Christine Lagarde hat im Europäischen Parlament den Willen zum Zurückdrängen der Inflation betont und den weiteren Zinskurs zugleich offengelassen. Die Europäische Zentralbank (EZB) sei nach der jüngsten Zinserhöhung weiterhin gut positioniert, um in Zeiten der Unsicherheit geldpolitisch zu manövrieren, sagte die Französin am Montag in einer Anhörung vor dem Wirtschafts- und Währungsausschuss des EU-Parlaments in Brüssel. Man werde die Entwicklungen genau beobachten und von Sitzung zu Sitzung entscheiden: «Wir legen uns nicht im Voraus auf einen bestimmten Zinspfad fest.» Der EZB-Rat sei zuversichtlich, mit angemessenem geldpolitischen Handeln die Inflation mittelfristig in den Griff zu bekommen. Lagarde verwies darauf, dass die Prognosen des EZB-Stabs für 2028 das Erreichen des angepeilten Zielwerts von 2,0 Prozent vorsehen.
Die Aussichten blieben jedoch unsicher, mit Aufwärtsrisiken für die Inflation und Abwärtsrisiken für das Wirtschaftswachstum, gab Lagarde zu bedenken: «Das Friedensabkommen im Nahen Osten ist zu begrüssen, doch die Lage bleibt fragil und birgt das Risiko von Rückschlägen oder einer erneuten Eskalation.» Die vollen Auswirkungen des Krieges auf Inflation und Wachstum würden sich erst mittelfristig zeigen.
Die EZB hatte am 11. Juni erstmals seit fast drei Jahren den Leitzins angehoben - und zwar um einen Viertelpunkt auf 2,25 Prozent. Die gestiegenen Ölpreise infolge des Iran-Kriegs haben die Inflation im Euroraum angefacht. Waren und Dienstleistungen verteuerten sich im Mai um durchschnittlich 3,2 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Die EZB will verhindern, dass ein durch den Konflikt ausgelöster Anstieg der Energiekosten auf andere Preise übergreift. Dies betonte auch EZB-Chefvolkswirt Philip Lane, der jüngst ein weiterhin proaktives geldpolitisches Agieren signalisierte.
(Reuters)

