Die EZB ist mit Blick auf den jüngsten Inflationsanstieg im Zuge des Iran-Krieges auf der Hut. «Zum jetzigen Zeitpunkt sind Folgewirkungen noch nicht deutlich erkennbar, das Risiko sollte jedoch nicht unterschätzt werden», warnte der bulgarische Notenbankchef Dimitar Radew in einem am Dienstag veröffentlichten Reuters-Interview. Sollte sich der Energiepreisschock ausbreiten und das Preisverhalten im weiteren Sinne beeinflussen, könne sich die Lage im Vergleich zu einem stabileren Umfeld relativ schnell verändern: «Die EZB sollte rechtzeitig handeln», mahnte der Bulgare. Laut seinem griechischen EZB-Ratskollegen Yannis Stournaras ist mit einer restriktiveren Geldpolitik zu rechnen, sollte sich der Druck durch steigende Energiepreise auf die mittelfristigen Inflationserwartungen und die Lohnentwicklung auswirken.
Die Preise im Euroraum sind seit Ausbruch des Iran-Krieges kräftig gestiegen und schüren Inflationssorgen. Die Verbraucherpreise legten im März um durchschnittlich 2,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat zu. Die EZB strebt eine Teuerungsrate von 2,0 Prozent an, die sie als optimal für die Wirtschaft im Euroraum ansieht. An den Finanzmärkten wird auf eine mögliche Zinserhöhung Ende des Monats spekuliert. EZB-Chefin Christine Lagarde und andere Währungshüter haben zuletzt bekräftigt, dass sie vorerst die Folgen des Iran-Kriegs abwarten wollen. Die Währungshüter haben zugleich deutlich gemacht, dass sie notfalls handeln und gegensteuern würden. Seit Mitte 2025 steht der Leitzins unverändert bei 2,00 Prozent.
EZB steckt im Dilemma
EZB-Direktor Frank Elderson erklärte, die wiederholten Energiepreisschocks machten es der Zentralbank zusehends schwierig, ihr Preisstabilitätsziel zu erreichen. «Wir haben es mit einem komplexen Szenario zu tun, das nicht leicht zu bewältigen ist», erklärte er in einem EZB-Blog. Versuche man, die Inflation durch Straffen der geldpolitischen Zügel einzudämmen, könne dies den Konjunkturabschwung vertiefen: «Lockert man sie zur Wachstumsförderung, kann dies die Inflation verfestigen», fügte der Niederländer hinzu.
Die aktuelle Öl- und Gaskrise, die durch die Blockade der Strasse von Hormus ausgelöst wurde, ist dem Leiter der Internationalen Energieagentur (IEA) zufolge schwerwiegender als die Krisen von 1973, 1979 und 2022 zusammen. «Die Welt hat noch nie eine Unterbrechung der Energieversorgung dieses Ausmasses erlebt», sagte Fatih Birol der französischen Zeitung «Le Figaro». Die EZB stehe wegen des Ölpreisschocks vor einer schwierigen Entscheidung, erläuterte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Die massiv steigende Inflation lege für sich genommen höhere Leitzinsen nahe, um die Teuerungsrate wieder auf das Ziel von 2,0 Prozent zu drücken.
Allerdings dämpfe der höhere Ölpreis gleichzeitig die Konjunktur, was später die Inflation wieder senke und für sich genommen für unveränderte Leitzinsen spreche: «In dieser widersprüchlichen Situation sollte sich die EZB an den langfristigen Inflationserwartungen orientieren und ihre Leitzinsen im Zweifel bereits auf der nächsten Sitzung Ende April erhöhen», erklärte der Experte. Stiegen die Inflationserwartungen deutlich über zwei Prozent, würden sie zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung: «Rechnen beispielsweise Gewerkschaften für die kommenden Jahre mit einer hohen Inflation, fordern sie schon heute höhere Lohnanstiege und treiben die Inflation nach oben.»
(Reuters)

