Mitja Schulz im cash-Interview - Gurit-CEO: «Wir wissen sehr gut, warum die Fantasie im Aktienkurs weniger geworden ist»

Mitja Schulz hat ein turbulentes erstes Jahr als CEO des Windzulieferers Gurit hinter sich. Im cash-Interview zieht er ein erstes Zwischenfazit und erklärt den starken Kursverfall der Gurit-Aktie.
05.12.2021 20:12
Interview: Henning Hölder
Mitja Schulz ist seit Januar 2021 CEO von Gurit.
Mitja Schulz ist seit Januar 2021 CEO von Gurit.
Bild: ZVG

cash.ch: Herr Schulz, seit dem Hoch im Januar hat sich der Aktienkurs von Gurit nahezu halbiert. Beim Blick auf den Aktienchart kann einem als Aktionärin oder als Aktionär Angst und Bange werden. Ihnen auch?

Mitja Schulz: Man muss da fairerweise den Betrachtungszeitraum ein bisschen weiter aufmachen. Dann sieht man, dass die Kurve vor dem Januar 2021 ziemlich bergauf ging. Das spiegelt sehr gut die Dynamik der Windindustrie wider. 2020 war ein absolutes Rekordjahr für Wind-Installationen, wohingegen 2021 im Vergleich sehr ernüchternd war. Die Botschaften, die wir von unseren Wind-Kunden erhalten, deuten darauf hin, dass die Branche auch im 2022 eher moderat wächst. Insofern braucht es aus Aktionärssicht natürlich ein wenig Geduld und Vertrauen in die langfristig sehr guten Wachstumsprognosen für Wind.

Kursverlauf der Gurit-Aktie in den letzten fünf Jahren, Grafik: cash.ch. 

Gurit kann sich der Flaute in der Windenergie-Wirtschaft nicht entziehen. 

Das vorübergehende Abflauen der Branche schlägt sich in unseren Zahlen nieder. Als unmittelbare Konsequenz des globalen Marktrückgangs mussten wir unsere Prognose für 2021 kürzen. Andererseits sehen wir sehr erfreuliche Marktentwicklungen in den Bereichen Marine, Industrial und Aerospace. 

Beunruhigt Sie der Blick auf den Aktienchart? 

Nein. Wir wissen sehr gut, was ökonomisch im Aktienkurs reflektiert ist und warum die Fantasie ein Stück weit weniger geworden ist. Aus meiner Sicht sind zwei Dinge aktuell ganz wichtig. Erstens haben wir eine Fünf-Jahres-Strategie, die wir konsequent weiter exekutieren werden. Die Zukunftsperspektiven für Windenergie sind durchaus intakt, der globale Bedarf an Elektrizität, gewonnen aus erneuerbaren Energien, steigt und Windkraft wird auch in der Klimapolitik eine immer wichtigere Rolle spielen. Zweitens haben wir im kurzfristigen Bereich Massnahmen eingeleitet, um unsere Strukturen und Kostenpositionen der aktuellen Situation anzupassen. 

2022 wird also ebenfalls kein einfaches Jahr. Habe ich Sie richtig verstanden, dass es die Aktie bis auf weiteres schwer haben wird, Avancen nach oben zu machen?   

Ich weiss, was uns unsere Kunden aus der Windbranche erzählen. Getrieben durch moderate Wachstumsentwicklungen in Europa und in Schwellenländern erwarten diese Unternehmen ein 'schwieriges Marktumfeld' für 2022. Auch aus Nordamerika kommt Gegenwind, weil dort Subventionen ausgelaufen sind. Das US-Infrastrukturpaket von Präsident Joe Biden ist durch den Kongress gekommen und muss nur noch vom Senat bestätigt werden. Die daraus resultierenden Impulse werden kurzfristig noch nicht spürbar sein. Daher erwartet man in der Branche für das Jahr 2022 noch kein starkes Wachstum. Hinzu kommt, dass auch der wichtige chinesische Markt noch etwas verhalten ist. Für die Bereiche Marine, Industrial und Aerospace erwarten wir hingegen ein weiteres starkes Jahr mit überdurchschnittlichem Wachstum.

Und auch das Thema Corona lässt die Wirtschaft nicht los. 

Mit der vierten Corona-Welle sind einige Dinge wieder deutlich turbulenter geworden, als wir es noch vor zwei Monaten gedacht hätten. De facto kann ich praktisch kaum noch irgendwo hinfahren, ohne anschliessend 10 Tage in Quarantäne zu verbringen. Sowas hilft natürlich auch nicht. Vieles lässt sich jedoch per Videokonferenz sehr gut erledigen, das spart auch Reisekosten. 

«Das vorübergehende Abflauen der Windenergie-Branche schlägt sich in unseren Zahlen nieder.»

MITJA SCHULZ

Das Windgeschäft macht mittlerweile 80 Prozent der Einnahmen von Gurit aus. Fällt Ihnen dieses Klumpenrisiko jetzt auf die Füsse? 

Wenn 80 Prozent des Umsatzes in einer einzelnen Branche gemacht werden, und diese dann einen überproportionalen Schritt nach unten macht, merkt man das natürlich in den Umsatzzahlen. Doch was heisst das für uns strategisch? Zunächst stellt sich die Frage: Glauben wir, dass die erneuerbaren Energien – für Gurit ist es federführend die Windenergie – ein langfristiger Wachstumsmarkt ist, in dem wir stark engagiert sein sollten. Das beantworte ich mit einem ganz klaren Ja. Auch unter vollem Bewusstsein, dass die Windindustrie immer wieder volatile Phasen erlebt hat. Da knallt es mal zwei Jahre massiv nach oben, die zwei nächsten Jahre verläuft es wieder eher flacher. Das ist eine Marktgegebenheit in der Branche. 

Gurit nimmt also holprige Phasen im Wachstumsmarkt des Windgeschäfts in Kauf. Welche Fragen stellen sich strategisch noch? 

Ein anderes strategisches Thema ist, ob sich Gurit ein weiteres starkes Standbein erarbeiten muss, um solche Phasen auszugleichen. Auch dies kann ich mit einem klaren Ja beantworten. Gurit kommt historisch aus einer sehr hohen Portfolio-Diversifizierung, die aus meiner Sicht sinnvoll bereinigt wurde. In unserem Marine-Geschäft und im so genannten Industrial-Segment verzeichnen wir auf Jahressicht rund 20 Prozent Wachstum. Dort wird insbesondere das recycelte PET, das wir herstellen, stark nachgefragt. Das kann bis 2025 ein noch deutlich stärkeres Wachstum durchlaufen, als wir es heute sehen. 

Sie mussten in diesem Jahr bereits zwei Mal die Prognose für das Gesamtjahr 2021 senken. Wie zuversichtlich sind Sie, dass Gurit zumindest die jetzt prognostizierten 460 Millionen Franken Jahresumsatz einhalten kann? 

Stand heute sind wir zuversichtlich, dass wir dieses Ziel erreichen. 

Bei der bereinigten Betriebsgewinnmarge streben sie 6-8 Prozent an. Auch hier: Wird das Gurit halten können? 

Hier sind wir ebenfalls zuversichtlich. 

Für den Bau von Windrotorblättern sind die so genannten Leichtbaumaterialien wichtig. Im Gegensatz zu Konkurrenz setzen Sie hier auf den Kunststoff PET anstatt auf Balsaholz. 2021 reichten Ihre PET-Kapazitäten allerdings nicht aus und Sie mussten Balsaholz teuer einkaufen. War es ein Fehler, in der Eigenproduktion voll auf PET zu setzen? 

Dass Gurit ausschliesslich auf PET setzt, wird oft geschrieben, stimmt aber so nicht. Einer unserer Konkurrenten hat stark in den Bereich Balsaholz investiert mit einer eigenen vertikalen Wertschöpfung und eigenen Plantagen. Wir haben das nicht gemacht und eher mit strategischen Lieferantenpartnerschaften in Ecuador oder Indonesien Balsaholz zugekauft und dann in unseren dortigen eigenen Fabriken entsprechend verarbeitet. In den Jahren 2019 und 2020 wurde die natürliche Ressource Balsa immer knapper, getrieben von der extrem gestiegenen Nachfrage in der Windindustrie. 

«Stand heute sind wir zuversichtlich, dass wir die Prognose für das Gesamtjahr 2021 erreichen.»

MITJA SCHULZ

Es heisst, dass auf den Plantagen alles andere als nachhaltig gewirtschaftet wurde. 

Es wurde schnell Cash gemacht. Damit beziehe ich mich explizit nicht auf unseren Wettbewerber, sondern eher auf Holzhändler aus China. Dies führte in der Branche dazu, dass im Prinzip jeder Kunde die Balsa-Knappheit in Form von extremen Preisanstiegen und Lieferengpässen gespürt hat. Dadurch hat sich bei den Kunden die Frage aufgedrängt, ob es nicht Alternativen zu Balsa gibt. Dabei setzen die Kunden primär auf PET. In den letzten zwei, drei Jahren hat sich PET als sehr gut einsetzbares und nachhaltiges Material durchgesetzt, das aus alten PET Flaschen gewonnen wird. Es bietet technologisch eine völlig neue Flexibilität, weil man die Materialeigenschaften designspezifisch verändern kann, was beim Naturprodukt Balsa nur eingeschränkt funktioniert. 

PET ist also die Zukunft, Balsa die Vergangenheit, sagen Sie? 

Die Kunden sagen uns, sie hätten mit Balsa so schlechte Erfahrungen gemacht, was Beschaffung und Verfügbarkeit angeht, dass sie versuchen, Balsa so weit es geht in ihren neuen Rotorblatt-Designs zu eliminieren – und im Regelfall mit PET zu ersetzen.

Also setzen Sie doch voll auf PET?

Es ist richtig, dass wir bei Gurit stärker auf PET setzen. Das zeigen die Investitionen in Europa, China, Mexiko oder in Indien. Dennoch haben wir noch immer unsere Fabrik und unsere strategischen Lieferanten für Balsa in Ecuador. Diese Strukturen haben wir dem neuen Nachfrage-Niveau für Balsa entsprechend angepasst. Zudem hat Balsa ja auch noch einen weiteren Nachteil, über den wir noch gar nicht gesprochen haben.  

Und zwar? 

Balsa wächst nur am Äquator. Wenn ich mir als Unternehmen Nachhaltigkeit auf die Fahne schreibe, will ich das Material nicht über die Ozeane transportieren lassen. Gerade bei den heutigen Frachtkosten wird das immer uninteressanter. Der geografische Nachteil von Balsa spielt eine immer wichtigere Rolle. 

Im Oktober meldeten Sie Probleme bei der Installation einer neuen PET-Extrusionsanlage in Mexiko, was ihr Geschäft beeinträchtigte. Sind Sie diesbezüglich vorangekommen? 

Wir haben die neue Fabrik Ende letzten Jahres sukzessive in Betrieb genommen. Die Anlage wurde komplett auf 'der grünen Wiese' erschaffen. Vor Ort gab es keinerlei Gurit-Infrastruktur oder Knowhow. Wir haben im Anlauf der Fabrik gesehen, dass uns Covid massiv beeinträchtigt hat. Unser Leitwerk für PET ist in China. Die Pandemie hinderte uns daran, das Knowhow von China nach Mexiko zu transferieren. 

Inwiefern? 

Die chinesischen Kollegen konnten nicht reisen und vor Ort die lokale Mannschaft unterstützen. Man versucht dann, diesen Prozess über Telefon und Video-Schaltungen zu bewerkstelligen. Doch es ist nun mal etwas anderes, ob man gemeinsam an der Maschine steht, oder ob man per Video jemanden Anweisungen gibt, diesen oder jenen Knopf zu drücken. Also ja, es war eine grosse Herausforderung, dieses Werk hochzufahren. Wir machen jetzt aber gute Fortschritte, und haben eine tolle und motivierte Mannschaft dort, sodass ich für 2022 sehr optimistisch bin. 

«Ich gehe davon aus, dass sich die Situation mit den Lieferengpässen spätestens in der zweiten Jahreshälfte 2022 normalisiert»

MITJA SCHULZ

Auch in Indien ziehen Sie neue Produktionskapazitäten auf. Wie ist hier der Stand? 

In Indien waren wir im Prinzip in einer ähnlichen Situation, ohne Infrastruktur und Knowhow vor Ort. Da haben wir vieles, was wir in Mexiko gelernt haben, proaktiv übertragen. Und es hilft, dass man jetzt wieder besser nach Indien reisen kann. 

Die ganze Welt redet von Lieferengpässen. Sehen Sie da Licht am Ende des Tunnels? 

Wie jeder andere sind auch wir von der Thematik aktuell betroffen. Das geht damit los, dass die Frachtrouten eingeschränkt verfügbar sind. Kosten für nahezu alle Rohmaterialien haben sich deutlich erhöht, dies gilt ebenso für die Energiekosten. Allerdings gehe ich davon aus, dass sich die Lage spätestens in der zweiten Jahreshälfte 2022 normalisiert. Wir sehen vorsichtige positive Signale, was die Wiederverfügbarkeit von gewissen Transport-Routen betrifft. 

Sie sind jetzt seit fast einem Jahr CEO von Gurit. Wie lautet ihr persönliches Zwischenfazit – turbulent? 

Zunächst einmal fühlen meine Familie und ich uns persönlich sehr wohl hier in der Schweiz. Es ist ein sehr schönes Umfeld, man wird sehr gut aufgenommen. Natürlich war es anfangs nicht ganz einfach, ein Haus zum Wohnen zu finden, aber auch da hat sich schliesslich eine Lösung gefunden. 

Und beruflich? 

Ich habe hier bei Gurit ein starkes Team vorgefunden und mit meinem Vorgänger rund anderthalb Monate gemeinsam agieren dürfen, was mir extrem geholfen hat, 'up to speed' zu kommen. Die Resonanz der Kunden auf unsere Produkte und Services ist durchgängig positiv. Mir gefällt sehr, dass Gurit gemessen am Umsatz zwar nicht zu den Grosskonzernen gehört, aber dennoch sehr global ist. Ich habe eine super Beziehung zu meiner chinesischen Mannschaft aufgebaut, obwohl ich die Kollegen noch nie live getroffen habe. Zudem herrscht bei Gurit eine richtige Hands-on-Mentalität, es wird also angepackt und die Ärmel hochgekrempelt. Ich muss auch sagen, dass ich die Zusammenarbeit mit dem Verwaltungsrat sehr schätze. Vom ersten Tag an spürte ich ein hohes Mass an Vertrauen und gegenseitigem Respekt.

Zur Person: Der Deutsche Mitja Schulz, Jahrgang 1977, führt den Hersteller von Spezialkunststoffen Gurit seit Januar 2021. Davor war er über zehn Jahre in verschiedenen Funktionen bei dem deutschen Zulieferer ZF Group tätig. Dort war er die letzten beiden Jahre CEO der belgischen ZF-Tochter ZF Wind Power. 

Zum Unternehmen: Gurit ist ein global präsenter Verbundwerkstoffspezialist mit Sitz in Wattwill. Zuletzt stieg das Unternehmen, das weltweit etwa 3000 Mitarbeitende beschäftigt, zu einem globalen Marktführer bei der Herstellung von Spezialkunststoffen für die Windbranche auf. Das Wind-Geschäft macht mittlerweile 80 Prozent der Einnahmen von Gurit aus.