Es klingt verlockend und einfach: Wer investiert, baut sein Vermögen auf. Und wer das will, kommt an den Finanzmärkten kaum vorbei. Bargeld verliert über die Zeit an Kaufkraft, Sparkonten werfen kaum Zinsen ab – und historisch betrachtet haben Aktienmärkte langfristig mehr Rendite gebracht als jede andere Anlageklasse.
Investieren klingt also verlockend, einfach und logisch. Aber nur für jene, die überhaupt etwas zu investieren haben. Und da wird es kompliziert, auch in der vermeintlich reichen Schweiz.
Reich im Durchschnitt, ungleich in der Realität
Das Gesamtvermögen ist in der Schweiz laut SNB-Daten 2024 auf 4'480 Milliarden Franken angewachsen – mehr als doppelt so viel wie vor 20 Jahren. Hauptgründe sind stark gestiegene Immobilien- und Aktienkurse, hohe Kapitalzuflüsse aus dem Ausland sowie eine niedrige Erbschaftssteuer.
Doch dieses Wachstum kommt nicht allen gleichermassen zugute: Laut einer Studie von Brülhart, Fuster, Martinez und Moseka besitzt das reichste Prozent der Bevölkerung rund 45 Prozent des steuerbaren Gesamtvermögens.
Auf eine Person herunter gerechnet, besitzt laut dem UBS Global Wealth Report 2025 besitzt eine erwachsene Person in der Schweiz im Durchschnitt rund 560'000 Franken Vermögen, ein internationaler Top-Wert.
Doch Durchschnittswerte verzerren: Weil sich ein Grossteil der Vermögen auf wenige Menschen konzentriert, zieht das den Durchschnitt nach oben. Aussagekräftiger ist der Medianwert von 150'000 Franken. Die Hälfte der Bevölkerung besitzt also weniger als das. Die Differenz zwischen Durchschnitt und Median beträgt 270 Prozent – ein klares Mass für die Ungleichverteilung.
Wer hat, dem wird gegeben
Neben wachsenden Vermögen gewinnen Erbschaften und Schenkungen zunehmend an Bedeutung. Auf den ersten Blick klingt das ausgleichend: Vermögen werden auf mehrere Erben verteilt, also breiter gestreut. Langfristig ergibt sich jedoch ein anderes Bild.
Eine Langzeitstudie aus Schweden, 2023 im Fachjournal «Review of Economic Studies» erschienen, zeigt: Entscheidend ist nicht ob, sondern wie viel man erbt. Wer einige tausend oder einige zehntausend Franken erhält, gibt das Geld meist rasch aus - für ein Auto, Ferien, dringende Anschaffungen. Nach fünf bis zehn Jahren ist es aufgebraucht.
Wer dagegen Millionen erbt - und das sind meist Menschen, die bereits vermögend sind - investiert einen Grossteil davon. Als Beispiel: Wer 500'000 Franken erbt und davon 400'000 in einem ETF-Aktienportfolio anlegt, hat nach 20 Jahren bei einer angenommenen durchschnittlichen Rendite von 7 Prozent pro Jahr über 1,5 Millionen Franken, ohne einen weiteren Franken einzuzahlen. Mittelfristig verstärken Erbschaften die Vermögensungleichheit also tendenziell, statt sie abzubauen. Quasi nach dem Motto: Wer hat, dem wird gegeben.
Was das in der Praxis bedeutet, zeigt ein Vergleich dreier fiktiver Haushalte:
| Tieflohn- haushalt |
Mittlerer Haushalt | Wohlhabender Haushalt | |
| Bankguthaben | 5'000 CHF | 30'000 CHF | 80'000 CHF |
| Wertschriften | – | – | 150'000 CHF |
| Immobilien (schuldenfreier Anteil) | – | – | 200'000 CHF |
| Sonstige Vermögenswerte | – | – | 20'000 CHF |
| Abzüglich Leasing/Schulden | −3'000 CHF | – | – |
| Reinvermögen | 2'000 CHF | 30'000 CHF | 450'000 CHF |
| Notfallreserve (3 Monatslöhne) | −2'000 CHF | −10'000 CHF | −15'000 CHF |
| Investierbarer Betrag | 0 CHF | ~20'000 CHF | ~435'000 CHF |
Tabelle: Pensionskassengelder (2. Säule) und Säule 3a sind in keinem der Profile enthalten, da sie zweckgebunden sind.
Beim Tieflohnhaushalt beträgt das Reinvermögen zwar 2'000 Franken. Doch dieser Betrag ist längst verplant: für Steuern, den nächsten Zahnarztbesuch, unerwartete Ausgaben. Die Notfallreserve braucht ihn vollständig auf, sodass nichts zum Investieren übrig bleibt.
Die Frage lautet also nicht nur: Will ich investieren? Sondern: Kann ich es überhaupt, ohne Aussicht auf eine Erbschaft oder eine Schenkung zu haben?
Ja, es geht - aber mit Bedingungen
Tonia Zimmermann, Anlageexpertin und Co-Gründerin der Finanzplattform Umushroom, und Ralf Beyeler, Geldexperte bei Moneyland.ch, sind sich einig: Ja, Investieren ohne grosses Startkapital sei heute möglich. Neuere Broker böten Sparpläne an, bei denen die Transaktionskosten sehr niedrig oder gar hinfällig seien. «Somit ist es heute gut möglich, kleine Beträge periodisch zu investieren und Vermögen aufzubauen», so Zimmermann.
Bevor man aber den ersten Franken anlegt, braucht es laut Beyeler eine Grundlage: einen Notgroschen. Dessen Höhe sei individuell – eine grobe Richtschnur seien die Ausgaben von ein bis drei Monaten. Wer eine Familie, ein Haus oder ein Auto hat, solle etwas mehr auf der Seite haben; als Student könne es auch etwas weniger sein. Wichtig sei, dass unvorhergesehene Rechnungen (Franchise, Zahnarzt, Autoreparatur) bezahlt werden könnten, ohne dass Wertschriften verkauft werden müssten. «Auch wenn man noch dabei ist, einen Notgroschen aufzubauen, kann trotzdem bereits nebenbei ein kleiner Betrag investiert werden», so Beyeler.
Ist die Reserve vorhanden, rät Beyeler zu einer klaren Reihenfolge: zuerst die Säule 3a einzuzahlen, idealerweise in Wertschriftenlösungen mit hohem Aktienanteil – sofern das persönliche Risikoprofil passt. Ist danach noch Geld übrig oder möchte man nicht zu viel in die gebundene Vorsorge stecken, seien freie Sparpläne eine gute Ergänzung. Einen Einkauf in die Pensionskasse empfiehlt er erst etwa ab 50 Jahren oder bei einem hohen Einkommen, um die Steuerbelastung zu senken, so Beyeler.
Der Zeitfaktor: Je früher desto besser
Besonders wichtig ist laut beiden Experten der Zeitfaktor. Je früher man investiere und je länger das Geld angelegt bleibe, desto stärker wirke der Zinseszinseffekt. Zimmermanns Rechenbeispiel: Wer monatlich 50 Franken mit mittlerem Risiko über 40 Jahre anlegt, kann am Ende rund 130'000 Franken erwarten - rund 80 Prozent davon aus Anlageerträgen, nur 20 Prozent aus eigenen Einzahlungen. Beyeler rechnet es ähnlich vor: 100 Franken monatlich über 30 Jahre, bei einer angenommenen Rendite von 6 Prozent pro Jahr, ergeben rund 100'000 Franken bei einer gesamten Einzahlung von 36'000 Franken.
Auch wer erst spät beginnt, sollte nicht zögern. «Es ist nie zu spät, mit dem Investieren anzufangen», sagt Beyeler – vorausgesetzt, der Anlagehorizont betrage noch mindestens zehn Jahre. Zimmermann pflichtet bei: Wer mit 50 Jahren zu investieren beginne, habe oft noch einen Horizont von 20 Jahren vor sich. In dieser Zeit könnten die Zinseszinserträge gut die Hälfte des eingesetzten Kapitals ausmachen. Hinzu kommt: Auch Bargeld zu halten sei nicht ohne Risiko. Inflation entwerte das Ersparte laufend - auch in der Schweiz. Mit dem gleichen Betrag lasse sich über die Zeit schlicht weniger kaufen, so die Expertin.
Zudem rät sie, regelmässig und kontinuierlich zu investieren statt auf den richtigen Moment zu warten: Da Marktschwankungen kaum vorherzusagen seien, lohne es sich, Beträge über eine längere Zeitspanne zu verteilen und das Investieren zur Gewohnheit zu machen.
Welche Anlagen für wen?
Für Einsteiger mit kleinem Budget empfiehlt Beyeler vor allem eines: breit diversifizieren. Den Kern sollten Aktien bilden, die je nach Bedürfnis um Edelmetalle, Rohstoffe, Immobilien oder Kryptowährungen ergänzt werden können. Wer sich nicht mit einzelnen Titeln befassen möchte, hat zwei grundlegende Optionen: selbst über einen Broker in ETF investieren - etwa einen Welt-ETF, der die globalen Aktienmärkte abbildet, oder einen digitalen Vermögensverwalter beauftragen, der das Rebalancing übernimmt, dafür aber etwas mehr kostet. Strategiefonds bei Banken seien zwar ebenfalls möglich, in der Regel aber vergleichsweise teuer.
Zimmermann empfiehlt für kleine Budgets ebenfalls eine breit abgestützte Anlage in Aktienmärkte sowie Cash. Die entscheidende Faustregel beider Experten: nur Geld anlegen, das man kurzfristig entbehren kann. Wer mit Kursschwankungen schlecht schlafen kann, solle lieber den Anteil reduzieren oder das Geld auf dem Sparkonto lassen.
Vorsorge versus freie Anlage
Eine letzte Frage stellt sich für Menschen mit knappem Budget: Soll das erste freie Geld zuerst in die private Vorsorge, also in die Säule 3a oder direkt in freie Finanzanlagen fliessen?
Beyeler empfiehlt klar die Säule 3a als ersten Schritt - wegen der Steuervorteile und der Möglichkeit, dort ebenfalls in Wertschriften zu investieren. Zimmermann sieht dies im Grundsatz gleich, gibt aber zu bedenken, dass das Geld dort bis zur Pensionierung gebunden ist. «Die zentrale Frage ist: Für was spare und investiere ich und welche Lösung bietet mir dazu den besten Rahmen?»

