Hinter den Werkstoren der grossen Chemiekonzerne rumort es. Vergleichsweise hohe Energiepreise, steigende Rohstoffkosten und erdrückende Auflagen - für viele Unternehmen geht die Rechnung nicht mehr auf. Branchenexperten warnen, die Industrie stehe am Rand des Abgrunds.
Evonik-Chef Christian Kullmann findet drastische Worte für den Wettbewerb aus Asien: «Unsere chinesischen Wettbewerber sind mittlerweile in sehr vielen Produktbereichen technologisch-qualitativ mit uns hier in Europa auf Augenhöhe. Die sind nicht dabei, uns ein Stück weit vom Kuchen wegzunehmen. Die sind dabei, wie Krümelmonster den ganzen Kuchen zu verspeisen.» Die Sorge vieler Manager: Der Kampf um Wettbewerbsfähigkeit könnte kippen - zulasten eines der wichtigsten industriellen Standbeine Deutschlands.
Was sich lange wie eine Branchenflaute anfühlte, bekommt zunehmend den Charakter einer tiefgreifenden Strukturkrise. Das wohl drastischste Urteil dazu liefert eine jüngst von der Barclays-Bank veröffentlichte Studie: Die Analysten erwarten, dass der Grossteil der europäischen Chemieproduktion, der im globalen Wettbewerb steht, in den kommenden zwei Jahrzehnten verschwinden wird, solange Europa keinen Zugang zu billigem russischen Gas zurückgewinnt oder die Überkapazitäten in China deutlich sinken.
Die Investmentbank Goldman Sachs verweist auf die wachsende Nervosität an den Kreditmärkten als Signal für ein strukturelles Problem. Grund dafür sei ein Überangebot, das auf eine vom globalen Wirtschaftswachstum entkoppelte Nachfrage treffe. Die Analysten erwarten daher «eine disruptive Phase der Branchenkonsolidierung» in den kommenden drei Jahren.
Bei den Beschäftigten der Chemieunternehmen wächst die Sorge um Arbeitsplätze. Der Spezialchemiekonzern Wacker verkündete am Donnerstag, bis Ende 2027 mehr als 1500 Arbeitsplätze streichen zu wollen. Der grösste Teil falle an den deutschen Standorten weg. «Insbesondere am Standort Deutschland erweisen sich die viel zu hohen Energiepreise und bürokratische Hemmnisse weiterhin als zentraler Bremsklotz für eine erfolgreiche Entwicklung der chemischen Industrie», erklärte Wacker-Chef Christian Hartel.
Aus Unternehmenskreisen von Covestro wiederum verlautete, der Kunststoffhersteller hätte ohne die Übernahme durch den arabischen Ölkonzern Adnoc als eigenständiges Unternehmen wohl kaum überlebt.
China und die USA ziehen davon – Europa verliert Anschluss
Lanxess-Chef Matthias Zachert beschrieb die Lage jüngst als eine der schwersten Krisen der vergangenen 30 Jahre: «Wir sind nicht mehr zehn vor zwölf in der Industrie, wir haben nach zwölf.» Die Deindustrialisierung sei bereits im Gange mit «Schliessungen von Betrieben, die nicht mehr wiederkommen werden».
Als eine Ursache nannte Zachert einen brutalen Wettbewerb aus China. Europa werde mit Produkten überflutet. Teilweise lieferten chinesische Wettbewerber ihre Ware zu Preisen, «die unter unseren Herstellkosten liegen». Lanxess verschärft seinen Sparkurs erneut.
Andere Unternehmen tun es dem Kölner Spezialchemiekonzern gleich. Branchenprimus BASF hat bereits vor längerem mit Einschnitten an seinem Heimatstandort Ludwigshafen begonnen und unterstreicht die globale Dimension der Krise. «Das Wachstum der weltweiten Chemieproduktion wird in diesem Jahr fast ausschliesslich von China getragen», sagte Vorstandschef Markus Kamieth im Sommer. «Nimmt man China heraus, schrumpft der Rest der Welt.»
Auch der Branchenverband VCI schlug Alarm. Die Chemieproduktion befinde sich auf dem niedrigsten Niveau seit Jahrzehnten. Das Auslandsgeschäft breche in wichtigen Regionen zweistellig ein. Die Auslastung der Anlagen liege mit nur noch 70 Prozent deutlich unter der als rentabel geltenden Schwelle. «Der Knock-out rückt immer näher», warnte Hauptgeschäftsführer Wolfgang Grosse Entrup. «Die Politik muss die Rahmenbedingungen ändern - und das bald», sagte ein Chemie-Manager.
Günstige Energie und Subventionen in den USA
Während die USA mit günstiger Energie und Subventionen locken und China mit Kostenvorteilen Marktanteile gewinnt, verlieren europäische Standorte an Attraktivität. Barclays und Goldman Sachs sehen ein wachsendes Risiko, dass Investitionen in Europa ausbleiben, mit dauerhaften Folgen für Kapazitäten und Wertschöpfung. Zwar plant die Bundesregierung einen Industriestrompreis, um die Energiekosten in Deutschland abzufedern. Doch zweifeln viele, ob die Massnahmen schnell genug wirken. Der VCI forderte von der Politik einen Befreiungsschlag. Statt einer langfristigen Chemie-Agenda 2045 brauche es «20 Massnahmen in den nächsten 45 Tagen», allen voran einen radikalen Bürokratieabbau.
Für einen Standort, dessen industrielle Stärke seit mehr als 150 Jahren auch auf der Chemie beruht, wäre ein dauerhafter Rückzug ein historischer Einschnitt. Die Krise hat auch die nordrhein-westfälische Landesregierung auf den Plan gerufen - über 120.000 Menschen arbeiten in dem Bundesland für die chemisch-pharmazeutische Industrie und die Raffineriewirtschaft. Sie hat mit Industrie und Arbeitnehmern einen Chemie- und Raffineriepakt NRW geschmiedet. Dieser umfasst etwa das Ziel, eine Nachjustierung der CO2-Bepreisung über eine Reform des EU-Emissionshandels zu erreichen. Den Unternehmen soll so Luft zum wettbewerbsfähigen Produzieren verschafft werden.
Die Goldman-Sachs-Analysten sehen auch die Möglichkeit, dass die Energiepreise in Europa durch ein steigendes Angebot von Flüssigerdgas (LNG) sinken könnten. Der Effekt könnte ab 2027 wirksam werden. Doch das Urteil der Barclays-Analysten ist unmissverständlich: Dem klassischen europäischen Chemiegeschäft drohe ein «terminaler Multiplikator von null» - es würde damit langfristig als wertlos angesehen.
(Reuters/cash)
