cash.ch: Es gibt zunehmend Stimmen, die die heutige Position der USA mit der Grossbritanniens vor dem Ersten Weltkrieg vergleichen: eine jahrzehntelang unangefochtene Hegemonie, die globale Sicherheit und Wohlstand garantierte - nun auf dem absteigenden Ast. Wie bewerten Sie diese Parallele?
Tobias Straumann: Parallelen sind immer interessant, weil sie gewisse Dinge klarer machen. Die Unterschiede sind aber meines Erachtens viel relevanter. Die Dominanz von Grossbritannien beruhte einerseits auf dem Frühstart bei der Industrialisierung. Das gab einen enormen wirtschaftlichen Vorsprung. Andererseits stützte sie sich auf das British Empire. Beides hatte ein Ablaufdatum. Auch ist die Bevölkerung Grossbritanniens im Verhältnis zur Weltbevölkerung nicht mit derjenigen der USA heute vergleichbar. Bei Grossbritannien war der Niedergang viel plötzlicher durch die beiden Weltkriege und den Verlust des Empire. Dieses Szenario droht den USA nicht - zumal sie kein solches Reich besitzen und zwei Weltkriege noch sehr unwahrscheinlich sind.
Die zweite industrielle Revolution führte in Grossbritannien zu politischer Instabilität. Heute zeigen sich viele Parallelen in den USA gegenüber China, und ähnlich wie damals in Grossbritannien reagieren die USA heute mit Handelsbarrieren. Wie geht es weiter?
Aufholende Volkswirtschaften haben immer einen grossen Vorteil: Sie können bestimmte Zwischenstufen überspringen, weil sie sofort die neuesten Technologien einsetzen. So hat Deutschland damals in den Bereichen Chemie, Elektrizität, Pharmazie oder Verbrennungsmotoren sehr schnell aufgeholt. Ausserdem war das Ausbildungssystem eindeutig besser. Das hat das geopolitische Gleichgewicht in Europa geschwächt. Der historische Vergleich hinkt aber wiederum. Die USA sind im Unterschied zu Grossbritannien bei bestimmten Technologien an der Spitze. Das Problem der amerikanischen Wirtschaft sehe ich eher in der Mitte.
Was heisst das?
Die Schweiz ist so ein Land der Mitte, des guten Durchschnitts. Wir haben wenige geniale Unternehmer. Auch die Universitäten sind - mit Ausnahme der ETH - nicht in der Topliga. Aber sie bieten eine gute Ausbildung und sind wenigstens in bestimmten Gebieten ausgezeichnet. Zudem besitzen wir ein hervorragendes Berufsbildungssystem, weshalb die normalen Fachkräfte exzellent ausgebildet sind. Kurz: Die Schweiz hat einen starken Mittelstand. Die USA hingegen verfügen über die absoluten Spitzenkräfte und sind in diesem Bereich führend. Zudem hat das Land enorm viele günstige Arbeitskräfte. Aber ihnen fehlt diese Mitte.
Grossbritannien verlor seine Vormachtstellung endgültig, als das Pfund als globale Leitwährung abdankte. Die USA sind heute historisch hoch verschuldet und haben ihre Währung bereits als Druckmittel gegen andere Staaten eingesetzt. Der Dollar verliert daher an Attraktivität - droht ihm ein ähnliches Schicksal?
Der Abstieg des Pfunds hing sehr stark mit dem Ersten und natürlich dem Zweiten Weltkrieg zusammen sowie mit dem Zusammenbruch des Kolonialreichs. Leitwährungen haben grundsätzlich eine sehr lange Beständigkeit. Eine bestehende Ordnung kann sich - wenn sie nicht plötzlich und disruptiv zusammenbricht - tatsächlich lange halten, bis sich eine neue Währung etabliert. Solange es keine überzeugende Alternative zum Dollar gibt, verläuft diese Entwicklung schleppend. Aktuell kommen weder der Yuan noch der Euro als Nachfolger infrage. Der Dollar wird irgendwann seine dominierende Rolle verlieren - bis dahin dauert es jedoch noch.
Die USA verbreiteten über viele Jahrzehnte ihre Werte: demokratische Prinzipien, internationale Institutionen und Welthandel. Heute machen die USA gewisse Errungenschaften rückgängig. Was sind die Folgen für die Globalisierung?
Ich glaube nicht, dass die USA die Weltordnung zerstören, sondern dass China dies tut. China ist zwar internationalen Institutionen wie der WTO beigetreten, hat aber eine Handelspolitik betrieben, die nichts mit Freihandel zu tun hat. Nun reagieren die Amerikaner, weil die Kosten zu hoch wurden. Hier gibt es durchaus Parallelen zu früheren Zeiten: Wie China sind die USA unglaublich schnell aufgestiegen, doch die Integration in die Weltmärkte hat relativ lange gedauert. Im 19. und 20. Jahrhundert waren die USA etwa im Industriebereich eine protektionistische Macht, und ihre Rolle als quasi zweite globale Zentralbank haben sie in der Weltwirtschaftskrise nicht gut erfüllt.
Wie wuchsen die USA schliesslich in diese Führungsrolle hinein?
Nach dem Zweiten Weltkrieg übernehmen die USA Verantwortung. Der Transfer von London nach Washington und New York war aber kein grosser Schritt, denn er vollzog sich innerhalb des ehemaligen British Empire. Die Vorstellung, Peking könnte die liberale Weltordnung weiterführen, ist hingegen unvorstellbar. Bei China fehlt die Bereitschaft, öffentliche Güter wie Freihandel herzustellen.
China wird vielleicht keine Verantwortung übernehmen können. Vielfach wird aber Indien vergessen - politisch und ideologisch viel näher an einer liberalen Weltordnung und verfolgt ebenfalls eine starke Aussenpolitik. Kann Indien die Lücke füllen?
Nein, Indien wird sehr lange brauchen, bis es die nötige wirtschaftliche Stärke erreichen wird, um als Grossmacht in der Weltpolitik eine dominante Rolle zu spielen. Die aktuelle Aussenpolitik ist für sie derweil rational: für sich zu schauen und sich zwischen den bestehenden Mächten möglichst flexibel zu positionieren.
Wie sollten sich Schweizer Unternehmen in einer solchen multipolaren Welt, in der die grossen Mächte nur noch auf sich schauen, positionieren?
Die multinationalen Konzerne sind für eine multipolare Welt bestens gewappnet, weil sie intern verlagern können. Sie sind auch in dem Sinne nicht an einen Standort gebunden. Das ist eine Erfahrung, die bis in die 1880er-Jahre zurückreicht, als erstmals protektionistische Massnahmen ergriffen wurden. Damals begann man, die Produktion zu dezentralisieren: Die Basler Chemie verlagerte Kapazitäten nach Frankreich und Deutschland, die Maschinenindustrie ging ins europäische Ausland, die Textilindustrie später nach Asien. Für den Wirtschaftsstandort Schweiz bedeutet diese Flexibilität der Konzerne allerdings nicht zwingend einen Vorteil.
Wie muss sich das Land also positionieren, um wirtschaftlich an der Spitze zu bleiben?
Im Grunde so weitermachen wie bisher: Mit allen Parteien versuchen, die bestmöglichen Verträge abzuschliessen, und die eigene Flexibilität wahren. Es hat der Schweiz historisch immer geholfen, dass sie mit allen Seiten Handel treiben konnte. Etwas anderes bleibt uns auch gar nicht übrig. Gerade in unsicheren Zeiten sollte man sich hüten, strategische Vorentscheidungen zu treffen, die uns künftig einschränken. Die geopolitische Lage kann sich schon in einem halben Jahr komplett drehen - und dann muss man handlungsfähig bleiben.
Themawechsel zu den Technologieblasen: Wie schneidet der aktuelle KI-Hype im Vergleich zu den grossen Blasen der Vergangenheit ab?
Bei früheren Technologieblasen war oft die Finanzierung oder ein extremes Missverhältnis zwischen kurzfristigen Schulden und langfristigem Kapital der Auslöser für den Crash. Ich bin kein Anleger, aber ich würde die Verschuldung der betroffenen Tech-Unternehmen sehr genau beobachten. Zudem gilt: Bäume wachsen nicht in den Himmel. Die Entwicklung der Aktienkurse muss langfristig mit dem realen Wirtschafts- oder Produktivitätswachstum Schritt halten. Weicht der Markt zu lange und zu stark davon ab, ist eine Korrektur nur eine Frage der Zeit.
Was genau gab in früheren Epochen den Ausschlag für das Platzen?
Meistens war es ein Zinsschock. Das war in den 1920er-Jahren ebenso der Fall wie in den späten 1990er-Jahren oder im 19. Jahrhundert. Historisch zeigt sich: Wann immer die Zinsen drastisch stiegen, folgte zeitnah eine Korrektur an den Finanzmärkten oder eine Schuldenkrise - etwa in den Schwellenländern Asiens oder Lateinamerikas. Letztlich läuft es immer auf diesen Finanzierungs-Mismatch hinaus.
Und was trieb wiederum die Zinsen in die Höhe?
Zur Hälfte waren es exogene Schocks, zur anderen Hälfte hausgemachte geldpolitische Entscheidungen. In den 1920er-Jahren ging man etwa ganz bewusst gegen den grassierenden Börsenboom vor: Die Zentralbanken hoben die Zinsen so lange an, bis sich am Finanzmarkt Liquiditätsprobleme zeigten. In den späten 1990er- und Mitte der 2000er-Jahre wollte man hingegen eine Überhitzung der Realwirtschaft verhindern. Doch auch damals schoss man schlussendlich über das Ziel hinaus.
Die Zinsen absichtlich so stark anzuheben, dass der Markt einbricht - das ist heute kaum vorstellbar…
Früher haben die Notenbanken deutlich weniger Rücksicht auf die Aktienmärkte genommen. Heute versuchen sie, mit einer Politik der niedrigen Zinsen die unvermeidliche Marktbereinigung hinauszuzögern. Man hofft wohl, nie wieder in das klassische Dilemma der Vergangenheit zu geraten.
Zurück zum technologischen Fortschritt. Dieser war schon immer von grosser Unsicherheit begleitet: Kurzfristig wird das Potenzial meist überschätzt, langfristig jedoch unterschätzt. Bei der KI dürfte das kaum anders sein…
In den 1920er-Jahren waren es das Radio, die Elektrifizierung und Autos für den Massenmarkt. All das hat sich langfristig durchgesetzt - genau wie später das Internet. Ich finde ein Platzen der Blase gar nicht so schlimm. Natürlich wäre ein geordnetes Wachstum wünschenswert. Aber spekulative Übertreibungen an den Börsen entfachen eben auch die nötige Euphorie und lenken Kapital in neue Technologien. Und das ist gut. Schliesslich kann man mit Börsencrashs eigentlich recht gut umgehen. Wirklich gefährlich sind hingegen Immobilienkrisen - denn diese treffen direkt die Bankenbilanzen und haben verheerende Auswirkungen auf die Realwirtschaft.
Tobias Straumann ist Wirtschaftshistoriker und Titularprofessor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich. Er forscht vor allem über die europäische Geld- und Finanzgeschichte sowie über die Wirtschaftsgeschichte und -politik der Schweiz.

