Novartis habe sich in den USA verpflichtet, neue Arzneien in anderen einkommensstarken Ländern zu vergleichbaren Preisen auf den Markt zu bringen, sagte Finanzchef Mukul Mehta am Dienstag der Nachrichtenagentur Reuters. Wenn europäische Länder ihre Erstattungspolitik nicht anpassten, werde es zu einem sogenannten «Drug Lag» kommen, also einer verzögerten Verfügbarkeit für die Patienten. Als Negativbeispiel nannte Mehta Deutschland: Die dortige Diskussion über eine Erhöhung des gesetzlichen Herstellerrabatts laufe der US-Vereinbarung genau zuwider, da sie den Preisabstand zu den USA weiter vergrössere.
Novartis reiht sich damit in die Kritik anderer Branchenvertreter ein. So hatte Roche-Chef Thomas Schinecker in der vergangenen Woche davor gewarnt, dass Europa in der Medikamentenforschung wegen ausufernder Bürokratie weiter hinter die USA und China zurückzufallen drohe. AstraZeneca-Chef Pascal Soriot hatte wegen geplanter Sparmassnahmen sogar gedroht, keine neuen Medikamente mehr in Deutschland einzuführen. Auch der Chef von Boehringer Ingelheim, Shashank Deshpande, befürchtet angesichts des Drucks der US-Regierung eine Abwanderung der Industrie, sollte die Erstattung in Europa zu restriktiv bleiben: «Es muss uns allen klar sein, dass hier sicherlich die Zukunft der Pharmaindustrie ein Stück weit auf dem Spiel steht», sagte er Reuters.
Mehta verteidigte die US-Vereinbarungen mit den hohen Entwicklungskosten. Novartis investiere jährlich mehr als zehn Milliarden Dollar in Forschung und Entwicklung und erwarte dafür eine angemessene Rendite. Einer gesetzlichen Verankerung der US-Preisregeln, wie sie die Regierung von US-Präsident Donald Trump anstrebt, erteilte er jedoch eine Absage. Um die Kosten für US-Patienten zu senken, forderte Mehta stattdessen Reformen bei den sogenannten Pharmacy Benefit Managern (PBM). Diese Zwischenhändler im US-Gesundheitssystem strichen einen Grossteil der Rabatte ein, ohne zur Innovation beizutragen.
Gelassen zeigte sich der Finanzchef mit Blick auf den anstehenden Patentablauf für das Herzmedikament Entresto in Europa, der für Ende November erwartet wird. Der Umsatzrückgang werde hier durch Generika weniger steil ausfallen als in den USA, wo billigere Nachahmerpräparate die Bilanz im ersten Quartal bereits stark belasteten. Auch die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten und schwankende Energiepreise bereiten dem Konzern Mehta zufolge derzeit keine Sorgen. Novartis sei kein grosser Energieverbraucher und sichere sich daher auch nicht gegen Preisschwankungen bei Rohstoffen ab.
(Reuters)

