Russlands Präsident Wladimir Putin hat zwei Nestlé-Gesellschaften unter eine vorübergehende russische Verwaltung gestellt, wie am Donnerstagabend bekannt wurde. Betroffen sind Nestlé Russia und Nestlé Kuban. Die von den Gesellschaften in der Schweiz und Deutschland gehaltenen Anteile werden vollständig von der russischen Firma L.E.V. Management verwaltet.
Nestlé bleibt zwar Eigentümer der betroffenen Geschäfte, kann aber vorerst nicht mehr selbst über die Beteiligungen bestimmen. Auch die französische Supermarktkette Auchan ist von ähnlichen Massnahmen betroffen.
Es ist – inmitten zunehmender Spannungen zwischen Russland und Europa – laut Bloomberg die grösste Übernahme ausländischer Unternehmenswerte durch Russland seit mindestens 2024. Der Umsatz, den Nestlé in Russland erzielt, wird auf 1 bis 2 Prozent oder rund 2 Milliarden Franken geschätzt. Der Wert des Nestlé-Geschäftes beläuft sich auf 1,5 bis 1,7 Milliarden Franken.
Russland hat am Freitag die Zwangsverwaltung des Russland-Geschäfts von Nestlé und weiteren europäischen Unternehmen mit deren Herkunft aus sogenannten «unfreundlichen Ländern» begründet. Die Schweiz hatte sich 2022 im Zuge des Ukraine-Kriegs den Sanktionen der Europäischen Union gegen Russland angeschlossen.
«Schritt hin zu einem möglichen Eigentümerwechsel»
Nestlé werde alle notwendigen Massnahmen ergreifen, um seine Rechte zu schützen und den Fortbetrieb im Interesse der Mitarbeiter zu sichern, wie der Nahrungsmittelkonzern am Freitag mitteilte. Nestlé betreibt in Russland insgesamt sechs Werke und beschäftigt dabei rund 7000 Mitarbeiter.
Viele westliche Firmen hielten ihre Geschäftstätigkeit nach dem Beginn des Angriffskrieges von Russland auf die Ukraine aufrecht, unter anderem in der Hoffnung auf einen Machtwechsel in Russland. Das ist nicht eingetreten. Nestlé hatte nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 entschieden, sein Geschäft in Russland nicht vollständig einzustellen. Der Konzern begründete dies damals damit, dass er als Lebensmittelhersteller auch in Konfliktregionen die Bevölkerung weiterhin mit grundlegenden Nahrungsmitteln versorgen wolle.
Mit Blick auf die politische Lage in Russland und die fehlende Unabhängigkeit der Justiz sind die angekündigten Massnahmen von Nestlé, seine Rechte schützen zu wollen, kaum von Erfolg gekrönt. «Wir werten das Dekret als Schritt hin zu einem möglichen Eigentümerwechsel», sagt auch Warren Ackerman, Analyst bei Barclays, bei Bloomberg.
Denn Russland setzt die Fremdverwaltung seit 2023 immer wieder bei westlichen Unternehmen ein. Der französische Lebensmittelkonzern Danone verkaufte sein Russland-Geschäft 2024 für rund 180 Millionen Euro und verbuchte insgesamt einen Verlust von 1,2 Milliarden Euro, nachdem die Behörden es unter vorübergehende staatliche Verwaltung gestellt hatten.
Nestlé-Abschreiber von 1 Milliarde Franken möglich
Den Brauereikonzernen Carlsberg und Heineken ging es nach der Zwangsverwaltung durch Russland ähnlich. Ende 2024 schloss Carlsberg seinen Rückzug aus Russland mit einem Management-Buyout über 320 Millionen Dollar ab. Heineken wiederum gab seine russische Tochter für den symbolischen Preis von einem Euro ab und verbuchte einen Verlust von 300 Millionen Euro. Bei beiden Unternehmen kam es aber nicht zu einer nachhaltigen Beeinträchtigung des Aktienkurses.
Die Analysten der US-Bank JPMorgan hielten schon Mitte August den Verlust des Russland-Geschäfts von Nestlé für möglich. Sollte Nestlé zu einem Verkauf gezwungen werden und dabei kaum einen Erlös erzielen, könnte dies den Gewinn je Aktie um rund 3 bis 4 Prozent schmälern, so JPMorgan. Ein Verlust über die russischen Vermögenswerte könnte laut Jefferies bei Nestlé zu einer Abschreibung von etwa 1 Milliarde Franken führen.
Die Bank Vontobel erwartet zwar nur einen marginalen Einfluss auf den Gesamtumsatz bei Nestlé, wie es in einer Reaktion am Freitag heisst. Dennoch sei dies negativ für die Stimmung, und die Aussicht auf eine Wertminderung von Vermögenswerten oder eine ungünstige Veräusserung erhöhe sich.

