem Wechsel in den Bereich digitaler Assets war er als Research Fellow im Bereich der Materialwissenschaften tätig. Fasziniert vom transformativen Potenzial von Distributed-Ledger-Technologien und deren Einfluss auf die Gesellschaft widmete er seinen Fokus diesem aufstrebenden Feld.

