In einem ersten Schritt sollen die Zölle für bestimmte Importfahrzeuge aus der EU auf 40 Prozent reduziert werden. Später sollen es nach Angaben der EU zehn Prozent sein. Zunächst sollen die niedrigeren Zölle für ein Kontingent von 250.000 Fahrzeugen jährlich gelten. Dabei geht es um Verbrennerautos mit einem Preis von mehr als 15.000 Euro. «Der Anfang ist gemacht», sagte Stefan Bratzel, Gründer und Direktor des CAM Center of Automotive Management.
Experten sehen die niedrigeren Zölle als Chance vor allem für die europäischen Premiumhersteller. Bislang jedenfalls spielen Unternehmen wie Volkswagen, Mercedes-Benz oder BMW in der aufstrebenden Volksrepublik kaum eine Rolle. Derzeit kommen europäische Autobauer zusammen auf einen Marktanteil von weniger als vier Prozent in Indien. Platzhirsch ist der japanische Hersteller Suzuki Motor, gefolgt von den heimischen Autobauern Mahindra und Tata.
Reuters hatte bereits am Wochenende von Insidern von den geplanten Zollerleichterungen erfahren. In der Autobranche kommt die Aussicht auf niedrigere Zölle gut an. «Wir begrüssen die positiven Signale zur Unterstützung der Liberalisierung der Handelsbeziehungen zwischen der Europäischen Union und Indien», erklärte ein Volkswagen-Sprecher im Vorfeld. Indien sei ein dynamisch wachsender Markt und von erheblicher strategischer Bedeutung für den Volkswagen-Konzern. Eine Mercedes-Sprecherin sagte, Indien sei ein bedeutender Emerging Market mit langfristigem Wachstums- und Absatzpotenzial. «Wir sind davon überzeugt, dass sowohl Automobilhersteller in der EU als auch in Indien grundsätzlich von reduzierten Zöllen, dem Abbau nichttarifärer Handelshemmnisse und der Schaffung neuer Import- und Exportsynergien zwischen den beiden Regionen profitieren können.» BMW und der Branchenverband VDA wollten sich vor Unterzeichnung des Abkommens nicht äussern.
Extrem hohe Zölle und der Wunsch nach billigen Autos
Mit dem Handelsabkommen dürfte es nun leichter werden, Boden zu fassen. Bislang hatten nach Einschätzung von Experten vor allem zwei Gründe das Indien-Geschäft erschwert. Zum einen hat Indien seinen Automarkt bislang stark mit Zöllen abgeschottet. So waren für Einfuhren aus der EU Importabgaben von bis zu 110 Prozent fällig, so viel wie in keinem anderen grossen Wirtschaftsraum sonst. Das macht die Einfuhr von fertigen Autos unattraktiv. Um die hohen Abgaben zumindest teilweise zu umgehen, betreiben BMW, Mercedes und VW eigene Montagewerke in Indien. 2025 verkaufte Volkswagen in Indien gut 70.000 Autos, immerhin ist das in etwa doppelt so viel wie im Jahr davor. Zum Vergleich: Allein vom Bestseller Golf verkaufte Volkswagen in Deutschland 2025 mehr als 85.000 Stück. Noch niedriger ist der Absatz von BMW und Mercedes mit jeweils knapp 20.000 Fahrzeugen.
Zum anderen seien in Indien vor allem günstige Autos gefragt, welche die Europäer nicht im Angebot hätten, sagte CAM-Experte Bratzel. Suzuki sei geschickter dabei vorgegangen, eine lokale Wertschöpfungskette aufzubauen. Zudem könne der japanische Hersteller auf die in Japan beliebten Kei Cars zurückgreifen, das sind besonders günstige Kleinstwagen. Es sei nicht zu spät, das Indien-Geschäft auszubauen, sagte Bratzel. «Es wäre ein wichtiger Schritt, wenn Modi sieht, dass es mit den USA immer schwieriger wird und er neue Verbündete braucht.»
Denn der indische Markt verspricht Wachstum. In dem Land leben mehr als 1,4 Milliarden Menschen, zugleich werden gerade einmal vier Millionen Autos jährlich verkauft. Bis 2030 soll sich diese Zahl auf sechs Millionen jährlich erhöhen. Rico Luman, Analyst bei der Bank ING sagte, ein Handelsabkommen zwischen der EU und Indien könnte mittelfristig zu einer Chance für die europäische Industrie werden. «Der indische Automarkt steht immer noch am Anfang seiner Entwicklung, was heisst, dass deutliches Wachstumspotenzial in Sicht ist.»
(Reuters)

