cash.ch: Das Verkaufsvolumen bei Lindt & Sprüngli sank 2025 um 6,6 Prozent. Ab wann rechnen Sie wieder mit Wachstum?

Martin Hug: In der ersten Jahreshälfte 2026 werden wir nochmals Preiserhöhungen sehen - vor allem rund um das Ostergeschäft. Nicht so hoch wie 2025, aber sie sind da. Deshalb erwarten wir in der ersten Hälfte noch ein leicht negatives Volumen. In der zweiten Hälfte des Jahres hingegen gehen wir davon aus, dass das Volumen wieder wächst. Weil die Preiserhöhungen dann nur noch minimal sein werden und wir in Europa beim Weihnachtsgeschäft in der Vergleichsperiode viel Volumen verloren haben und wir damit rechnen, das wieder zu korrigieren.

Mit welchen konkreten Massnahmen?

Wir haben sehr viel in Werbung investiert, was für bessere Regal-Rotation sorgen soll. Wir haben 2025 rund 50 neue eigene Läden eröffnet, und wir expandieren in neue Länder. Unser Brand ist so stark wie nie.

Lindt hat die Wachstumsprognose auf 4 bis 6 Prozent gesenkt - von bisher 6 bis 8 Prozent. Der Aktienkurs ging am Dienstag deutlich zurück. Wie soll das Ziel ohne weitere massive Preiserhöhungen erreicht werden?

Der Haupttreiber ist die Premiumisierung. Der Trend hin zu hochwertiger Schokolade hält an - besonders in grossen Märkten wie Amerika und England. In Amerika haben Konkurrenten wie Mars und Hershey zusammen über 50 Prozent Marktanteil, beide sind nicht im Premiumbereich. In England hat Cadbury gut 30 Prozent. Da gibt es noch enormes Potenzial. Dazu kommt die geografische Expansion in Länder, in denen Lindt noch kaum präsent ist. Und selbst in gesättigten Märkten wie der Schweiz schaffen wir es, durch Marketinginvestitionen zu wachsen, letztes Jahr sogar zweistellig. In England liegen unsere Marktanteile bei rund 7 bis 8 Prozent, in Deutschland noch tiefer. Das Wachstumspotenzial ist enorm.

Die Kakaopreise sind stark gefallen. Morgan Stanley wertet dies als Risiko: Lindt müsse möglicherweise Preise im Handel senken, bevor die günstigeren Inputkosten ankommen. Teilen Sie diese Einschätzung?

Man muss verstehen, wie die Industrie funktioniert: Der Kakaopreis stieg von 2000 auf 10'000 Dollar. Die Schokoladenindustrie ist typischerweise 6 bis 15 Monate im Voraus gehedgt. Wenn also die Preise stiegen, muss man zunächst abwarten. Erst dann beginnt man schrittweise, die Preise zu erhöhen. Jetzt haben wir die umgekehrte Situation, weil der Preis sinkt. Es liegt also noch viel teurer Kakao im Lager. Preissenkungen sind daher finanziell schlicht nicht möglich, frühestens ab 2027 wieder. Und bis dann kann noch viel passieren, denn die Kakaopreise sind extrem volatil.

Die UBS sieht ab 2027 Kostenvorteile von bis zu 500 Millionen Franken. Was machen Sie mit diesem Spielraum? Marge, Preissenkungen oder Werbung?

Das ist, Stand heute, noch zu früh zu sagen. Sollten die Preise tief bleiben, gibt es verschiedene Optionen: mehr in Werbung, mehr in Promotionen. Aber auch unsere grossen Mitbewerber werden die Preise nicht so schnell senken können. Die Situation muss man in etwa acht Monaten neu beurteilen.

Analysten nennen GLP-1-Abnehmmedikamente als strukturelles Risiko für Schokoladenhersteller. Wie steht Lindt & Sprüngli dazu?

Wir haben das selbst analysiert mit einer repräsentativen Studie in Amerika. In den USA hat GLP-1 eine Haushaltspenetration von 15 Prozent. Das Ergebnis: Der Einfluss auf unsere Verkäufe ist eher positiv als negativ. Zwar gehen Segmente wie Eiscreme, Pizza oder Cheesecake zurück. Aber die Studie hat gezeigt, dass GLP-1-Patienten trotzdem nicht auf etwas Süsses verzichten wollen und dann eher zu hochwertigen Produkten wie Lindt greifen. Man könnte sogar sagen, es ist ein Wachstumstreiber.

Lindt erhöht die Dividende nun zum 30. Mal in Folge - auch in einem Jahr mit Volumenrückgang. Können Sie das aufrechterhalten?

Ja. Wir schütten nur rund 57 Prozent des Gewinns aus, nicht 80 oder 90 Prozent. Unsere Dividendenrendite liegt bei rund 1,5 Prozent. Und der Free Cashflow wird sich normalisieren: 2025 haben wir 320 Millionen Franken in teurem Kakao-Lagerbestand gebunden. Das löst sich 2026 auf. Wir sind sehr zuversichtlich, einen Free Cashflow von 10 Prozent des Umsatzes, also 600 Millionen Franken oder mehr,  zu erreichen. Damit können wir die progressive Dividendenpolitik fortsetzen.

Kritiker sagen, das Kapital wäre aber besser in Wachstum investiert...

Wir machen beides. In den letzten drei Jahren haben wir fast 6 Prozent des Umsatzes in Capex investiert. Das heisst neue Läden, neue Produktionslinien in Amerika, neue IT-Systeme. Obwohl wir das alles machen, haben wir trotzdem genug Cash. Unser Eigenkapital liegt bei fast 55 Prozent. Es geht also beides.

Martin Hug ist seit 2017 Finanzchef und Mitglied der Konzernleitung von Lindt & Sprüngli. Er verantwortet Finanzen, IT, Einkauf und Nachhaltigkeit. Der Wirtschaftswissenschaftler begann seine Karriere im lateinamerikanischen Kaffeehandel, bevor er 2004 als Senior Controller zu Lindt & Sprüngli stiess. Vor seiner heutigen Rolle war er CFO von Lindt & Sprüngli UK sowie der amerikanischen Tochter Ghirardelli Chocolate Company.

 

 

Monique Misteli Ringier
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