Kryptowährungen - Warum ein Bitcoin-Kursziel von 288'000 Dollar nicht absoluter Humbug sein muss

Derzeit geistern wieder viele Mega-Prognosen für die Kryptowährung Bitcoin herum. Was auf den ersten Blick nach willkürlichen Szenarien von Fanatikern klingt, ist rein theoretisch begründbar.
19.05.2020 10:32
Von Henning Hölder
Mit dem Bitcoinkurs geht es wieder hoch.
Mit dem Bitcoinkurs geht es wieder hoch.
Bild: imago images / Science Photo Library

Man hört es von Krypto-Fans immer wieder: Bitcoin ist das digitale Gold. Krisenfest, knapp und deshalb langfristig wertsteigernd. Und hört man die Prognosen der Bitcoin-Bullen, kann einem regelrecht schwindlig werden. Von 100'000 Dollar in den nächsten zehn Jahren ist vielerorts die Rede. Ein berühmter Bitcoin Analyst mit dem Spitznamen PlanB hat nun seine Prognose bis 2024 auf satte 288'000 Dollar hochgeschraubt.

Zur Erinnerung: Bitcoin notiert heute knapp unter 10'00 Dollar, vor zwei Monaten noch bei 3800 Dollar. Damals, mitten in der Corona-Marktpanik, musste auch die oft als krisenfestes Investment bezeichnete Kryptowährung Federn lassen.

Sind die neuen Kursziele nun Hirngespinste eines verrückten Krypto-Fanatikers? Nicht unbedingt. Solche extrem bullish anmutenden Prognosen lassen sich durchaus theoretisch untermauern. Ein Model, welches von Krypto-Bullen oft herangezogen wird, ist die sogenannte "Stock to Flow Ratio" (StFR). Dieses Modell beschreibt die positive Korrelation zwischen der Knappheit eines monetären Guts und dessen Wert. Normalerweise wird das Modell bei Edelmetallen wie Gold angewendet.

Bitcoin fast so knapp wie Gold

Die Ratio zeigt an, wieviel Jahre es brauchen würde, damit sich die gegenwärtig im Umlauf befindende Menge des monetären Gutes (Gold, Bitcoin etc.) erneut produziert – gegeben der aktuellen jährlichen Produktionsrate. Die Hypothese ist, dass die Kurse monetärer Güter positiv mit ihrer Stock-to-Flow-Rate korrelieren. Je knapper das Gut, desto höher der Preis.

Beim Gold beispielsweise sieht das Modell so aus: Jährlich werden derzeit etwa 3000 Tonnen Gold geschürft. Der weltweite Goldbestand wird auf 185'000 Tonnen geschätzt. Das bedeutet: Es bräuchte genau 62 Jahre, um den jetzigen Gesamt-Goldbestand zu fördern. Der StFR-Wert beträgt demnach 62.

Übertragen auf den Bitcoin ist das Prinzip genau dasselbe. Derzeit befinden sich etwa 18 Millionen Bitcoin im Umlauf. Pro Tag werden seit letzter Woche ungefähr 900 Bitcoin geschürft. Bis vorletzter Woche waren es noch 1'800. Vor ein paar Tagen hat das sogenannte Halving stattgefunden. Seit diesem Event hat sich – vereinfacht gesagt – die Anzahl an Bitcoin, die alle zehn Minuten produziert wird, halbiert. Nun bräuchte es 52 Jahre, um den aktuellen Bitcoin-Bestand zu reproduzieren. Die "Stock to Flow Ratio" beträgt also 52 (vor dem Halving etwa 27).

Hat Bitcoin einen fairen Wert?

Die "Stock to Flow Ratio" des Bitcoin nähert sich also langsam die des Goldes. Hinzu kommt: Es folgen noch weitere Halvings. Das nächste bereits im Jahr 2024. Dann wird die Ratio bei 113 liegen und damit Gold überholen. Um zu verstehen, was das Halving für den Bitcoin bedeutet, muss man sich nur vorstellen, was es bedeuten würde, wenn auf einen Schlag die weltweite Goldförderung halbiert würde. Der Goldpreis würde nach oben schiessen. 

Das Modell schreibt dem Bitcoin einen fairen Wert zu, der sich auf fundamentale Daten begründet. Viele Marktteilnehmer tun sich aber genau damit schwer, Kryptowährungen einen fundamentalen Wert einzuräumen. Grund: Fragen, die sich bei der Bewertung von Aktien – also Unternehmensanteilen – stellen, machen bei Kryptowährungen wenig Sinn: Wie sehen die Marktperspektiven des Unternehmens aus, wie kompetent ist das Management einzuschätzen, welche Produkte hat die Firma in der Pipeline?

Der Wert einer Kryptowährung wie Bitcoin beruht in allererster Linie auf dem Vertrauen der Gemeinschaft. Das ist bei herkömmlichen Fiat-Währungen wie dem Dollar oder dem Franken nicht anders. Das Modell der "Stock to Flow Ratio" ist in diesem Kontext eine weitere Komponente, die den Wert des Bitcoin messbar machen will. 

Freilich ist das "Stock to Flow Modell" bisher nur ein theoretisches Konstrukt und wird seinen empirischen Beweis erst noch liefern müssen. Es zeigt aber dennoch, dass hinter all den verrückt klingenden Prognosen durchaus mehr stecken kann als reine Willkür.

 
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