JPMorgan Chase hat sich daran gewöhnt, im Privatkundengeschäft die Nummer eins zu sein. In den USA ist Chase der grösste Kreditkartenanbieter und verfügt über das dichteste Filialnetz. Belohnungsprogramme und die markante blaue Marke sprechen mehr Kunden an als bei jeder anderen Bank.
Im Ausland befindet sich JPMorgan jedoch in ungewohntem Terrain. Dort tritt das Institut als Neueinsteiger im Wettbewerb um Privatkunden an. Laut Einreichungen hat die Bank mehr als 1 Milliarde Pfund (1,2 Milliarden Euro) in Chase im Vereinigten Königreich investiert. Sie ist zudem in Deutschland gestartet und plant eine Expansion in weitere europäische Märkte wie Spanien, Frankreich, Italien und die Niederlande, wie mit der Angelegenheit vertraute Personen berichten.
Der Markteintritt in Grossbritannien, der erste ausserhalb der USA, brachte zahlreiche Herausforderungen. Grösse und etablierte Systeme von JPMorgan bremsten zeitweise die Ambitionen, wie digitale Wettbewerber zu agieren und neue Produkte schnell einzuführen. «Ich bin neidisch», sagte JPMorgan-CEO Jamie Dimon in diesem Jahr über Revolut, einen der grössten Konkurrenten in Europa. «Wir haben viel gelernt, indem wir einige dieser Unternehmen beobachtet haben. Und wir müssen manchmal schneller und besser werden.»
Seit dem Start von Chase UK im Jahr 2021 hat JPMorgan Kundenprämien reduziert, Stellen abgebaut und zentrale Produkte nur verzögert eingeführt. Dazu zählt auch eine Kreditkarte, deren Markteinführung sich laut den mit der Angelegenheit vertrauten Personen verzögerte.
Chase UK positioniert sich als reine Mobile-Bank und konkurriert mit etwa vor einem Jahrzehnt gegründeten, technologiegetriebenen Anbietern sowie etablierten lokalen Banken mit ähnlichen Ambitionen. Monzo Bank hat derzeit mehr als 15 Millionen Kunden im Vereinigten Königreich und ist damit die grösste Mobile-Bank nach Nutzerzahl. JPMorgan kommt mit Chase UK auf rund 3 Millionen Kunden.
Nach anderen Kennzahlen liegt Chase UK vorn. Ende 2025 belief sich das Vermögen auf nahezu 30 Milliarden Pfund und lag damit über dem von Monzo. Damit nähert sich die Bank der Obergrenze der britischen Regierung von 35 Milliarden Pfund für die Vermögensverwaltung. Wird diese überschritten, muss sie ihr Privatkundengeschäft abspalten, was die Kreditvergabe begrenzen könnte.
JPMorgan Europe muss daher in den kommenden 12 bis 24 Monaten entscheiden, ob dieser Schritt notwendig wird, so eine der Personen. Gleichzeitig richtet die Bank ihren Fokus stärker auf die Kundenbindung. Nutzer sollen über JPMorgan investieren und Anleger über Chase sparen. Ziel ist es, Chase zur Hauptbank der Kunden zu machen und die intern entwickelte Technologie zu nutzen, die unter dem Codenamen Project FinCloud läuft.
JPMorgan Europe ist eine zentrale Tochter für das internationale Privatkundengeschäft. Laut Einreichungen bei Companies House erzielte das Unternehmen im vergangenen Jahr einen Gewinn von 114 Millionen Pfund. Das entspricht mehr als dem Dreifachen des Werts von 2024, bleibt jedoch deutlich unter den Kapitaleinlagen des Mutterkonzerns. Laut Analysten von UBS liegt das Ergebnis zudem «deutlich unter britischen Wettbewerbern». Der Gewinnanstieg geht vor allem auf Kostensenkungen und höhere Gebühreneinnahmen zurück. Die Marketingausgaben sanken 2025 im Jahresvergleich um etwa 36 Prozent auf 91,1 Millionen Pfund.
Ziel von JPMorgan ist es zudem, das US- und das internationale Privatkundengeschäft enger zu verzahnen, sodass Kunden Geld nahtlos bewegen können. Langfristig soll auch in den USA Technologie eingesetzt werden, die in London entwickelt wurde. «Wir sind mit unseren bisherigen Fortschritten zufrieden und haben einen klaren Plan, um das Wachstum in bestehenden und neuen Märkten zu beschleunigen», erklärte ein Sprecher von JPMorgan Chase.
Chase 2.0
Die Chase-App in Grossbritannien bietet grundlegende Bankfunktionen wie Konten, Budgetplanung, einige Versicherungsprodukte und kostenlose Fremdwährungstransaktionen. Einige digitale Banken haben jedoch zusätzliche Funktionen integriert, darunter Investitionen in einzelne Aktien.
Zudem muss JPMorgan die Besonderheiten der einzelnen Märkte berücksichtigen. Produkte, die in den USA erfolgreich sind, lassen sich nicht immer übertragen. So wird die Kreditkarte Chase Sapphire Reserve ausserhalb der USA nicht angeboten.
Gleichzeitig wächst der Wettbewerbsdruck. Revolut treibt seine Expansion mit dem Ziel von 100 Millionen Kunden voran und hat einen Standort in Paris eröffnet, wo das Unternehmen eine Banklizenz anstrebt. Monzo baut nach Erhalt einer EU-Lizenz Präsenz in Spanien auf. Goldman Sachs prüft eine Ausweitung seines Privatkundengeschäfts Marcus in Irland.
JPMorgan hat zuletzt seine Cashback-Regeln in Grossbritannien angepasst und bietet nun 2 Prozent Rückvergütung auf alltägliche Ausgaben wie Lebensmittel, Gastronomie und Transport. Voraussetzung ist jedoch, dass Kunden monatlich mindestens 15 Kartenzahlungen tätigen und mindestens 1000 Pfund Guthaben halten. Versuche grosser Banken, digitale Ableger aufzubauen, waren nicht immer erfolgreich. Projekte wie Zing von HSBC, Bó von NatWest und Pingit von Barclays wurden eingestellt.
Für Chase UK erwarten Analysten von der UBS, dass die Gewinnung von Einlagen und Entwicklungskosten kurzfristig im Fokus stehen. Niedrigere Einlagenkosten und eine stärkere Kreditvergabe könnten die Eigenkapitalrendite verbessern.
In Deutschland bietet Chase ein gebührenfreies Sparkonto mit einem Zinssatz von 4 Prozent pro Jahr für die ersten vier Monate an. «Wir haben in Deutschland eine starke Sparkultur mit erheblichem ungenutztem Potenzial», sagte Daniel Llano Manibardo, Leiter von Chase in Deutschland.
(Bloomberg/cash)

