Angesichts der weiterhin angespannten Lage am Persischen Golf hält sich die EZB laut Bundesbankchef Joachim Nagel alle Optionen für den zum Monatsende anstehenden Zinsentscheid offen. Die für den ‌Öl- ⁠und Gastransport per Schiff wichtige Strasse von Hormus sei die Achillesferse der Weltwirtschaft, sagte er am Mittwoch Bloomberg TV. ⁠Nun gelte es, die weitere Entwicklung an diesem Nadelöhr für den Energietransport abzuwarten: «Zwei Wochen können eine Menge neue Informationen bringen, und das ‌wird mit ins Kalkül gezogen», sagte Nagel. Die Währungshüter seien nicht auf ‌einen Zinspfad festgelegt. Man müsse flexibel bleiben: «Und das ​gibt uns etwas Handlungsspielraum.»

Mit der aktuellen Waffenruhe in Nahost ist von Washington auch die Hoffnung auf ein Ende der Kämpfe genährt worden: US-Präsident Donald Trump geht davon aus, dass der Krieg im Iran in Kürze enden wird. Die Führung in Teheran werde sich auf eine Vereinbarung einlassen. Zudem öffne sich die Strasse von Hormus wieder.

«Nicht in bequemer Situation»

Nagel sagte, derzeit drehe sich alles um Geopolitik und Geoökonomie: Vom geldpolitischen Standpunkt aus befinde man sich «nicht in einer bequemen Situation». Die Lage habe sich im Laufe der vergangenen Woche verbessert, doch sei ​sie weiterhin sehr heikel. Sie sei noch immer mit einer Menge Unsicherheit verbunden. EZB-Chefin ​Christine Lagarde hatte am Vortag zum geldpolitischen Ausblick gesagt, man werde ​bei Bedarf handeln, wenn es die Datenlage erfordere und dann auch nicht zögern. Hinsichtlich der Inflation halte die EZB die Entwicklung ‌auf mittlere Sicht im Auge und werde zugleich die einlaufenden Daten prüfen.

Man müsse sehen, ob sich nur vorübergehende Effekte abzeichneten, über die die Europäische Zentralbank hinwegsehen könne. Bei Anzeichen für langandauernde Auswirkungen sei hingegen unter Umständen entschlossenes Handeln erforderlich. Derzeit ​lasse ​sich noch nicht abschätzen, ob es sich um vorübergehende ⁠Effekte handele oder nicht.

EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel erklärte unterdessen, die Zentralbank müsse ​vermeiden, der Wirtschaft durch eine ⁠vorzeitige Straffung der Geldpolitik «unnötige Kosten» aufzubürden. Die EZB nehme derzeit eine weitgehend neutrale geldpolitische Haltung ein und könne ‌sich die nötige Zeit nehmen, um die Folgen des aktuellen Energieschocks zu analysieren, sagte sie in Washington. Da die Wirtschaft der Eurozone unter den steigenden Kraftstoffpreisen leiden könnte, müsse die EZB ihre ‌Entscheidungen sehr sorgfältig abwägen und weiterhin datenabhängig agieren.

Die EZB hatte die Leitzinsen ​im vergangenen Monat unverändert gelassen. Sie signalisierte allerdings Bereitschaft zu einer strafferen Geldpolitik, sollten die hohen Energiepreise auf die gesamte Wirtschaft übergreifen und durch sogenannte Zweitrundeneffekte die Preise anderer Waren und Dienstleistungen beeinflussen.