Analysten sehen das erste Quartal für Nestlé und den neuen CEO Philipp Navratil noch als Aufwärmrunde, der Härtetest für seine Wachstumsversprechen dürfte spätestens im zweiten Halbjahr folgen. Sondereffekte wie der Babynahrungsrückruf und die US-Zölle sowie Währungseinflüsse sorgen beim weltgrössten Nahrungsmittelhersteller für einen verhaltenen Jahresauftakt.
Gemäss dem AWP-Konsens von acht Analysten dürfte das wichtige Mengenwachstum (RIG) von zuvor 0,7 Prozent auf 0,2 Prozent zurückgegangen sein. Das signalisiert für die ersten drei Monate des Geschäftsjahres eine äusserst fragile Nachfrageentwicklung.
Insgesamt dürfte der Nahrungsmittelmulti damit beim organischen Wachstum vor allem dank Preiseffekten zugelegt haben. Insbesondere im Vergleich zu den beiden vergangenen Quartalen mit einem organischen Wachstum von 4,0 und 4,3 Prozent wird nun eine markante Abschwächung auf 2,5 Prozent erwartet.
Währungseffekte werden den Analysten zufolge die Entwicklungen auffressen und letztlich zu einem Umsatzrückgang führen. So dürfte der Lebensmittelmulti 21,248 Milliarden Franken Umsatz im ersten Quartal 2026 erzielt haben, nach 22,6 Milliarden im Vorjahresquartal. Gewinnzahlen gibt Nestlé zum ersten Quartal nicht bekannt.
Warum fällt das Wachstum verhalten aus?
Belastend wirkt unter anderem der weltweite Rückruf von mit Gift belasteter Säuglingsnahrung Anfang des Jahres. Vorübergehend geleerte Regale und Konsumenten, welche die Nestlé-Marken liegen liessen, drückten das Wachstum. Das Management rechnete im Vorfeld mit einem Effekt von rund 90 Basispunkten. Auch im Tierfuttergeschäft dämpfte ein schwächeres Volumenwachstum die Dynamik. So hatten gewisse Kunden Käufe wegen Preiserhöhungen per Anfang Jahr noch im 4. Quartal 2025 vorgezogen. Dies drückt im 1. Quartal 2026 auf das organische Wachstum im Umfang von geschätzt 20 Basispunkten.
Welchen Einfluss hat der Krieg im Nahen Osten?
Neben dem allgemeinen Wettbewerbsdruck wird interessant sein zu sehen, wie der am 28. Februar ausgebrochene Krieg im Nahen Osten zu Buche schlägt und schlagen wird. Massgebend sind stark höhere Preise für Energie, Verpackung und Logistik sowie mögliche Lieferkettenprobleme. Analysten rechnen wegen Treibstoffmangels und höherer Preise vor allem in Südostasien mit einem schwächeren Geschäft im zweiten Quartal. Nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs 2022 hatte Nestlé Preiserhöhungen als Haupthebel genutzt, um die durch den Konflikt ausgelöste Kostenwelle abzufedern - mit entsprechend anhaltend schwachem Volumenwachstum.
Worauf achten Analysten sonst noch?
Im Fokus der Analysten steht die Perspektive für den weiteren Jahresverlauf. Analysten achten vor allem auf Anzeichen einer Beschleunigung beim Mengenwachstum sowie auf die Margenentwicklung in der zweiten Jahreshälfte. So sollen sich unter anderem höhere Marketingausgaben, zusätzliche Kapazitäten und eine stabilere Nachfrage das Volumenwachstum schrittweise ankurbeln. Zudem könnten Aussagen zum Portfolioumbau zusätzliche Impulse liefern. Im Raum stehen weiterhin Verkäufe oder Partnerschaften im Vitamingeschäft, bei den Mineralwassermarken sowie im Glacébereich - alles margenschwächere Geschäftsbereiche.
Wie steht es um den Aktienkurs?
Seit die neue Nestlé-Führungscrew um Präsident Pablo Isla und CEO Philipp Navratil im letzten Herbst am Ruder ist, sind die Nestlé-Aktien unter dem Strich kaum vom Fleck gekommen. Zu Beginn herrschte mit dem frischen Wind, der Ankündigung eines Sparprogramms und der Strategie für schnelleres Wachstum an der Börse Euphorie. Diese verpuffte aber rasch wieder, die Anleger warten weiter auf klare Zeichen für einen Turnaround. Seit Jahresbeginn verloren die Titel etwa 2 Prozent, und schneiden damit schlechter ab als der weitgehend flache Gesamtmarkt (SMI).
Aktuell wird die Aktie des Nahrungsmittelmultis von elf Experten und Expertinnen zum Kauf empfohlen. Zehn raten zum Halten, zwei zum Verkauf. Das durchschnittliche Kursziel sehen sie bei 86,71 Franken - etwa knapp 15 Prozent über dem aktuellen Kursniveau.
(AWP/cash)
