Während die hiesigen Pharma-Riesen Novartis und Roche an der Börse seit Jahren für stabile Renditen sorgen, durchlebt der deutsche Konkurrent Bayer eine «verlorene Dekade». 2015 erreichte die Aktie ihr Allzeithoch von 137,72 Euro, Heute notiert sie bei 43,72 Euro - immer noch 68 Prozent unter ihrem Höchststand.

Doch nach Jahren des Stillstands im Milliarden-Rechtsstreit um den Unkrautvernichter Glyphosat verdichten sich nun die Anzeichen, dass 2026 die Weichen neu gestellt werden könnten.

108 Prozent Kurssprung in 52 Wochen - DAX abgehängt

In den vergangenen 52 Wochen hat die Aktie von Bayer 108,65 Prozent zugelegt - und damit den DAX um Längen geschlagen. Zum Vergleich: Der deutsche Leitindex legte im gleichen Zeitraum nur 19 Prozent zu. Seit Jahresbeginn 2026 steht Bayer bereits mit einem Plus von 20 Prozent da, während der DAX lediglich 2 Prozent gewonnen hat.

Noch drastischer wird der Aufstieg, wenn man auf die jüngste Entwicklung blickt: Seit November 2025 geht es steil bergauf. Im April 2025 kostete eine Bayer-Aktie 18,65 Euro - der tiefste Stand seit zwei Jahrzehnten. Das bedeutet: eine Verdopplung in weniger als einem Jahr. Zur Erinnerung: am Dienstag kostet eine Aktie rund 43 Euro.

Bayer mit Sitz in Leverkusen und einer Marktkapitalisierung von 42,9 Milliarden Euro verdankt seinen jüngsten Aufstieg vor allem einer überraschenden Entwicklung in den USA. Mitte Januar 2026 gab der Supreme Court bekannt, dass er den Glyphosat-Fall von Bayer annimmt. Eine Entscheidung wird bis Juni 2026 erwartet.

Sollte der Supreme Court feststellen, dass die Glyphosat-Zulassung durch die nationale Umweltbehörde EPA Klagen auf Ebene der Bundesstaaten ausschliesst, wäre dem Grossteil der rund 65'000 offenen Klagen die Grundlage entzogen. Laut JPMorgan könnten die Rückstellungen um rund 5 Milliarden Euro reduziert werden.

Analysten (noch) gespalten

Die jüngste Kursexplosion sorgt bei Analysten für gemischte Gefühle. Laut Bloomberg-Daten empfehlen derzeit 13 Analysten die Aktie zum Kauf, 9 raten zum Halten, und nur einer empfiehlt den Verkauf. Das durchschnittliche Kursziel für die nächsten 12 Monate liegt bei 43,17 Euro.

Das Problem: Der aktuelle Kurs von 43,72 Euro hat dieses Ziel bereits übertroffen. Die Aktie notiert damit über dem Konsens – ein Zeichen dafür, dass die Rally möglicherweise zu schnell gelaufen ist. Einzelne Investmentbanken zeigen sich allerdings deutlich optimistischer: MWB Research sieht ein Kursziel von 54 Euro. JPMorgan und Exane BNP Paribas peilen 50 Euro an.

«Make-or-Break-Geschichte» für CEO Anderson

Der aktuelle CEO William N. «Bill» Anderson, der vor zweieinhalb Jahren antrat, will die Rechtsstreitigkeiten bis Ende 2026 eindämmen. Für ihn wird das Jahr damit zu einer «Make-or-Break-Geschichte», wie Finanzexperte Ingo Speich des deutschen Kreditinstituts Deka jünst zur Nachrichtenagentur Reuters sagte.

Zurzeit kämpft Bayer mit den Nachwirkungen der Monsanto-Übernahme von 2018 für 63 Milliarden Dollar. Von ursprünglich 197'000 angemeldeten Glyphosat-Ansprüchen wurden zwar 132'000 verglichen oder abgelehnt, doch 65'000 Klagen sind noch immer anhängig.

Doch Anderson setzt nicht nur auf juristische Erfolge. In der Pharmasparte vermelden die Leverkusener neue Erfolge: Der Gerinnungshemmer Asundexian, den viele nach einem Studienflop 2023 bereits abgeschrieben hatten, punktete Ende 2025 in einer anderen Indikation. Die Aktie sprang daraufhin um 10,5 Prozent nach oben.

Laut Bloomberg-Prognosen soll der Gewinn pro Aktie von 4,75 Euro im abgelaufenen Jahr auf 4,79 Euro im Jahr 2026 und auf 5,25 Euro im Jahr 2027 steigen. Der Umsatz soll bis 2027 auf 46,8 Milliarden Euro wachsen – ein moderates Tempo.

Gewinnmitnahmen oder Turnaround?

Die Aktie war in den vergangenen Jahren kein Geldsegen für Dividendenjäger. Wie Bloomberg-Daten zeigen, beträgt die Cash-Dividende magere 0,11 Euro je Aktie. Das Fünf-Jahres-Dividendenwachstum war mit minus 47,66 Prozent negativ.

Die brennende Frage also: Soll man eine derart heiss gelaufene Aktie wie Bayer noch kaufen? Nach einer Verdopplung in weniger als einem Jahr und einem Kurs, der bereits über dem durchschnittlichen Analystenziel liegt, spricht vieles für Vorsicht.

Bayer ist keine Investition für defensive Anleger. Die Aktie bleibt eine Wette auf den Ausgang des Supreme-Court-Urteils im kommenden Juni. Gewinnt Bayer, könnten laut JPMorgan weitere 20 Prozent Kursgewinn möglich sein. Verliert der Konzern, droht ein massiver Rückschlag.

Hinzu kommt: Das operative Geschäft rechtfertigt die jüngste Rally kaum. Der Gewinn pro Aktie soll bis 2027 nur minimal von 4,75 auf 5,25 Euro steigen, der Umsatz wächst ebenfalls nur langsam. CEO Anderson selbst räumte ein, dass die Pharmapipeline dünn besetzt ist: «Wir hätten gerne mehr Produkte in der späten Entwicklungsphase.»

Für Anleger, die bereits investiert sind, stellt sich die Frage nach Gewinnmitnahmen. Technisch ist die Aktie nach der Rally überkauft.

Für Neueinsteiger gilt: Wer auf den Supreme Court setzt und das binäre Risiko tragen kann, findet in Bayer einen Turnaround-Kandidaten. Wer hingegen auf solide Fundamentaldaten und Dividenden Wert legt, sollte sich bei den hiesigen Nachbarn Novartis oder Roche umsehen. Denn bei Bayer entscheidet im Juni ein Gericht und nicht das Management.

Monique Misteli Ringier
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