«Man sollte sich nie damit zufrieden geben, unzufrieden zu sein»

Claudia Kraaz war Kader-Mitarbeiterin bei verschiedenen Finanzunternehmen. Heute berät sie als selbstständiger Stress-Coach ausgebrannte Manager. Teil V der cash-Interviewserie zum Thema «Berufliche Quereinsteiger».
22.12.2016 19:58
Interview: Pascal Züger
Claudia Kraaz coacht mit ihrer in Zürich ansässigen Firma "Stress and Balance" Führungskräfte.
Claudia Kraaz coacht mit ihrer in Zürich ansässigen Firma "Stress and Balance" Führungskräfte.
Bild: ZVG

Claudia Kraaz (49) führt seit 2014 mit ihrer Firma "Stress and Balance" Stress- und Burn-out-Präventions-Coachings sowie Business-Coachings für Führungskräfte durch und macht Resilienz-Trainings in Unternehmen. Zuvor war sie jahrelang als Kaderangestellte in der Unternehmenskommunikation tätig, unter anderem als stellvertretende Kommunikationchefin der Credit Suisse und als Kommunikationsleiterin der Bank Vontobel. Kraaz führte Teams von bis zu 50 Mitarbeitenden.

Das Gespräch mit Claudia Kraaz ist der fünfte und letzte Teil der cash-Interviewserie zum Jahresschluss. 2016 befasst sich cash mit dem Thema "Berufliche Quereinsteiger und Neuorientierung."

cash: Frau Kraaz, Sie arbeiteten bei verschiedenen Schweizer Banken und Versicherern, haben bis zu 50 Mitarbeitende geführt. Was hat Sie dazu bewogen, im Jahr 2014 in die Selbstständigkeit zu wechseln?

Claudia Kraaz: Ich war 13 Jahre lang in leitenden Funktionen im Kommunikationsbereich tätig. Die Zeit war sehr spannend, und ich stieg in der Karriereleiter weit nach oben. Mit der Zeit hatte ich jedoch immer mehr das Gefühl, dass ich einfach das kommuniziere, was andere beschliessen. Vom Typ her bin ich aber ein unternehmerischer Mensch. Ich wollte selber etwas machen, wo ich meine eigenen Ideen einbringen kann.

Wieso wechselten Sie ausgerechnet ins Coaching?

Als Chefin war ich zwar recht fordernd, brachte die Menschen aber auch gerne weiter. So entstand bei mir die Idee, etwas selber zu machen, was auch mit der Weiterentwicklung von Menschen zu tun hat. Nachdem ich meinen alten Beruf aufgab, nahm ich mir aber etwas Zeit, darüber nachzudenken, was ich wirklich machen wollte.

Wie lange mussten Sie früher arbeiten und wie lange heute?

Früher als Pressechefin bei der Credit Suisse ging ich häufig zwischen 5 und 6 Uhr morgens ins Büro und kam abends zwischen 18 und 23 Uhr wieder raus. Auch samstags und sonntags arbeitete ich oft. Ich war in einem Hamsterrad gefangen. Jetzt arbeite ich insgesamt weniger und bin auch viel flexibler. Aber gleichzeitig braucht es als Selbstständige noch mehr bewusstes Abschalten. Die Firma ist für mich wie mein drittes Baby, neben meinen zwei Töchtern. Ganz abzuschalten ist eine Herausforderung.

Vermissen Sie gewisse Dinge von damals?

Überhaupt nicht. Ich bin nun zwar ganz auf mich selber gestellt, was viele Leute nicht schätzen würden. Da ich aber Einzelcoaching-Kunden habe und für Vorträge und Workshops auch oft in Unternehmen gehe, habe ich für mich den idealen Mix aus 'alleine arbeiten' und 'unter die Leute gehen' gefunden.

Wie sieht es finanziell heute aus?

Ich verdiene zwar gut, aber so viel wie früher als Angestellte wird es nie mehr sein. Aber vermissen tue ich es nicht, da ich immer noch gut lebe und vor allem meine Berufung gefunden habe. Durch die Selbstständigkeit habe ich sehr viel dazu gewonnen. Ich darf diejenigen Dinge machen, für die ich im positiven Sinne brenne. Das gibt mir Energie.

Müssen Sie durch die Selbstständigkeit auch auf gewisse Dinge verzichten?

Ich konnte mir früher ein finanzielles Polster erarbeiten. Mein Mann und ich sahen uns immer als 'Päckli'. Mal verdiente der eine mehr, mal der andere. Beim Aufbau der Selbstständigkeit unterstützte er mich, umgekehrt unterstützte ich ihn in der Vergangenheit. In den ersten sechs Monaten mit meiner eigenen Firma nahm ich keinen Rappen ein. Das musste ich mir natürlich finanziell leisten können.

Sie haben den Schritt nie bereut?

Überhaupt nicht. Mein Mann war früher wie ich Kommunikationschef und macht heute ebenfalls etwas anderes. Wir wussten immer, dass wir einen Risikoberuf ausübten. Wenn der CEO wechselte, war auch unsere Stelle gefährdet. Wir pflegten bewusst nie einen teuren Lebensstil, um die Freiheit zu haben, zu gehen, wenn es im Beruf nicht mehr stimmte. Auch heute ist es noch so, dass ich die Freiheit sehr hoch gewichte. Ich bin ja niemandem Rechenschaft schuldig, was ich mit meiner Zeit mache. Ich könnte mir keine befriedigendere Art zu arbeiten vorstellen.

Sie coachen Führungspersonen, welche auf ein Burn-out zusteuern. Wie geraten Personen in eine solche Situation?

Die Gründe sind sehr individuell, trotzdem gibt es einige Haupttreiber. Externe Treiber sind zum Beispiel der Zeitdruck, zu viel Arbeit und mangelnde Wertschätzung durch den Vorgesetzten. Aber es gibt auch interne, also hausgemachte Treiber: Zum Beispiel Nicht-Nein-Sagen-Können oder perfektionistisch sein. Es gibt kein Burn-out nur aufgrund von externen Faktoren, man muss auch eine gewisse Veranlagung dazu haben. Häufig sind es sehr engagierte Leute. Solche, die Dinge immer noch besser machen wollen. Faule Leute erleiden kein Burn-out.

Gibt es Branchen, die besonders anfällig für Burn-outs sind?

Leute im unterstützenden, dienenden Bereich sind speziell anfällig, weil sie eine besondere Veranlagung haben, etwas für andere tun zu wollen. Also zum Beispiel Pfleger oder Lehrer. In der klassischen Wirtschaft glaube ich aber nicht, dass branchenspezifische Aussagen gemacht werden können.

Wie sieht es bezüglich Hierarchiestufe aus?

Am meisten unter Druck ist grundsätzlich das mittlere Management. Dieses ist für Mitarbeitende verantwortlich, hat aber auch selber einen Chef. Sie haben Druck von oben, aber auch von unten und sind daher in einer Sandwich-Position gefangen. Ihnen fehlt auch häufig der Gestaltungsfreiraum, welchen das höhere Management geniesst.

Sie geben Vorträge und Workshops zum Thema Resilienz, also über die psychische Widerstandsfähigkeit. Ist das heutige Arbeitsumfeld anspruchsvoller geworden?

Die Geschwindigkeit der Veränderungen hat sich erhöht. Und es wäre eine Illusion zu glauben, dass unsere Wirtschaftswelt wieder ruhiger und gemütlicher werden wird. Unternehmen fühlen sich unter Druck, ständig Anpassungen vorzunehmen. Wir können uns nicht dagegen wehren. Deshalb ist es wichtig, zu lernen, mit dieser zunehmenden Geschwindigkeit der Veränderung gut umgehen zu können.

Auch Führungskräfte, die sich weiterentwickeln wollen, lassen sich von Ihnen coachen. Ist da oftmals der Wunsch vorhanden, etwas völlig Neues zu wagen?

Im Moment setzten sich gerade vier meiner Coaching-Kundinnen und -Kunden genau mit diesem Thema auseinander. Gerade um das Alter 50 stellen sich viele Fragen wie: 'Was mache ich jetzt noch mit dem Rest meines beruflichen Lebens? Soll es etwas ganz anderes sein?'  Es gibt aber auch Führungskräfte, die mit anderen Themen zu mir kommen, zum Beispiel Leute, die zum ersten Mal Leute führen, die selber Mitarbeitende führen, oder solche, die ihren Führungsstil reflektieren wollen.

Ist es ab einem gewissen Alter zu spät, den Beruf zu wechseln?

Man sollte sich nie damit zufrieden geben, unzufrieden zu sein. Natürlich muss man zu einem gewissen Grad auch pragmatisch sein, da es bestimmte Verpflichtungen gibt. Aber Veränderungen sind immer möglich, sei es im Kleinen oder Grossen. Wichtig ist, sich selber zu fragen: 'Was würde ich am liebsten machen? Was liegt mir am meisten?' Dann gilt es abzuchecken, ob das auch realisiert werden kann und wie.

Wagen auch viele den Berufsumstieg nicht?

Es gibt sicher solche, die im angestammten Beruf bleiben. Aber wer zu mir ins Coaching kommt, hat bereits einen grossen Schritt gemacht und will sich auf irgendeine Art verändern. Es kann auch sein, dass die Person zum Schluss kommt, im jetzigen Beruf bleiben zu wollen, aber gewisse Dinge im Umfeld einfach nicht stimmig sind. Zum Beispiel ist sie nicht für eine grosse Firma gemacht und wechselt dann in ein KMU. Oder sie will keine Führungsposition mehr. Entscheidend ist der Prozess, den wir zusammen machen, und dass die Person nachher weiss, was sie will.

Bisher erschienen in der cash-Interviewserie "Berufliche Quereinsteiger und Neuorientierung":

Vom Devisen-Profi zum zuhörenden Coach (21.12)

Von der Dentalassistentin zur Trampilotin: Nadia Marbet (20.12.)

Vom Lehrer zum Theologen: Walter Weibel (19.12.)

Vom Banker zum Weinbauer: Marcel Bühler (18.12.)