Viele Investoren setzten ihre Hoffnungen zum Jahresende 2025 auf Nestlé. Die Aktie stand auf zahlreichen Empfehlungslisten von Banken und Brokern für das Jahr 2026. Mit einem Plus von 7 Prozent erzielte der Nahrungsmittelhersteller 2025 an der Börse denn auch die erste positive Jahresleistung nach drei Minusjahren. 2024 sank die Aktie 20 Prozent, zuvor 10 Prozent im 2023 - und 16 Prozent im 2022.

Und dann das: Mit einer Minusperformance von 5 Prozent steht Nestlé nach nur drei Handelstagen im neuen Jahr an zweitletzter Stelle aller Aktien im Swiss Market Index (SMI). Mit 74,60 Franken ist der Titel auf den tiefsten Stand seit drei Monaten abgesackt. Das derzeitige Niveau ist nicht weit weg von einem neuen Neun-Jahres-Tief.

Auslöser der Kursbaisse ist der Rückruf von bestimmten Produkten Säuglingsnahrung von Nestlé, der sich mittlerweile über Europa hinaus auf Afrika, Amerika und Asien ausdehnt. Rund 40 Länder sind davon betroffen, darunter Brasilien, China und Südafrika.

Grund ist eine mögliche Verunreinigung von Produkten mit Cereulid, einem Giftstoff, der Übelkeit und Erbrechen verursachen kann. Ursache sei ein technischer Reinigungsdefekt in einem Zulieferbetrieb, durch den es im Dezember zu einer Verunreinigung eines Öls, das als Inhaltsstoff verwendet wird, gekommen sei, so Nestlé. Bestätigte Krankheitsfälle im Zusammenhang gibt es bis jetzt nicht.

Säuglingsnahrung macht weniger als 0,5 Prozent des Jahresumsatzes von Nestlé aus

Zwar macht der freiwillige Rückruf von Chargen von Babynahrung deutlich weniger als 0,5 Prozent des Jahresumsatzes des Lebensmittelkonzerns aus, teilte Nestlé am Dienstag auf der Homepage mit. Der überproportionale Rückgang des Aktienkurses lässt aber darauf schliessen, dass die Investoren den Rückruf als nicht unerheblichen Reputationsschaden für den Konzern einstufen.

Das sieht auch Vontobel-Analyst Jean-Philippe Bertschy so: «Das Reputationsrisiko ist für uns ein grösseres Problem als die absoluten finanziellen Auswirkungen», wie er am Donnerstagmorgen schreibt. «Säuglingsnahrung ist eine strategisch wichtige Kategorie, die hohes Vertrauen erfordert. Nestlé macht hier 20 Prozent des globalen Markts aus.» 

Der Vorfall hinterlasse einen bitteren Beigeschmack, was Nestlés Umsetzung und Kommunikation betreffe, so Bertschy weiter. Dies seinen wichtige Prioritäten für die neue Unternehmensleitung, an die hohe Erwartungen gestellt wurden. Die internationale Konsumentenschutzorganisation Foodwatch kritisierte denn auch die zurückhaltende Informationspolitik von Nestlé zum Fall mit der Säuglingsnahrung. 

«Für Anleger ist dies alles andere als beruhigend und weckt erneut Bedenken hinsichtlich der Kontrolle in einem reputationssensiblen Segment», schreibt Analyst Bertschy mit dem Hinweis, dass Nestlé einer der Aktien-Favoriten für 2026 sei.

Rückschlag für Nestlé-CEO Philipp Navratil

Der Rückzug von Säuglingsnahrung ist ein Rückschlag für Nestlé-CEO Philipp Navratil, der Anfang September sein Amt mit dem Anspruch eines neuen Kommunikationsstils angetreten war. «Ich gehe die Dinge mit einem frischen Blick an - alte Dogmen halten mich nicht zurück. Von mir können Sie Transparenz und Verantwortungsbewusstsein erwarten», sagte Navratil Mitte Oktober an einer Telefonkonferenz mit Analysten.

Navratil war bei Amtsantritt der dritte Nestlé-Chef in eineinhalb Jahren - nach den Entlassungen von Mark Schneider und Ende August auch Laurent Freixe, dessen undeklarierte Liebesaffäre mit einer untergebenen Mitarbeiterin den Konzern endgültig in eine Vertrauenskrise stürzte. Auch Verwaltungsratspräsident Paul Bulcke musste daraufhin den Hut nehmen. Auf ihn folgte der Spanier Pablo Isla.

Mit ihm zusammen muss Navratil den Nahrungsmitteldampfer wieder auf Kurs bringen. Investoren erwarten Devestitionen, Schuldenabbbau, operatives Wachstum und die Umsetzung des angekündigten Stellenabbaus. Navratil hatte im Oktober ein Kostensparprogramm mit dem Abbau von über 16'000 Arbeitsplätzen ausgerufen.

Doch vorerst muss der Fall mit dem Rückruf von Säuglingsnahrung vom Tisch. Nestlé müsse nun ein klares, weltweites Update vorlegen, sobald das ganze Ausmass bekannt sei, um das Vertrauen wiederherzustellen, fordert Vontobel-Analyst Jean-Philippe Bertschy.

 

Daniel Hügli
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